Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 67 (22.8.1892)
- Date
- 1892-08-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1279 Wertheimer blickte befremdet auf. „Du und Dein lieber Mann, Ihr wäret ja vor Kurzem bei mir und theiltet mir mit, daß Aron Markbreiter in Nikolsburg, durch einen der vornehmsten Schadchonim2) einen völlig glaub- und vertrauenswürdigen Manne, bei Euch anfragen ließ, ob Ihr geneigt wärt, seinem einzigen Sohne die Hand Eurer Tochter zu gewähren. Ihr fraget mich um meine Meinung, ich habe sie offen ausgesprochen und mittlerweile nicht geändert. — Dein Gatte ist ein hochgeachteter Mann, Du und er, Ihr beide entstammt vornehmen Familien, Lea ist ein Mädchen von seltener Schönheit, ungewöhnlicher Bildung, endlich seid Ihr auch im Stande Eurem Kinde eine Mitgift zu geben, die selbst sehr hohe Ansprüche befriedigen könnte. Trotz alledem könnt Ihr es doch, soweit menschliche Voraussicht reicht, als eine Gnade Gottes betrachten, wenn Perez Marktbreiter Euer Schwiegersohn wird. Ich kenne sowohl die Verhältnisse des Hauses, als den jungen Mann, ganz genau. Wir sind ja — wenn auch entfernt — miteinander verwandt; auch stehe ich mit Markbreiter in lebhaftem Geschäftsverkehre. Er ist mein Sublieferant für Militärtuche, die er von den mährischen Tuchmachern für mich zusammenkauft. In der Regel pflegt Perez die Verrechnungen mit mir. Er ist ein großgcwachsencr, schöner Mann von feinster Lebensart. Er hat, bevor er in das Geschäft seines Vater eintrat, die Prager Jeschiwo3) besucht und schon im Alter von scchszehn Jahren, dort für den besten Bachnr 4) gegolten. Dem Grundsätze, der in unserer Familie hochgehalten wird: Jofe Thoro im derech erez5), huldigend, hat Aron Markbreiter für seinen Sohn auch in allen Zweigen profanen Wissens die trefflichsten Lehrer gehalten. Ueberdies ist Perez auch ein tüchtiger Kaufmann; obgleich er erst vor Kurzem das vierundzwanzigste Lebensjahr erreichte, ist er doch schon die Seele des Geschäftes und fein Vater hat ihn als Compagnon in seine alte, geachtete Firma ausgenommen. Dabei ist er fromm, sittsam, bescheiden und ein Sohn der an Kindesliebe und Elternverehrung, Doma ben nasina6) nicht nachsteht. Sein Vater gleicht Deinem Gatten, liebe Nichte, er ist ein wenig eigensinnig und herrisch, und Perez, der, wo es ihm für recht dünkt, selbstbewußt und imponirend aufzutreten vermag, unterordnet sich in Allem wider¬ 2) Ehevermittler. 3) Talmiid-Thora-Hochschule. 4) Talmudjünger. 5) Schön ist's, wenn sich die Kemitniß der Gotteslehre mit jener profanen Wissens verbindet. 6) Ein im Talmud (Keduschin Fol. 31a und Awodo soro Fol. 32 b) wegen seiner Vaterverehrung als Muster aufgestellter Heide. Diese talmudische Erzählung war zu jener Zeit, auch gebildeten jüdischen Frauen nicht unbekannt. spruchslos dem Willen seines Vaters. Auch zählt die Familie Markbreiter zu den vornehmsten der Judenheit. Reb Arons Frau ist die Tochter des Nikolsburger Vorstehers Reb Salmon Koppels, er selbst gilt als der reichste und einflußreichste Jude in Mähren. — Ihr wart ja auch entschlossen, den günstigen Antrag für Eure Tochter anzunehmen. Ich wüßte nicht, was sich dieser Verbindung entgegenstellen könnte. Es erscheint mir fast undenkbar, daß die beiden herrlichen jungen Menschen nicht Gefallen aneinanderfänden. — Hat etwa, gegen mein Bermuthen, Aron Markbreiter bezüglich der Mitgift so hohe Ansprüche erhoben, daß selbst Ihr, diese nicht zu befriedigen vermögt?" „Nein Onkel, das ist es nicht. Ueber Wunsch des Vermittlers und um überflüssige Verhandlungen zu vermeiden, sind mein Gatte und Aron Markbreiter in Briefwechsel miteinander getreten. Dieser, der es ja bei seinem großen Reichthum in der That nicht nöthig hat, bei der Wahl seiner Schwiegertochter auf Vermögen zu sehen und überdies weiß, daß Lca unser einzig Kind ist, hat erklärt , daß es ihm völlig gletchgiltig sei, was wir unserem Kinde als Brautschatz geben; gestern erhielten wir wieder einen Brief, in welchem er uns anzeigte, sein Sohn würde in geschäftlichen Angelegenheiten nach Wien reisen und er würde diesen beauftragen uns zu besuchen, damit die jungen Leute einander kennen lernten. Obwohl er dies nicht ausdrücklich schrieb, schien doch aus seinem Briefe hervorzugehen, daß er seinem Sohne noch nichts von dem Projekte mitgetheilt. Meinem Gatten gefiel dies ausbündig gut, er glaubt, daß junge, unerfahrene Leute sich bet der Wahl der Lebensgefährten ganz auf das reife Urtheil ihrer Eltern verlassen sollten und auch er wollte unserer Lea, um ihr ihre Unbefangenheit zu erhalten, nicht eher etwas über das verabredete Projekt mittheilen, als bis Perez Markbreiter hier gewesen; mir aber hätte es das Herz abgedrückt, vor Lea etwas, das sie selbst betrifft, geheim zu halten, ich theilte ihr Alles mit und Lea fiel mir schluchzend um den Hals und gestand mir: sie habe ihr Herz an einen jungen Mann verloren, dem sie zu höchstem Dank verpflichtet." „Wer ist der junge Mann?" „Lea hat ihn nur ein einziges Mal gesprochen und kennt seinen Namen nicht. — Vor acht Tagen war sie in den späten Nachmittagsstunden zu Besuch bei ihrer Freundin Sara Oppenheimer und diese fiel plötzlich ohne vorhergehendes Unwohlsein wie leblos zu Boden. Ihre Eltern waren nicht zu Hause und während die Dienstmädchen die Ohnmächtige entkleideten und zu Bette brachten, eilte unsere teilnehmende Lea zu dem nächstwohnenden