Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 67 (22.8.1892)
- Date
- 1892-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1277 Die Juden hier beeilen sich wieder, um sich mit diesen fremden Kaufleuten besser verständigen zu können, sich auch deren Sprache anzueignen und gibt es hier schon viele jüdische Geschäftsleute, die nebst dem Persischen oder Türkischen, das ihre Muttersprache ist, auch geläufig Russisch, das heute fast in ganz Mittelasien verbreitet ist, dann Französisch oder Englisch sprechen und in diesen Sprachen auch mit ihren Geschäftsfreunden correspondiren. Hat sich doch unser Großrabbiner, Rabbi Chajim Hakohen, der auch als Oberrichter (Kadi) der Juden unseres Khanats fungirt, gezwungen gesehen, bei feinem Beth-Din (Tribunale) russische Dolmetscher anzustellen, um so die Rechtshändel zwischen hiesigen und russischen Juden besser schlichten zu können. Noch vor sechs Jahren war es hier üblich, daß, wenn Juden eine Reise z. B. nach Tiflis machen wollten, sie warten mußten, bis eine Karawana nach dieser Stadt abging, der sie sich nur nach vielem Bitten anschließen durften. Hierauf mußten sie sich mit Waffen und auch mit Proviant auf mehrere Tage versehen, denn die Reise ging durch eine Wüste, in der man leider zu oft mit Räubern oder wilden Thieren zusammentraf, während es dort weder Lebensmittel noch Wasser zu kaufen gab. Heute dagegen besteigt man Sonntags Früh hier den Bahnzug, nimmt in einem Coup« zweiter Ctasse Platz und dampft gemächlich nach Tiflis ab, und Freitag Abends sitzt man dann wieder wohlbehalten hier im Kreise seiner Familie. Zu der eben jetzt in Ntschnt-Nowgorod stattfindenden Messe haben sich nicht nur viele Juden von hier, sondern auch aus den benachbarten Gemeinden Samarkand, Khokand, Chodschend und Margilan begeben, und führten sie Maaren von unberechenbarem Werthe mit sich. Starb früher hier ein Jude, so fiel seine Familie gewöhnlich, d. h. wenn sie nicht bemittelt war, der Gemeinde zur Last. Heute extstiren schon hier mehrere Agentien russischer Versicherungsgesellschaften — diese Agentien sind fast ausnahmslos in den Händen von Juden — und kann daher auch der minder Bemittelte seiner Familie für den Fall seines Ablebens eine ausgiebige Rente verschaffen. Der Wohlstand der Juden hier hat mit Eröffnung der Transkaspibahn bedeutend zugenommen, und mit dem Wohlstände hielten Bildung und Gesittung, Sicherheit und Ruhe gleichen Schritt. > vermischtes. < _ Berlin Der Jnftizmiuister v. Schelling hat seinen Strafantrag wegen Beleidigung gegen Ahlwardt, verübt durch die Schrift: „Der Verzweiflungskampf der arischen Völker mit dem Judenthum, 3. Theil: jüdische Taktik", zurückgezogen und das Gericht hat dem Angeklagten mitgetheilt, daß deshalb das Strafverfahreu^gegen ihn eingestellt sei. Was den Herrn Justizminister zu diesem Schritte veranlaßt hat, ist nicht mitgetheilt. Berlin, 3. August. Graf Otto Moltke, Major a. D., zuletzt im Großen Generalstabe, erklärt in einem Schreiben, d. d. Norderney, 30. Juli, daß er „weder den zweifelhaften Vorzug besitze, den Herrn Rektor Ahlwardt, noch „Ahlwardt's Ende" zu kennen, noch jemals mit dem Erstgenannten Beziehung gesucht oder unterhalten zu haben," sowie daß er seit mehr als Jahresfrist Berlin und seine dortige Wohnung in der Lüneburgerstraße 4 verlassen habe. Die scharfe Abweisung aller jeglicher Beziehungen zu Ahlwardt freut uns um des reinen und großen Namens Moltke willen; jetzt bleibt nur die Frage, welcher Graf Moltke dem Rektor a. D. die Schriften des verstorbenen Generalfeldmarschalls gewidmet hat. Oder sollte Ahlwardt auch in diesem Falle geflunkert haben? Berlin, 14. August. In dem Berichte der „Staatsbürgerztg." über ein Fest des „deutschen Antisemitenbnndes" war zu lesen, daß eine preußische Militärkapelle den Festgenossen aufgespielt und auch einen „Antisemitenmarsch" zum Vortrag gebracht habe. Auf eine Anfrage ans ihrem Leserkreise, warum sie dies nicht mitgetheilt habe, erklärt die „Freis. Ztg." in ihrem Briefkasten: „Wir haben aber von der Meldung keine Notiz genommen, weil eine ähnliche früher einmal aus Hamburg von uns übernommene antisemitische Ankündigung von Seiten der Militärbehörde als Beleidigung aufgefaßt wurde und, da sie sich als eine antisemitische Lüge herausstellte, zu einer Verurteilung des damaligen verantwortlichen Redakteurs führte. Wir nehmen daher auch diesmal an, daß die Mittheilung der „Staatsbürgerzeitung" eine falsche ist." Jetzt hat die Militärbehörde das Wort! Wien, 12. August. Vor dem Rudolphsheimer Einzelrichter, Adjuncten Dr. Kichler, erschien am 8. d. der in Meiding, Schulgasse 38, etablirte Wäschefeinputzer Anton Brat der Uebertretung der leichten Körperverletzung und der wörtlichen wie auch thätlichen Ehrenbeleidigung angeklagr. Als Privatbetheiligter und Privatankläger erschien der 42jährige jüdische Hausirer Moriz Blum. Am 16. Juli d. I. (einem Samstage) ging Herr Blum mit seinen drei Kindern durch die Meidlingergasse in Sechshaus. Unmittelbar vor dem Polizei-Bezirks-Commissariate kam ihm Brat, der ihm ganz unbekannt war, entgegen. „Saujud, enk soll man Niederschlagen!" rief Brat und erhob die Hand. „Was wollen Sie?" fragte Blum bestürzt. Die Antwort war eine schallende Ohrfeige. Herr Blum eilte in die Wachstube des Commissariates und veranlaßte die Arretirung des rohen Menschen. Doch auch im Amtszimmer war Blum vor Beschimpfung und Mißhandlung noch nicht sicher. Während der Aufnahme seines Nationales schrie Brat: „Gebt's nur dem Juden Recht, laßt's mi zu dem Juden hin!" und ehe die anwesenden Polizei-Agenten es zu hindern vermochten, stürzte Brat auf Blum zu und versetzte diesem einen wuchtigen Faustschlag ins Gesicht, in Folge dessen sofort das linke Auge aufschwoll. „I allan schlag' die Juden alle todt," rief Brat nach dieser Leistung.