Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1892)
- Date
- 1892-08-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1254 der aus dem Grabe gestiegenen Jünger des spanischen Inquisitors bejubelt werden. Aus dem dumpfigen Modern der Gruft erbebt sich der begrabene Haß und vollführt neue Thateu des Entsetzens, die Mark und Bein erstarren machen, und so mischen sich in die stille Betrachtung der Tragödie aus dem Ende des 15. Jahrhundert die gellenden Hilfrufe aus dem Spanien des Nordens am Ausgange des 19. Jahrhunderts. Noch dürfen wir uns darum der stillen Betrachtung allein nicht weihen, denn der Lebende und Leidende hat ein Recht auf unsere thätige Tbeiluahme, während wir den verklärten Märtyrern nur Thränen der Klage und Wehmuth widmen können. Das traurige Drama, das sich vor unseren Augen abspielt, erfordert mehr als Thränen und mehr als unthätiges Gedenken, hier gilt es, seiner natürlichen Entwickelung kühn in die Zügel zu fallen, dem Jammer, der sich sonst entfaltet, mit kräftiger Hand zu steuern, daß er nicht die Verwüstungen anrichten kann, wie in jenen Tagen der heiligen Jsabella. Das Gedenkjahr der Vertreibung aber soll uns mit dem Muth und der Kraft erfüllen, deren wir in diesen schweren Tagen zur Erfüllung unserer Bruderpflicht bedürfen. Wo aber ist der Sinn und der Ernst, in dieser Auffassung den Gedenktag der spanischen Tragödie zu würdigen? Ist der Ernst vorhanden, der uns zu einer großen und traurigen Feier zusammenrufen sollte? Der Ernst, der fast über den ganzen Bannkreis, der unseren Stamm umschließt, sich gebreitet hat, kann nicht grausiger, die Verhältnisse nicht trüber und trauriger sein, aber ihre Eindrücke auf das abgestumpfte Geschlecht sind gehemmt und matt. Der Gleichmut!) läßt sich aus dem sanften und bequemen Schlummer nicht aufrütteln, die ernsten Ursachen erzeugen nicht mehr die ernsten Wirkungen auf unsere Gemüther. Wie ganz anders versteht es ein anderes Volk, das durch die Schule der Leiden gegangen, seiner Trauer einen würdigen Ausdruck zu geben. Die Polen haben keine gewaltsamen Vertreibungen, keine Folterqualen, keine Glaubensverfolgungen und Menschenverbrennungen zu beklagen, und doch wissen sie dem Jahr, das ihrer Selbstständigkeit ein Ende bereitete, ein Gepräge von Traurigkeit ^und würdiger Zurückhaltung aufzudrücken, das uns als ein schönes Zeichen ehrenden Selbstbewußtseins gilt. Der nordische Bär hält auch die Polen mit eherner Tatze umklammert, und russische Brutalität läßt nicht einmal den Ausruf des Schmerzes ungehindert sich der Brust der Geknechteten entringen. Er begnügt sich nicht mit der Nieder- und Unterwerfung der Nationen, die Grausamkeit übertrifft in seiner Hand sich selbst, auch der Seele freier Schlag muß er zur Erde Niederdrücken, ihre göttlichen Schwingen zu Boden treten, um jede menschlichem Geiste eingeborene Regung mit den plumpen, blinden Keulen der Gewalt unbarmherzig niederzuschlagen. Den freiwilligen Entschluß des polnischen Adels und des zur Gesellschaft sich zählenden Theils, sich in diesem Jahre aller Lustbarkeiten und rauschenden Vergnügungen enthalten, beantwortete der Inhaber der Gewalt in Polen bekanntlich mit bestialischem Hohne entsprungenen Worten: Wenn Ihr nicht freiwillig tanzt, werde ich Euch schon tanzen lehren, und zwang so die vor Schmerz blutende Seele zu gekünstelter, äußerlicher Freude, während das Herz von innerer Trauer und Gedrücktheit sich zusammenkrampfte, der unedle Feind übergießt die Opfer seiner Mißhandlung noch mit den erbitterndsten Demüthigungen und Kränkungen. Wer gedenkt hier nicht vergleichend jenes Ausdrucks klagender Wemuth der Scelenvergewaltigung, wie sie so rührend und ergreifend aus dem Psalm 137 zu uns spricht. Um so mehr Hochachtung zollen wir einem so gedrückten Volke, das um keinen Preis sich seiner Würde zu entäußern gewillt ist. Aber nicht den Gefühlen des Mitleids und der Sympathie mit einem leidensverwandten Volke Ausdruckzu verleihen, ist der- Zweck dieser Zeilen. Er ist ein ungleich höherer. Die Judenheit soll in diesem nachahmenswerthen Verhalten eines seiner Freiheit beraubten Volkes, ein Vorbild für sein eigenes erblicken. Aehnliche Empfindungen der Trauer ziehen, oder sollten auch durch unsere Brust in diesen Tagen ziehen, wo die kaum vernarbten Wunden, die fromme Glaubenswuth uns einst geschlagen, von neuem sich zu unheilbarer Kluft erweitern. Unser Weh, das in der Vergangenheit sowohl, wie das nun über uns Hereinbrechende ist unvergleichlich tiefer, furchtbarer und gewaltiger, die tiefeingefurchten Spuren, die der Griffel einer marterreichen Geschichte mit dem Herzblut unserer Ahnen in unsere Annalen eingegraben, sind unaustilgbarer und unverwischlicher als die Leidensspuren irgend einer andern Gesammtheit auf der weiten Erde, und doch entlädt sich die vielhundertjährtg aufgespeicherte Electricität des Jammers nicht zu einer achtung- und eindruckgebietenden Kundgebung, die der Gewalt unserer Empfindungen einigermaßen gleichkäme. Gerade unser Gedenkjahr bestürmt uns mit einer Wucht von tausend Gefühlen, die eines großen, thatkräftigen Ausdrucks bedürfen. Oder ist das Judenthum von heute wirklich unfähig, eine seinem bewegten Herzen entsprechende Aeußerung zu finden?