Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 63 (8.8.1892)
- Date
- 1892-08-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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1204 so spärlich mit Unterrichtszeit bedacht sei, müsse das Lehren wie das Lernen, um des Erfolges sicher zu^ sein, so leicht als möglich gemacht werden. Der vielbeschäftigte Kultusbeamte habe nicht Zeit, sich nach Quellen oder auch nach eingehenderen Darstellungen vorzubereiten, dem jüngeren Lehrer fehle noch die Geschicklichkeit. Er machte daher der Konferenz den Vorschlag, auf Grund eines noch festzustellenden Lehrplanes, der von den Herren Landrabbinen genehmigt sein müßte, daß von einer zu wählenden Kommission ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte sowie ein entsprechender kurzer Leitfaden für die Hand des Schülers herausgegeben werde. Er sei überzeugt, daß hierdurch der jüdischen Geschichte ein wesentlicher Dienst geleistet werde und daß mit der Zeit erfreulichere Resultate zur Erscheinung kommen würden, als es bisher der Fall gewesen sei. Der Vorsitzende sprach dem Referenten den Dank der Versammlung für seinen Vortrag aus. Es schließt sich an denselben eine eingehende Debatte an. Herr Landrabbiner Dr. ® litt mann als vorjähriger Referent ergreift zuerst das Wort. Er dankt dem Referenten für seine Ausführungen um so mehr, als dadurch seine Anregungen weiter verfolgt würden. Es sei ihm einerlei, ob die jüdische Geschichte^ mit der Weltgeschichte oder biblischen Geschichte vereinigt würde, der Erfolg sei ihm das Entscheidende. Litteratur will er gänzlich ausgeschlossen haben, dagegen Hervorhebung des Romantischen in den Persönlichkeiten. Die Ausarbeitung eines Lehrbuchs scheint ihm gewagt, sei jedoch nützlich, auch ein Bedürfniß dazu erkennt er an. Die Beschränkung der biblischen Geschichte im einzelnen hält auch er für angängig. Herr Seminardirector Tr. Krön er fordert auf, damit sich die Debatte nicht ins Unendliche verliere, die Erfahrungen in der Praxis mitzutheilen. Herr Dr. Jacob will, daß der jüdische Geschichtsunterricht den Kindern ein Vertheidigungsmittel gegen den Antisemitismus gewähre. Zu Gunsten der neueren und neuesten Zeit will er ihn daher aus dem Alterthume ausgeschieden wissen. An der Diskussion betheiligen sich ferner Kollege Fleischhacker-Harburg, der dem Referenten bezüglich der Anzahl der auszuwählenden Themen zustimmt und zwar mit ausdrücklichem Hinweis auf die Praxis. Bachenheimer-Dransfeld führt aus, nicht allein an Weltgeschichte könne jüdische Geschichte angeschlossen werden, sondern auch an Geographie. Das könne aber nur eine gelegentliche Anknüpfung sein, nicht aber solle in der Geographiestunde ein Thema aus der jüdischen Geschichte behandelt werden. Wo sich Gelegenheit biete, solle geistige Verknüpfung mit anderen Fächern eintreten. Herr Seminardirektor Dr. Kroner sagte: Die Existenzberechtigung des Gegenstandes für die Volksschule sei ganz und gar außer Frage. Eine Stunde pro Woche sei spruchreif. Die Anlehnung solle da geschehen, wo sie geeignet erschiene. Redner ist kein Freund der chronologischen Reihenfolge; ebenso will er von allgemeinen Zeitbildern nichts wissen. Die biographische Methode sei von großer Bedeutung. Reflexionen seien absolut ouszuschließen, dagegen sei die Anekdote wegen ihrer Lebensfrische zu berücksichtigen. Die Märtyrer des Judenthums seien besonders zu beachten. Im Weiteren verlangt er gleichwie der Referent, daß die Kinder gegen Angriffe zu wappnen seien. Er eröffnet der Versammlung die Aussicht, ein Lehrbuch der jüdischen Geschichte erscheinen lassen zu wollen. Die Zahl der Themen resp. Bilder will er auf höchstens 30 festgesetzt wissen. Herr Dr. Guttmann weist zum Schluffe darauf hin, daß die nachbiblische Geschichte, welche dem Hästerschen Lesebuche in einem Anhänge beigegeben sei, nach einer geschickten fachmännischen Bearbeitung gut zu verwenden sein würde. Der Vortrag und die sich daran anschließende zweistündige Dabatte hatle das Ergebniß, daß die Versammlung im Wesentlichen zu den im vorigen Jahre angenommenen Thesen sich bekanule. Herr Lehrer Bachenheimer-Dransfeld referierte über das Thema: „Unter welchen Bedingungen ist der Unterricht bildend?" Derselbe führte in seinem etwa eine halbe Stunde dauernden Vortrage folgendes aus: In manchen Kreisen gehöre es zu landläufigen Klagen, daß die neuere Schule zu viel unterrichte und zu wenig erziehe; lehren und lernen, erziehen und bilden sind zweierlei Begriffe, die sich nicht decken. Nur in der Persönlichkeit des Lehrers und in der methodischen Arbeit der Schule sollen sie sich zu einer erziehlichen Einheit verklären. Lehren und lernen bilden nur dann, wenn sie die Lernstoffe in lebendige Kraft, in eigenen Wesensbesitz und sittliches Thun umsetzen. — Ein bildender Unterricht hat vier Stufen zu durchlaufen: „Die Vorbereitung, die Darbietung, die Verarbeitung und die Verwerthung der Lernstoffe." Die Vorbereitung hat ihren Zweck erfüllt, wenn sie den Schüler in ein gewisses Verhältnis zu dem Stoffe setzt; wenn der Stoff von einem Bedürfnisse des inneren oder äußeren Lebens gefordert wird, wenn die Seele grundlegende Vorstellungen besitzt, an die wie an Haken die neuen Vorstellungen angelnüpst werden können. — Die Darbietung soll von Interesse getragen sein; dies wird erreicht durch eine geeignete Stoffauswahl, durch zweckdienliche Stoffznrüstung, dadurch, daß man der Fassungskraft des Kindes Rechnung trägt, schließlich durch anschauliche, klare Stoffdarbietung. Das wird sie besonders, wenn sie die Heimat mit den heimischen Verhältnissen zum Ausgangspunkt für alle neuen Vorstellungen macht. — Die Stoffverarbeitung, d. h. die Umwandlung der Lernstoffe in Willensbethätigung und Wesensbesitz, kann nur bei einer dauernden gedeihlichen Lernstimmung, bei Aufmerksamkeit und Liebe gelingen. Eine erziehliche Lernstimmung wird wesentlich unterhalten durch eine zweckmäßige Anordnung und ein inniges Jneinandergreifen der einzelnen Lernstoffe aus den verschiedenen Gebieten. Durch Gruppirung der Stoffe nach innerer Zusammengehörigkeit rucken die Einzelstoffe zu einer Lebensgemeinschaft zusammen, ergänzen, erklären, vertiefen und befestigen sich gegenseitig. Jeder neue Lernschritt und Lernerwerb muß mit Rück-, Um- und Vorblicken verbunden sein und darf nie den Zusammenhang mit dem übrigen Lernbesttz aus den Augen verlieren. Zusammenhang ist Erklärung und Verbindung ist Begründung. — In der Verwertung muß jeder Bildungserwerb gipfeln, sie hat es mit der Festhaltung und Nutzbarmachung der Lernstoffe zu thun. Ebenso wichtig wie der planmäßige Stofferwerb ist die sorgfältige Erhaltung und Anwendung des Gelernten. Durch planmäßige geordnete Wiederholungen werde dem Vergessen vorgebeugt. Durch vergleichende Zusammenstellung verwandter Stoffe nach bestimmten Leitgedanken und durch verschiedenartige Be-