Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1892)
- Date
- 1892-08-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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XXXIII. Jahrgang. M 64 Der Israelit. Gin KenLrat-Hrgan für das orlhodore Zudenthum. Begründet von vr. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den 11 A « g n st 5652 (1892). Die nächste Nummer des „Israelit" erscheint des süddeutschen Feiertags wegen Dieustag, den 16. August. Leitender Artikel. Aörderung landwirtßsch. Interessen Amerikas durch russisch-jüdische Einwanderer. (Aus der „New-Yorker Staats-Zeitung.") Die Farmen der der Stadt New-Oork benachbarten New England-Staaten bieten seit Jahren ein Bild bedauerlicher Vernachlässigung. Die zerstörende Macht des Todes und die schwächende des Alters haben die Reihen von wackeren thatkräftigen Bearbeitern eines der schönsten Theile unserer Erde stark gelichtet. Da, wo früher stolze landwirthschastliche Unternehmungenvondem großen Schaffensgeiste ihrer Besitzer gezeugt, begegnen wir jetzt in den Staaten Connecticut, Massachusetts, Maine und New Hampshire einer unbearbeiteten Farm, obwohl sie noch in den Händen ihres früher so tüchtigen, aber jetzt durch Alter geschwächten Besitzers sich befindet. Die verhältnißmäßig leichtere Arbeit bei der in fortdauerndem Aufschwünge begriffenen Industrie jener Staaten bietet den Kindern dieses alten Mannes lohnende Beschäftigung und diese entftemdet sie nicht nur zeitweilig dem elterlichen Hause, sondern raubt ihnen auch dauernd die Liebe zu landwirthschaftlicher Thätigkeit auf ihrer alten Heimstätte. Der nöthigen Arbeitskräfte beraubt, bietet letztere nur noch einen kümmerlichen Aufenthalt für die alten Leute, und vermehrt, sobald diese das Zeitliche gesegnet, die große Zahl der sogenannten verlassenen Farmen in New England. Die Hinterbliebenen Kinder dieses Farmers durch ein besseren Erwerb und Genuß bietendes Leben in der benachbarten Industriestadt verwöhnt, finden keinen Gefallen mehr an dem Besitz des ihnen hinterlassenen landwirthschaftlichen Erbes und hegen keinen sehnlicheren Wunsch, als dieses ihnen überdrüssig gewordene Ueberbleibsel für irgend einen Spottpreis an den ersten besten Käufer loszuschlagen. Aber selbst für einen Spottpreis bietet sich nicht leicht ein Käufer für diese so allgemein ausgebotene Klasse von Farmen. Die große Verödung, von der fie ein so entmuthigendes Bild darbietet, schreckt jeden Käufer zurück; denn rein geschäftliche Erwägungen werden nie einen genügenden Grund zum Erwerb von Farmen finden lassen, deren Baulichkeiten einen weit höheren Werth repräsentiren, als der Kaufpreis, der für das Ganze verlangt wird, — die also in der That „für Nichts" auf dem Markte zu haben sind, wie in einem jüngst erschienenen Schriftchen des Oberrichters Nott so trefflich ausgeführt wird: „Good Farm for nothing“ Ein solches Bild einer verödeten landwirthschaftlichen Industrie boten bis vor ungefähr zwei Jahren die Farmen, welche in der Nachbarschaft der Städte New London, Norwich und Eolchester, Conn., belegen sind. Dorthin führten vor zwei Jahren die Schritte einiger aus Rußland ausgewiesener und hier eingewanderter bemittelter Farmer, die angesichts einer solchen Verödung den für mit Sprache und Sitte des Landes Unbekannte gewiß bewuadernswerthen Muth und Selbstvertrauen besaßen, ihre nicht großen Mittel zum Erwerb einiger Farmen in der Gegend von Chesterfield, Conn., anzulegen. Bescheidenheit des Auftretens, Fleiß, und Ausdauer bei Verrichtung ihrer Arbeiten haben ihnen in kurzer Zeit das Wohlwollen ihrer amerikanischen Nachbarn erworben, welche in anerkennenswerther Weise diesen Fremden bei Erlernung ihnen hier neuer landwirthschaftlicher Methoden an der Hand waren, und sogar Viele derselben auf ihrer Farm als Tagarbeiter befriedigend beschäftigten und in speciell etablirten Abendschulen den während des Tages auf dem Felde beschäftigten Neuansiedlern Gelegenheit boten, sich die Landessprache anzueignen und vermittelst dieser den geselligen Verkehr mit ihren amerikanischen Nachbarn rascher aufzunehmen. Seit jener Zeit ist diesen russischen Pionieren der Landarbeit in Amerika eine Anzahl von ca. 89 Neueinwanderern nach Connecticut gefolgt, und gegenwärtig bearbeiten diese Familien, bestehend aus 500 Seelen, 68 Farmen, die ca. 8000 Acker Land umfassen. Die Leute haben solche einzeln ohne jedwede fremde Hülfe mit ihren eigenen Mitteln zu den ihnen abgeforderten billigen Preisen mit einer Anzahlung von Doll. 853,000 erworben. Gegenwärtig repräsentirt dieser Besitz einen Kaufwerth von Doll. 105,000 oder Doll. 10.70 per Acker incl. Baulichkeiten. Dazu kommt, daß die Leute jetzt schon einen — gleichfalls aus eigenen Mitteln beschafften — ziemlich bedeutenden Besitzstand an Vieh und landwirthschaftlichen Geräthen aufzuweisen haben.