Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 67 (22.8.1892)
- Date
- 1892-08-22
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1274 noch nicht langer Zeit solcheMuster gewesen. DieWiener Frauen der isr. Cultusgemeinde sind el en im Allgemeinen nicht das, was wir j ü d. F r a u e n nennen. Es gibt aber, Gott sei Dank, in Wien und außerhalb Wiens noch gar viele echt jüd. Frauen, die auch heute noch als Muster religiösen Gefühles und frommen Sinnes gelten können. Die niypis o’bo sind noch überall zahlreich vorhanden, ganz so wie in vergangenen Zetten, in den jüdischen Familien. Jüdische Sitte und Tugend kann der Wiener Cultusvorstand auch heutigen Tages noch finden, wenn er sich bemühen will in das jüdische Haus einzutreten und dort das Leben und W^ben der jüdischen Hausfrau aus eigener Anschauung kennen zu lernen. Es bedarf nicht erst eines von außerhalb entlehnten Musters. Hören wir aber den Grund dieser traurigen Erscheinung bei den Wiener Frauen. „Es ist wohl dies zumeist darin begründet, daß wir für die Frauen keinen eigentlichen Kultus haben; für die Dauer ist ein solcher Zu st and unstatthaft, denn eine Familie kann eben so wenig wie ein Staat für die Dauer ohne Religion gedeihen." Wie?! hat man in Reformkreisen nicht die C o nf i r m a t i o n eingeführt? Erhalten da nicht die Mädchen Religionsunterricht? Lernen sie da nicht einen von den Predigern, also den berufensten Organen, aus dem jüdischen Religionsgesetze mit allem geläu terten Geschmack der Neuzeit als Extract hergesteüten Katechismus auswendig? Und vorher sind sie doch auch in der Schule in Religion unterrichtet worden? Und sind es nicht gerade die Frauen, welche die Temvel am zahlreichsten frequentiren, die erbauenden Predigten hören, da sie ja auch besser Zeit dazu haben, als die armen Männer, denen ja, wie der Cultusvorstand beklagt, gerade an Samstagen und Feiertagen „bei der heutigen entwickelten, umfangreichen Geschäftsthätigkeit derBesuch desTempels unmöglich ist"?! Mit den Frauen fängt der Culusvorstand au, und mit den Männern hört er auf. Es scheint also, daß auch bei diesen das religiöse Gefühl und der fromme Sinn arg gesunken sein muß. Die können aber nichts dazu, da sie die Predigten, „die nur an Sanistagen und Feiertagen" statlfinden, nichl irnt anhören können. Ob da nicht eine Sonntagspredigt einzuführen wäre, wo der Besuch des Tempels möglich ist?! Da könnten dann Männer und Frauen, Söhne und Töchter, Comniis und Beamte, ihr religiöses Gefühl und ihren frommen Sinn wieder auffrischen und kräftigen! — Aber daß die Frauen „keinen eigentlichen Cultus haben", ist nicht ganz klar. Die frommen jüdischen Frauen besitzen seit Vorzeiten einen Cultus. In erster Linie wachen sie über ihr jüdisches Haus, walten darin ihrer jüdischen Hausfrauenpflicht, über jüd. Sitte und Tugend, erziehen ihre Söhne und Töchter in jüdischem Sinne und Geiste. Aber auch die fromme jüdische Frau lernt das nicht alles in der Religionsstunde, sondern im elterlichen Hause. Diese jüdische häusliche Erziehung läßt sich durch keine Schule, keinen Religionsunterricht in noch so vielen Stunden, keinen Confirmandenunterricht und keine noch so geistreiche Predigt ersetzen. Daß für die Dauer, wie sich der Cultusvorftand ausdrückt, ein solcher Zustand „unstatthaft" sei, weil ebensowenig wie ein Staat, die Familie ohne Religion gedeihen kann, räumen wir unumwunden ein, wollen aber diese Aeutzerung, als recht charakteristisch, zugleich festnageln. Der Cultusvorftand von Wien spricht es offen aus, daß die Familie heute ohne Religion sei. Und er versteht doch darunter die Familie des modernen Juden. Wenn von so hoher Stelle, wie es ein Wiener Cultusvorstand, als Repräsentant einer so großen und zahlreichen Reformgemeinde ist, eingeräumt wird, daß man auch heute o h n e Religion nicht gedeihen kann, dann ist diese Klage wohl begründet und ein bitterer Vorwurf für die Reform- Rabbinen, die mit ihren Neuerungen das Judenthum bessern, die Andacht im Gotteshause durch Orgel, Predigt und Chor heben, der jüdischen Religion Achtung verschaffen wollten. Der Cultusvorstand kommt deßhalb zu der „Ueberzeugung", daß es „die aller wichtigste Aufgabe eines Gemeindevorstandes ist, sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen und Mittel aufzusuchen, um das religiöse Bewußtsein unserer Glaubensgen offen zu heben und zu befestigen." Das waren, wenn wir nicht irren, dem Sinne nach dieselben Worte, mit denen man seiner Zeit für Einführung von „zeitgemäßen" Reformen plaidirte und darin die alleinseligmachende Religion erblicken wollte. Und jetzt soll wieder das Bedürfniß vorhanden sein, „das religiöse Bewußtsein unserer Glaubensgenossen zu heben und zu befestigen"?! Als Aufgabe stellt sich der Wiener Cultusvorstand, „Mittel zu schaffen, um die Mission desJudenthums, sowie dessen glorreiche Vergangenheit unfern Glaubensgenossen zum Bewußtsein zu bringen." Hierüber, meint der Vorstand, gäbe es „keine Verschiedenheit derAnschauung zwischen denen, die der Orthodoxen- und die der Reform-Partei angehören."