Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1892)
- Date
- 1892-08-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1208 Der praktische Sinn dieser Neuansiedler ließ es ihnen bald klar werden, daß die in Besitz genommenen Farmen seit einer Reihe von Jahren zu stark in ihrer landwirthschaftlichen Kultur gelitten hatten, als daß sie es hätten für richtig finden können, sich allein und ausschließlich auf die Produkte dieses neuer Sorge und Pflege bedürftigen Landes zu verlassen. Sie erkannten die Nothwendigkeit, sich während der ersten Jahre der Ansiedlung hauptsächlich der Milchwirthschaft zu widmen und als Nebenerwerb Hausindustrie zu begründen, bei denen sie ihre Arbeitskräfte verwerthen könnten, während der Zeit, wenn solche sich — wie im Winter — bei den Verrichtungen des Ackerbaues nicht genügend beschäftigen lassen. In intelligenter Weise haben die Ansiedler in Chesterfield, Conn. um nicht bei jenen Hausindustrien eine Ueberproduktion und Unterwerthung einzelner Zweige ihrer Arbeit zu erzeugen, sich acht verschiedene Industriezweige nutzbar gemacht und diese gewährten ihnen die Möglichkeit, selbst mit erstzeitigen geringeren Ergebnissen ihrer landwirthschaftlichen Arbeit durchzu kommen, bis sie die Mittel erwerben, ihre Besitzungen zu höherer Kulturfähigkeit zu bringen. Die benachbarten amerikanischen Farmer lernen durch dieses Beispiel ihrer neuen Erwerbsgenossen den Werth und die Hülfsfähigkeit der in Europa auf dem Lande allgemein verwertheten Hausindustrie kennen und werden daraus ohne Zweifel auch für ihre eigenen Interessen Nutzen ziehen. Es ist alle Hoffnung vorhanden, daß der Erfolg dieser vorsichtig arbeitenden neuen Ansiedler nicht nur durch Zuzug genügend bemittelter Farmer aus Rußland eine Neubelebung der landwirthschaftlichen Industrie jener Gegenden herbeiführen, sondern auch ihren jüngeren amerikanischen Nachbarn neuen Ansporn zu Behalten und Erwerben jener so leicht zu höherem Werthe zu bringenden Farmen gewähren wird. Dieses Zusammenwirken einer vergrößerten einheimischen wie neu einwandernden Bevölkerung dürfte die Gebiete Neu-Englands mit frischem Leben beschenken und schon nach wenigen Jahren wird man durch den wiedererwachsenen Schaffenseifer eines verjüngten Geschlechts jenes entmuthigende Bild verwischt sehen, welches während der letzten Dezennien in jenen ältesten Staaten des Landes uns meilenweit dargeboten wurde, das Bild von verlassenen und verödeten alten Heimstätten des Farmers. Während wir im Vorstehenden den Nutzen landwirthschaftlicher Betriebe geschildert haben, in die Neueingewanderte aus Rußland mit eigenen Mitteln und auf eigene Gefahr eingetreten sind, müssen wir ausdrücklich feststellen, daß keinerlei Hülfsakte, weder von einzelnen Personen noch von Gesellschaften, jenes Unternehmen gefördert oder auch nur angeregt haben. Kein Zoll Land ist in den New England-Staaten seitens solcher zur Besiedelung angekauft worden, noch wird dieses beabsichtigt. Jene wackeren Pioniere in Connecticut allein verdienen für ihren Muth, ihr Selbstvertrauen, ihre Liebe zu landwirthschaftlicher Arbeit die volle Anerkennung unserer amerikanischen Mitbürger und des Landes, für welches das Gedeihen der Landwirthschaft von so unschätzbarem Werthe ist. Seitens früher bestandener Hülfsgenossenschaften unternommene Versuche zur Begründung landwirthschaftlicher Kolonien in Dakota und KansaS haben zwar zur Zeit zu keinem Erfolge geführt, bieten den jetzigen Unternehmungen aber sichere Anhaltspunkte, damals begangene Organisationsfehler zu vermeiden. Jene Versuche sind mißlungen durch Aufnahme gänzlich unbrauchbarer Elemente, die mit keinerlei eigenen Mitteln an dem Erfolge der Kolonisation interessirt waren. Seit zwei Jahren bringt uns die Einwanderung aus Rußland erfahrene und bemittelte Farmer, deren selbstthätige Schaffenskraft den Erfolg ihrer Unternehmungen außer Frage stellt. Was neuerdings seitens eines diesen Einwanderern dienenden Instituts, des Baron de Hirsch-Fonds zur Förderung landwirthschaftlicher Interessen geschehen ist, steht außer allem Zusammenhänge mit jenem Einzelerwerb von Farmen durch jüdische Einwanderer aus Rußland. Während der Erwerb von Einzelfarmen den Besitz bestimmter Geldmittel und praktischer Erfahrung im landwirthschaftlichen Gewerbe voraussetzt, bezweckt die seitens jenes Fonds erfolgte Begründung einer Farm- Kolonie in Woodbine, N. I. — bestehend aus 5300 Ackern unkultivirten Landes — auch solchen Einwanderern, die bereits in Rußland Farmer waren, aber nicht genügende Mittel zum Erwerb einer Einzelfarm besitzen, die Möglichkeit zu bieten, unter leichten Zahlungsbedingungen kleine Farmen von 15 bis 30 Acker mit den erforderlichen Baulichkeiten, Geräthen und Viehbeständen zu erlangen, — mit anderen Worten: eine Ermuthigung und Erleichterung der Aufnahme des Farmbetriebes in diesem Lande. In der Kolonie Woodbine wird den aus Rußland neu eingewanderten Farmern durch einen in Theorie und Praxis geschulten landwirthschaftlichcn Leiter die hiesige Methode lohnenden Ackerbaues beigebracht, und so bildet sie eine praktische Erziehungsanstalt für Farmer, die später vermehrte Mittel und Erfahrung znr Aufnahme größerer Farmbetriebe des Landes befähigen werden. Von dieser Stätte der Gewährung und der Ermuthigung der Landarbeit aus dürften sich bereits in naher Zukunft ihre Jünger über das ganze Land ausbreiten, um dessen weite und noch unbearbeitete Strecken in fruchtbare Stätten des Gedeihens zu verwandeln. In nicht weiter Entfernung von Woodbine floriren jetzt drei vor 9 Jahren durch russische Einwanderer begründete Kolonien: Alliance, Carnut und Rosenheim, N. I., mit einer tüchtigen und prosperirenden Farmbevölkerung von ca. 600 Familien. Die öden Landstrecken, die vor 10 Jahren werthlos dalagen, repräsentiren jetzt das werthvollste Eigenthum jener Gegend und die Besitzer derselben, Amerikaner sowohl als russische Einwanderer, arbeiten harmonisch zusammen an der Hebung schon jetzt großer landwirthschaftlicher und industrieller Interessen. Zeitungsnachrichten und Correspoudeuzeu. Deutschland. Mainz, 9. August. Ueber den Prozeß Paasch und Genossen, die angeklagt sind verschiedene hohe Persönlichkeiten und Beamte des deutschen Reiches