Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 65 (16.8.1892)
- Date
- 1892-08-16
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Beilage zu M 65 des „Israelit". Zeitungsnachrichten rrnd Correspoudenzeu. Deutschland. Ans Westfalen. Der „Israelit" enthielt vor einiger Zeit einen Artikel, in welchem der Korrespondent seiner Verwunderung Ausdruck gibt, daß in dem Lippe-Waldcck'schen Städtchen Corbach. in welchem circa 25 jüdische Familien ansässig sind, am Freitag Abend nur selten, am rot? Morgen nur knapp po in der Synagoge versammelt ist. Ich erlaube mir, dem Berichterstatter die betrübende Mittheilung zu machen, daß es in Westfalen besonders in den industriellen Distrikten des Reg.-Bcz. Arnsberg und einem großen Theile des Reg.-Vez. Minden mit den relig. Verhältnissen noch weit trauriger bestellt ist. Die älteren Leser dieser Blätter werden sich dieses noch aus meinen in früheren Jahrgängen veröffentlichten Berichten erinnern. Seit dieser Zeit ist keine Wendung zum Besseren eingetreten, im Gegntheil, die Religionslosigkeit nimmt in Folge des hier zu Lande herrschenden Materialismus, Jndifferentismus und der Lethargie gegen alles Höhere und Heilige, immer größere Dimensionen an. Es herrschen hier eben — sehr traurige und betrübende Zustände. Wir übertreiben es sicher nicht, sehen nicht zu schwarz und zeichnen nicht mit zu grellen Farben, wenn wir die Behauptung aufftellcn, daß der Abfall von unserm heil. Religionsgesetze wohl in keinem andern Lande einen solchen Höhepunkt erreicht hat, wie in dem Lande der rothen Erde, in — Westfalen. Um diese für Manchen vielleicht etwas zu kühne Behauptung nicht ganz ohne Beweis zu lassen, wollen wir für heute nur kurz einige Facta aufführen. Im Regbez. Arnsberg gtebt es Städte mit einer jüd. Bevölkerung von 20 bis zu 300 Familien, z. B. Bochum, Witten, Hagen, Iserlohn, Altena, Limburg, Lüdenscheid u. v. a.; Dortmund zählt sicher 400 jüdische Familien. Trotzdem ist es hier zu Lande eine auffallende (?) Erscheinung, wenn am 'p nntv ein oder einige Geschäfte streng geschloffen sind. Von mehreren genannten Gemeinden läßt sich nicht einmal sagen n\3tsn Tyn mn nnDK'OD. Der na» Mn hat hier leider in den letzteren Jahren an Jntensivität gewaltig zugenommen. Rauchen und Kochen an diesen heiligen, Gott geweihten Tagen sind keine auffallende Erscheinungen mehr. Ebenso verhält es sich in Bezug auf nw'iv nfoxo, man macht eben keinen Unterschied mehr, ob der Genuß derselben wrntno oder paYTö verboten ist, sondern man verfährt ganz consequent und tritt Alles mit Füßen. Doch soll ich noch mehr von dem hier herrschenden royns zur Mittheilung bringen? Unsere Feder sträubt sich, deshalb wollen wir sie für heute zurücklegen. Ueber Gottesdienstliche Angelegenheiten und Verwandtes in einem andern Artikel. M. Rosenwald, Iserlohn. Rußland. Rußland. In der letzten Zeit hat das Eentral- Comitö der All. isr. wiederholt Unterstützungen in Rußland an arme Familien austheilen lassen. Abgesehen, daß hierdurch viele, von allem entblößte Unglückliche Brod erhielten, hatten diese Vertheilungen noch den Zweck, zahlreiche Familien in Rußland zurückzuhalten, die ihre Erlösung nur noch in der Auswanderung nach den Bereinigten Staaten erblickten, und deren Fortgang den Auswanderungscomitös in Deutschland und den Hilfscomitös in Amerika große Kosten verursacht hätten. Wir lassen den rührenden Bericht folgen, welchen eine der Personen, die mit diesen Vertheilungen betraut sind, dem Central-Comito zugesandt hat: „Beobachtung und Erfahrung haben uns bewiesen, daß in diesem Augenblick die wichtigste und nutzbringendste Hilfe allenthalben diejenige ist, die den fliegenden Krämern gebracht wird. Ein Verdienst von 20 bis 30 Kopeken täglich wird augenblicklich als befriedigend erachtet, um ihnen zum wenigsten die Möglichkeit zu geben, ihr Leben fristen zu können. Gott weiß, wie es diese Menschen zu Stande bringen mögen, in einer großen Stadt 7 bis 8 Familienmitglieder mit täglich 40 Kopeken zu erhalten. Es ist dies ein entsetzliches Geheimniß, das den Juden allein bekannt ist. Wie dem auch sei, so ist es das Ideal für Tausende von Familienvätern und Müttern. Dieses Ideal wird nahezu durch den fliegenden Handel erreicht, im Sommer mit Obst, und namentlich mit Knrzwaaren, die in den benachbarten Dörfern feil gehalten werden. Dieser Berufszweig, der wenig sympatisch, sehr mühsam, sehr erniedrigend ist, ist derjenige vieler Leute geworden, die ehemals ziemlich gut bezahlte Stellungen einnahmen in Kontoren, im Getreidehandel 2c. Leider ist selbst dieser so bescheidene Berufszweig für viele Arme unerschwinglich. Es gehört auch dazu ein kleines Anlagekapital, das von 5 bis 25 Rubel variirt, je nach der Art der Waare. „Viele müssen ihre Zuflucht nehmen zu Anleihen mit fabelhaften Prozenten. Diese Unglücklichen zahlen 10 Kopeken Interessen pro Tag und pro Rubel, dieser bei Sonnenaufgang übergebene Rubel wird des Abends mit den Interessen zurückerstattet, und am nächsten Tage wieder zurückgenommen, u. f. w. Wir haben eine Kurzwarenhändlerin gesehen, die sich 25 Rubel geliehen hatte, für die sie mehr als einen Rubel wöchentlich Zinsen zahlte, das heißt mehr als 200°/o jährlich. „Es sind dies Dinge, die man nur dann zu glauben vermag, wenn man sie gesehen. Auch muß noch gesagt werden, daß diese Darlehen nur auf Pfand geschehen; Pfänder, wie das Kopfkissen, die Decken, der kupferne