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Der Israelit · 1892-08-22 · Heft 67 (22.8.1892) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 67 (22.8.1892)
Date
1892-08-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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1275 Wir glauben doch, daß bei diesen Parteien über die Mission des Judenthums eine ziemlich entgegengesetzte Anschauung herrrscht. Ueber die glorreiche Vergangenheit kann ja möglicherweise die Reformvartei ähnlich denken, wie wir; aber doch mit dem großen Unterschiede, daß sie die Vergangenheit nur als eine historische Thatsache anerkennt, ihr aber auf die Gegenwart und die Zukunft keinen Einfluß gestatten will, während die orthodoxe Partei die Gegenwart eng an die Vergangenheit anlehnt und ihr den größten Einfluß, ja den allein maßgebenden bestimmenden Einfluß einräumt. Doch warten wir ab. was in dieser Sache weiter verhandelt wird. Vielleicht werden wir die uns jetzt nicht ganz klaren Ideen des Cultusvorstandes besser verstehen und richtiger würdigen. Immerhin aber ist cs bemerkenswerth, daß man aus der andern Seite den vollständigen Bankerut des Reformjudenthums offen und unverblümt etnränmt. Zeitungsnachrichten nnd Correspondenzeu. Deutschland. Mainz, 18. August. Wir haben bereits mitgetheilt, daß wahrend der Verhandlungen des Buschhoff- Prozesses in Cleve auch ein Schreiben Rohlings an den Gerichtshof einlief, in welchem dieser überwiesene Fälscher sich gegen den von Professor Noeldeke wider ihn erhobenen Vorwurf der Frivolität verwahrte und darauf hinwies, daß Delitzsch, der sich gegen Rohling erklärt hatte, „durch die in zwei Auflagen bei Fritsch in Leipzig 1887 erschienene Victor'sche Schrift bei dem Prozeß Rohling-Bloch widerlegt wurde". Der Rohling'schc Brief an den Gerichtshof schloß: „Im Angesicht des Todes und meines ewigen Richters kann ich nicht anders reden und muß bekennen, daß die Blutbeschuldigung Wahrheit ist." Rohling beruft sich also auf Victor. Victor aber ist — Rohling selbst! Dies hat jüngst Dr. Bloch in Wien eruirt. So ist Rohling, wenn anders das oben erwähnte Schreiben an den Gerichtshof zu Cleve keine Fälschung ist, was wir nicht annehmen können, da sich sonst Herr Rohling gegen die Verfasserschaft wohl verwahrt hätte, im Rückfalle meineidig geworden. Berlin, 9. August. Der „Vorwärts", das Organ der deutschen Socialdemokratie schreibt: „Die jüdischen Weber Kolomeas streiken. Sie verdienten sammt Familie bei 15-stündiger täglicher Arbeitszeit 1— 3 Gulden pro Woche. Die Räume, in welchen sie in den kleinen Fabriken arbeiten mußten, sind Pesthöhlen. Am 24. Juli beschlossen diese Aermsten der Armen, in einer im Bethaus des Rabbi abgehaltcnen Versammlung, zunächst in den kleinen Fabriken zu streiken, um bessere Löhne und gesündere Arbeitsräume zu erringen; ebenso soll das Uebermaß von Lehrlingen verhütet und der Gewerbeinspektor zur Inspektion und strengen Durchführung der Gesetze eingeladen werden. Um sich vor Streikbrechern zu schützen, griff man zu einem religiösen Mittel. Eine Gcbetrolle, die Thora, wurde von zwei Aeltesten aus der Bundeslade herausgenommen, einer der Aeltesten trat an den Tisch und sagte unter feierlicher Stille die Eidesformel her, welche die für den Ansstand bestimmten Arbeiter der kleinen Fabriken, den Finger an der Rolle haltend, wiederholten. Die Eidesformel lautete: „Ich schwöre bei Gott dem Allmächtigen, so lange nicht zu arbeiten, bis die Preise mir nicht erhöht werden und die Genossen mir mit Schutz und Unterstützung („Schütz und Stütz,,) beistehen werden. So helfe mir Gott, sonst falle sein Fluch auf mich." „Amen", sprachen Alle weihevoll. Ein Siomite wurde zur Durchführung der Beschüsse gewählt und die Versammlung geschlossen. Von Montag den 25. Juli, an feierten die kleinen Fabriken. Montag früh gingen drei Arbeiter, die sich vor dem Schwure absentirt hatten, zur Arbeit. Sie wurden gewaltsam von den eindringenden feiernden Genossen hinter dem Webstnhl hervorgezogen. Die städtische Polizei richtete nichts aus und bis die Fabrikanten denunzirten und Gendarmerie vom Bezirkshanptmann erhielten, erklärten auch die Streikbrecher, feiern zu wollen. „Die feiernden Genossen," sagt die Wiener „Arbeiterzeitung", „sind dem Hunger preisgegeben; ohne Vorbereitung, in einer feindlichen Umgebung, rechnen sie auf die Hilfe der auswärtigen Genossen, von denen eine ferne Kunde zu ihnen drang. Mögen die Genossen die Jnternationalität auch hier beweisen und den ausgebeuteten jüdischen Genossen mit Hilfe bcistehcn. Die Zahl der Streikenden ist eine größere geworden, gegenwärtig stehen gegen 400 Talesweber im Streik. 'Mögen die Genossen allerorts ihr Möglichstes thun, damit die jüdischen Arbeitsbriider überzeugt werden, daß wir in jedem der Arbeiter, er mag was immer für einer Nation, was immer für einer Konfession angehören, den Bruder erblicken. Die Ausbeutung wird international, interkonfessionell betrieben, und muß von diesem Standpunkte aus bekämpft werden. Spenden nehmen entgegen: Administration der „Arbeiter-Zeitung", Wien, Gumpendorferstr. 60, Redaktion des „Textilarbeiters" in Reichenberg und „Robotnik" in Lemberg." „Wir schließen uns den Worten unseres Wiener Bruderorgans an nnd empfehlen den deutschen Arbeitern wärmstens, der jüdischen Proletarier drüben im Osten nicht zu vergessen. Wenn je so wird hier schnellste Hilfe die beste sein." Berlin, 17. August. Der antisemitische Agitator Dr. jnr. Tesdorpf aus Hamburg bereist gegenwärtig das westfälische Industriegebiet, um durch Vorträge für den Antisemitismus Propaganda zu machen. Eine auf gestern Abend in Bochum berufene Versammlung konnte wegen mangelhafter Betheiligung der Bürgerschaft nicht stattfinden. Ans Nordfchleswig wird dem „B. T. geschrieben: „30tit erstaunlicher Ausdauer hält die Antisemitenpartei an dem Plane fest eine Allianz mit der dänischen Protestpartei zu schließen. Was dem „Deutschen Antisemitenbund" nicht gelang, sucht jetzt der antisemitische „Verein für das Völkerrecht" zu erreichen. Von Berlin aus hat die Leitung dieses Vereins eine Aufforderung zur Unter-

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