Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1892)
- Date
- 1892-08-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. ■ J\ö 66. Der Israelit Ein Henlrat-Hrgan für das orthodoxe IndenLhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 18. August SSSS (1892). Leitender Artikel. Zur 4. SäKutarfeier dcr Vertreibung der Juden aus Spanien. Ein Appell an das indische Herz. Von Bernhard Traubenberg. Vier Jahrhunderte sind über unsere Häupter hinwcggeschritten, seitdem jener Erlaß des katholischsten Königs die schauerlichen Szenen voll Blut und Elend, voll Entsetzen und Verzweiflung, voll Thränen und erschütternden Jammers über das spanische Israel heranfbeschwor. Und all das markerschütternde Weh, das auf Hispanias blutgesättigter Erde sich znm Himmel rang, es reicht nicht hinan an die Größe des Schmerzes und Unglückes, deren Beute die Vertriebenen und unbarmherzig in die Fremde Verstoßenen wurden. Seitdem hat der Sturm der Geschichte vier Jahrhunderte weiter gerast — eine kurze Spanne im Zeitenraume der Ewigkeit, aber länger als eure Ewigkeit für menschliches Leiden und Dulden; denn was für Spuren bezeichnen diese Strecke des Schicksalslanfes, nachdem die spanischen Märtyrer die Nimmersatten Blutgerüste bestiegen und der noch bemitletdenswerthere Theil der Ueberlebenden, den traurigen Wanderftab ergriff, nur um noch grauenvollerem Elende entgegenzusehen? Nun, zunächst führt der Weg durch ein Meer von Thränen und steinerweichenden Jammers, kein Sonnenstrahl dringt durch das Leidensgewölk, welche Blätter wir auch aufschlagen, die uns die Geschehnisse der Vergangenheit künden, kein Städtchen so eng, kein Land so klein, es hat seinen glaubensnnd bluttriefenden Torquemada, der die ungebändigte Fluth von Zorn und Grimm und Rohheit an den armen Nachkommen der Erzväter kühlen darf. Und die wenigen Sonnenblicke, die das Jahrhundert der Bildung und Aufklärung, des Feuerrossks und der Blitzschrist uns bisher gegönnt, ist es nicht als ob die übergewaltigen Mächte der Finsterniß, geschwollen von giftigem Neid ob des kurzen Lichtstrahls, der auch uns umfangen darf, sich nicht allesammt verschworen hätten, uns ins Verderben abgrundtief zu stürzend Fürwahr, keinen Rückblick in die kaum entschwundene Vergangenheit der Erniedrigung und Knechtung können wir thun, ohne tiefbesorgt die unheilschwangeren Zeichen der Zukunft bekümmerten Herzens zu deuten. Nicht das wehmüthige Gedenken vergangener, stolzer Epochen, Epochen ruhmumstrahlten Glanzes und tiefsten Sturzes, ist es, was unsere Seele allein jetzt erfüllt, dazu fehlt es uns an der Ruhe und Sammlung, die nur das Gefühl der Sicherheit verleiht. Nicht wie eine halbverklunflcite Sage, nicht wie ein schemenhaftes, ersterbendes Wispern und verwehender Hauch tönt es aus jener graucnerfüllten Nacht des Geistes zu uns herauf, nein, die gespenstischen Bilder, die früher unsere Seele im dämmernden Traume erschreckt, sie gewinnen Gestalt und Leben, verdichten sich zu Fleisch und Bein und feiern ein Wiederauferstehen, das der in ewige Ideale eingelullte Sohn des bald beginnenden 20. Jahrhunderts nimmer für möglich gehalten hätte. Die Ideale waren nur zu trügerisch, eine fata morgana in öder, sandiger Wüste, die freundlichen Bilder, die die geschäftige Phantasie uns vor die hoffende Seele gezaubert, zerstieben in alle Winde, und was übrig blieb, das ist die Gluth und Dürre, die nackte, brutale Wirklichkeit, die den blühenden Menschheilstraum unserer erhabenen Gottesmänner aufscheucht und ihn aus dem Bezirk irdischen Lebens und Treibens verjagt. Was die Geschichte thänenumflort uns erzählt, es liegt nicht weit hinter uns, die Vergangenheit will uns nicht zur Vergangenheit werden, als sie ihre wohlverdiente ewige Ruhe finden sollte, ersteht sie uns wieder zu grausiger Gegenwart, in dem Augenblick, wo wir uns anschickten, einen Gedenktag schmerzlicher Art zu begehen, erzittert das Erdenrund von den Schandthaten eines glanbenswüthigen geistlichen Eiferers, die von dem Beifallsgebrüll