Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 67 (22.8.1892)
- Date
- 1892-08-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. gy. Der Israelit Ein Hentrat-Hrgan für das orthodore Iudenthum. Begründet von vr. Lehma«« in Mainz. Montag, den SS. August LSSS (1892). Leitender Artikel. Gin Wundschreiöen des Wiener Huttusvorstandes. Mit dieser Ueberschrift bringt die „Neuzeit" in einer ihrer jüngsten Nummern eine Einladung in erster Linie an die Vertreter der Gemeinden Berlin, London, Paris, Budapest zu einer Conferenz. Wir können es nur als ein erfreuliches Zeichen der Zeit begrüßen, daß endlich auch in jenen großstädtischen Kreisen, in den Hochburgen des Reformjudenthums, daß es in einem Wiener Cultusvorstande aufzudämmern beginnt und zum Bewußtsein kommt, daß, wie es in den einleitenden Worten heißt: „Der religiöse JMtfMMr tismus im allgemeinen und auch bei unseren Glaubensgenossen in erschreckender Weise fortwährend im Zunehmen begriffen ist." Einem Wiener Cultusvorstand, der keineswegs theologisch, noch viel weniger orthodox, also, wie man das zu deuten beliebt, schwarzseherisch angehaucht ist, ihm wird man es doch sicherlich glauben, daß er aus Erfahrung und Ueberzeugung spricht; man wird und muß cs ihm glauben, daß es sich wenigstens in Wien so verhält, vermuthlich in Berlin, Paris 2c. auch nicht viel besser und in den Provinzialstädten, in erster Linie Oesterreichs, nicht gar viel anders sein mag. In Oesterreich kennt man ja seine Pappenheimer. Aber aufrichtig gesagt, wir freuen uns in erster Linie, daß man anfängt einzugestehen, es sei doch nicht Alles, wie es sein sollte, also zugesteht, daß man „am Ende vom Liede" ist und das Fiasko, welches die Bestrebungen der Reform auf dem Gebiete der Religionsbesserung erlitten, eine nicht mehr abzuleugnende Thatsache ist. Wir quittiren aufrichtig über dieses rückhaltlose, offene Zugeständniß. Kommen wir zu dem zweiten Satze dieses interessanten Bekenntnisses! „Ganz besonders beklagenswerth und dringend der Abhilfe bedürftig erscheint uns an dieser Calamität noch der Umstand, daß dieses Schwinden des religiösen Sinnes in auffälligster Weise und mehr noch als bei den Männern bei den Frauen hervor tritt." Ja, ja, das „cherchez la femme“ scheint nicht nur in Frankreich, sondern auch in Oesterreich und sogar bei dem Wiener Cultusvorstand der Urgrund alles Uebels und aller Schuld zu sein! Wie schlimm müssen die Wiener jüdischen Damen sein! Sie werden sich über das ihnen vom Cultusvorstande ausgestellte Religionszeugniß, das in so unhöflicher, alle Rücksicht auf die Damen außr^ -Acht lassender Weise aller Wett vorgezeigt wird, wohl schönstens bedanken. Doch überlaffen wir das denselben! Aber im Ernste gesprochen, wie traurig müssen die jüdischen Verhältnisse dort sein, wie tief läßt diese Aeußerung blicken! Also noch schlimmer als die Männer sind diese Frauen! Freilich, da ist Gefahr im Verzüge. Denn die Männer sind heute bekanntlich die Sclaven der Frauen. Was wird da aus den armen Männern werden! Oder haben vielleicht doch die Männer Schuld, daß die Frauen so schlimm sind? Das läßt sich wohl schwer entscheiden. Jedenfalls muß es in Wien sehr schlimm sein. Doch hören wir weiter! „Muster und Quellen religiösen Gefühles und frommen Sinnes, wie es die jüdischen Frauen in nicht zu ferner Vergangenheit waren, müssen sie heute in diesen hervorragendsten weiblichen Tugenden von Frauen anderer Bekenntnisse sich oft den Vorrang ablaufen lassen." Die Wiener israelitischen Frauen sind also keine Muster religiösen Gefühles und frommen Sinnes. Geben wir das zu. Aber der Vorstand räumt ein, daß „die jüdischen Frauen" vor