Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 68 (25.8.1892)
- Date
- 1892-08-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1295 Ich konnte es nicht erwarten, so bald als möglich zu Dir zu eilen, vor Allem Dich zu fragen, ob Du mir über den braven, jungen Mann Auskunft ertheilen könntest, ich hoffte, daß Du dies zu thun vermagst, — es darf ja ohnexDeine Bewilligung kein fremder Jude in Wien üb rnachten; — aber seit wenigen Minuten bin ich überzeugt, daß Du ihn kennst. Der junge Mann, mit dem ich beim Eintreten in Dein Kabinet zusammenstieß, entspricht dem Bilde, das Lea von ihrem Retter entwarf und die kaum vernarbte Wunde an seiner Stirne läßt keinen Zweifel darüber, daß er es in der Thal ist." „Der junge Mann nannte sich mir Rafael Levi und steht seit einigen Wochen in meinen Diensten, — das aber ist auch Alles, was ich über ihn weiß." „Dann bitte ich Dich, lieber Oheim, Dich genau zu informiren; da er Dein Commis und Hausgenosse ist, hast Du das Recht ihn über seine Verhältnisse und seine Vergangenheit zu befragen." „Ich habe mich dieses Rechtes begeben." „Weßhalb, warum?" „Ich bedauere, es auch die Gründe, die mich hierzu veranlassen, verschweigen zu müssen." Ella Arnstein blickte überrascht auf. „Was ich von Dir höre, ist nur geeignet meine Verlegenheit zu voller Rathlostgkeit zu steigern, wenn mir nicht Deine Weisheit einen Ausweg zeigt. Ein jedes Mädchen kann sich stolz und glücklich fühlen Perez Markbreiters Gattin zu werden, mein Mann kann sich keinen bessern Schwiegersohn wünschen — und Lea verschmäht ihn, ohne ihn auch nur zu kennen! Das wird meinen Gatten aufbrtngen. Er liebt unser Kind nicht weniger als ich, er würde für unsere Lea das höchste Opfer bringen, aber ihm fehlt die Nachsicht der Mutterliebe, je mehr er Lea liebt, desto mehr wird ihn ihr Widerspruch erbittern; — sie aber ist ihres Vaters echte, rechte Tochter, sie besitzt seine vortrefflichen Eigenschaften, aber auch dessen Festigkeit, dessen unbeugsamen Sinn; — es wird schwere, harte Kämpfe geben. . . . Ganz anders aber wäre es, wenn ich mich auf die Seite meines Kindes stellen, für. dessen Wünsche einen vernünftigen Grund angeben könnte — ein solcher wäre gefunden gewesen , wenn Du, lieber Oheim, mir Günstiges über den jungen Mann zu berichten gewußt hättest — aber wie die Sachen jetzt stehen, weiß ich in der That nicht, was ich beginnen soll. — Kann ich von meinem Mann verlangen, daß er Perez Markbreiter abweise, seine Einwilligung zur Ehe unserer Tochter mit einem uns völlig Unbekannten ertheile? Es kann ja sein, daß dieser ihrer uuwürdig, daß er schon verheirathet ist, — ich fürchte das unglückselige Eceigniß vor acht Tagen, wird unser ruhiges Familienglück unheilbar vergiften. Was soll ich thun? sprich Du, guter, weiser Oheim!" „Vor Allem Dich beruhigen und auf Gott vertrauen, der, wenn er nur will, Alles zum Guten lenken kann. Was aber meinen Rath betrifft, fußt er auf den weisen Ausspruch des Talmuds: Schew we all taasze odif, zu deutsch: Wenn Du schwankst, ob Du etwas thun oder unterlassen sollst und Dir das Eine genau so richtig als das Andere erscheint, so unterlasse die That! — In den meisten Fällen wirkt eine Unterlassung, selbst wenn sie sich später als unzweckmäßig erweist, minder schädlich als eine unzweckmäßige Handlung. — Verschweige vorläufig Deinem Gatten die Begegnung Deines Kindes mit Rafael Levi und warte ruhig ab bis Perez Markbreiter zum Besuche bei Euch anlangt. Es wäre ja möglich, daß Lea des jungen Mannes vergäße." „Du kennst eben mein Kind nicht so genau, als ich es kenne, das glaub' ich nicht!" „Ich habe ja nicht gesagt, daß ich es glaube — aber möglich wär's — endlich wäre es ja auch möglich, daß Perez Markbretter daraus verzichtet, Euer Schwiegersohn zu werden." „Auch das glaub' ich nicht!" fiel Ella Arnstein in ihrem Mutterstolz verletzt, dem Oheim rasch ins Wort, und dieser erwiederte nochmals ruhig: „Ich glaube es auch nicht, aber möglich wäre es immerhin. — Ich will Dir, mein liebes Kind, meinen Rath nicht aufdrängen. Rath ertheilen ist in der Regel das undankbarste Geschäft, erweist er sich als gut, dann lobt jeder nur sich selbst, daß er ihn als gut erkannte, mißlingt's, dann tadelt man nicht sich selbst, das man ihn befolgte, sondern nur jenen, der ihn ertheilte; — aber ich will immer das Rechte thun, ohne auf Lob und Tadel Rücksicht zu nehmen; darum möchte ich Dir nochmals empfehlen, Deinem Gatten die Begegnung Leas mit meinem Commis zu verschweigen. Du wirst dadurch Dir, Deinem Gatten und Deinem Kinde wenigstens eine Zeit lang manchen Verdruß ersparen; —allerdings wird es Dir peinlich werden vor Deinem Gatten etwas zu verheimlichen, allein wie die Verhältnisse liegen, ist dies nicht nur erlaubt, sondern sogar Deine Pflicht. Natürlich kannst Du auch nichts thun, um Perez Markbreiters angekündigten Besuch zu verhindern. Er muß in einigen Tagen nach Wien kommen, um Rechnung mit mir zu pflegen. Kommt Zeit, kommt Rath. Zuweilen treffen unerwartete Ereignisse ein und oft gestalten sich die Dinge anders, als man gehofft oder gefürchtet." „Ich werde Deinem weisen Rathe folgen, Onkel, schon Deiner schönen Stimme milder Klang wirkt beruhigend auf mich und getröstet und hoffnungsvoll scheid' ich von Dir."