Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1892)
- Date
- 1892-08-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448280--34696-2482647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1246 Leuchter, kurz das Werthvollfte, was man hat. Daher sind diejenigen, welche zu so betrügerischen Bedingungen Geld finden, noch nicht sehr zahlreich, und die meisten unter ihnen segnen ihre Wohlthäter. Alle Andern bekommen gar kein Darlehen, da sie nichts zum Pfand hinterlassen können. Es giebt Leute, die Maare weiter verkaufen, im Werthe von 15 oder 20 Kopeken, sie gehen auf den Markt mit zwei oder drei Bündel Radieschen, einige Dutzend Bonbons, 10 Eiern rc. Dazu sind sie auch noch strafbar und unter der steten Angst vor den Polizeibeamten, denn es wird ein Colportageschein gefordert, und dieser Schein kostet 5 Rubel jährlich. Der arme Krämer, den sie fassen, sieht seine Maare umgestürzt, von der Behörde auf das Pflaster geworfen und wird zudem noch mit auf die Wache geführt. Es bricht einem das Herz, zu sehen, wie diese Händler, oder vielmehr diese Händlerinnen, wie Schatten mit ihrer elenden Maare hin und her huschen und allen erdenklichen Erniedrigungen ausgesetzt sind. Unter dieser Zahl finden sich Leute, die vor kurzem noch geachtete Grundbesitzer waren. Bor einigen Wochen sind 10 Familien dieser Art von uns unterstützt worden. Bei sechs von ihnen, die wir wieder ausgesucht, ist „das Kapital" noch unberührt, der Kleinhandel giebt ihnen tägliches Brod, wogegen sie vorher beinahe Hungers starben. Dieselbe Thatsache haben wir bei zwei Familien, die wir vor Ostern unterstützten, constatirt. Dieses Mal gab es keine Tumultscenen, dagegen hat es an herzzerreißenden Bildern nicht gefehlt. „Wir tragen den Leuten das Geld in die Wohnung; unser Name, unsere Adresse bleiben ihnen unbekannt, denn sonst würden wir mit Bitten überschwemmt. Es wäre zu viel, Ihnen Einzelheiten zu geben über die Unglücklichen, denen wir und die Fremden Hilfe bringen; nur einen Fall unter vielen: „Ein Bekannter sieht auf der Straße, wie plötzlich ein Jude zusammenbricht. Er tritt hinzu, um ihn aufzurichten, noch andere springen herbei und es stellt sich heraus, daß der Mann vor Entkräftung gefallen ist, da er seit 8 Tagen nichts gegessen hat; er greift gierig nach einer Citrone, die man ihm reicht, und schlingt sie hinunter mit der Schale. Der Bekannte, selbst ein armer junger Mensch, giebt ihm einige Kopeken und fragt nach seinem Namen. Ich suche ihn am nächsten Tage auf; ich trete in ein ganz kleines Stübchen, wo ich vor Allem eine junge, schöne, aber skelettartig magere Frau sehe; auf einem Bette sitzend hält sie ein Kind, das man für ein kleines Gerippe hält. Dann sehe ich in einer Ecke, vor einem großen Rahmen stehend, einen Mann, der ganz ohne Leben zu sein scheint. Erst nach einigen Minuten bemerkte ich noch zwei andere Kinder auf der Erde. Sie waren ebenso unbeweglich, wie die übrigen Stubenbewohner. „Ich erfuhr, daß der Mann aus Warschau stamme, daß er in Odessa gedient habe und erst seit eine n Jahre militärfrei sei. Er hatte Posamentierstühle gekauft, doch bald fehlte es ihm an Geld, um die nöthigen Zuthaten anzuschaffen. Der eine Stuhl wurde verkauft, um die Miethe zu bezahlen. Man fing an immer öfters zu fasten. Endlich hatte sein Nachbar, ein christlicher Krämer, Mitleid mit ihm, und lieh ihm einen Rubel, wofür er ihm täglich 10 Kopeken Zinsen zahlte. Alle Freitag bringt er diesen Rubel zurück, um ihn sich Sonntag wieder einhändigen zu lassen; nach Abzug der Zinsen bleiben ihm 20—30 Kopeken täglich, um seine Familie zu erhalten. Für dieses Geld bekommt man nicht genügend Brod und kauft eine Art Mehl, das einen Teig giebt, wovon ich eine Probe bei den Kindern vorfand. Der Mann spricht von seinem Gläubiger nur mit tiefempfundener Dankbarkeit, denn er hat ihn vor dem Hungertode bewahrt. In der Stube fand ich nichts, absolut nichts vor, außer dem Bett, welches dem Hausherr gehört und den Possamentierstuhl. Man hielt mich für einen Kunden, und ich ließ die Leute erst bei diesem Glauben. „Wenn ich Euch 10 Rubel ohne Zinsen verschaffe, würdet Ihr Euch ein bischen aus der Verlegenheit ziehen," frug ich? Er sah mich an, ohne zu antworten und schien mich nicht recht zu verstehen. Ich reichte ihm einen 10 Rubelschein, den er gleichfalls sprachlos entgegennahm, dann schrie er wie ein Wahnsinniger : „Mein Hut", und wollte nach der Thür stürzen. Ich sah ihn noch blässer werden und im Begriff hinzufallen; ich brachte ihn auf das Bett und er brauchte eine ganze Weile, um wieder zum Bewußtsein zu kommen. „Wir haben noch einen allmächtigen Gott, Frau, sagte er endlich." Ich gab ihnen noch zwei Rubel, zum Ankauf einiger Möbelstücke und 8 Rubel sollen sie binnen einigen Tagen erhalten. Damit werden sie es wieder zu etwas bringen." Vermischtes. < Paris, 6. August. Von den Juden, die auf Grund der Vexationen und Verfolgungen, denen sie in ihrer russischen Heimath ausgesetzt waren, ihr Geburtsland verlassen haben, hat sich ein Theil auch nach Paris gewandt und dort niedergelassen. Wenige Schritte von der Place du Trone befindet sich ein großes Terrain, auf der einen Seite von der Alexandre Dumas-Straße, auf der anderen durch die Avenue Philippe-Auguste durchschnitten. Dort haben sich nach und nach kleine, baufällige Häuser erhoben, angefüllt mit Frauen und Kindern. Seit dem Jahre 1882 sind russische Juden in großer Zahl nach Paris geflüchtet. Mit Hilfe des Baron Rothschild fanden sie in der Straße Eugöne Sue ein vorläufiges Unterkommen in den Häusern, die für sie gemiethet wurden. Als die Straße Eugene Sue unzureichend wurde, entdeckte man das eingangs erwähnte große Terrain bei der Place du Trone, dessen Eigenthümer den Unglücklichen den Bau von Hütten gestattete, die jetzt eine Oberfläche von tausend Quadratmetern bedecken. Das erste Holzhäuschen, dem man so gut wie möglich die Fenster eines zerstörten Hauses eingesetzt hatte, war eine mit Pappdach versehene Baracke. Nach und nach erhoben sich auf dem Terrain eine Menge kleiner Häuser, sämmtlich nur aus einem Erdgeschoß bestehend, in dem ein Raum als Speisezimmer, als Schlafzimmer, als Küche und Werkstatt für die ganze Familie diente. Diese Hütten ind, soweit sie in der Avenue Philippe-Auguste liegen, roth angestrichen. In einer von ihnen wohnt ein Greis, der vor sechs Jahren aus Petersburg gekommen ist, seine Familie untergebracht und einen kleinen Obfthande!