Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 63 (8.8.1892)
- Date
- 1892-08-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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n - XXXllI. Zahrgärtg. Beilage ju M 63 des „Israelit". Leitender Artikel. Kin vierfiundertjäßriges Iuörkäum. (Schluß.) Mainz, 7. August. Aus der Fülle des Erschütternden, Interessanten und Lehrreichen das diese vor 400 Jahren eingetretene Katastrophe für alle Zeiten und besonders für die unsrtge bietet, mögen noch einige wenige Punkte hervorgehoben werden. Seitdem die Emanctpation der Juden in den meisten civilifirten Staaten der Erde eine vollzogene Thatsache ist, gab und gibt es viele in unserem Kreise, die in dieser Errungenschaft das höchste und letzte Ziel aller jüdischen Hoffnungen und Bestrebungen erblicken. Sie halten einen Rückfall in die früheren Zustände der Willkür und Rechtlosigkeit für ausgeschlossen und geradezu für undenkbar. Biele von uns, ganze Gemeinden und Verbände haben Angesichts dieser Fortschritte aus unseren Gebeten die Stellen ausgemerzt, welche um die Sammlung und Erlösung Israels bitten, haben die Sehnsucht nach dem Lande unserer Verheißung als im Widerspruch erklärt mit den Pflichten und Empfindungen, die den treuen Bürger seines Vaterlands erfüllen. Vergebens hat man darauf hingewiesen, daß wir Juden ja nicht die einzigen sind, die nach Erlösung sehnsüchtig ausschauen, daß sie getheilt wird von allen Menschen, von allen Bekennern jeder Religion, die unter dem sozialen und politischen Druck leiden, der auf allen menschengesellschaftlichen Zuständen lastet. Die neuesten Vorgänge haben in der That manchem Verblendeten die Augen geöffnet und ihm die bittere Wahrheit unabweisbar nahe gelegt, wie schwach und schwankend doch der ganze Boden ist, auf den sich dieses Vertrauen auf unsere Zeit und ihre Fortschritte aufbaut. Aber wer dies noch nicht aus unserer Gegenwart gelernt hat, kaun es aus unserer Vergangenheit aus dieser Episode lernen, die nun 400 Jahre hinter uns liegt. In Spanien waren unsere Väter wohl nicht gleichgestellt durch irgend welche Paragraphen einer papiernen Verfassung, aber sie waren thatsächlich durch die eigenartigen Verhältnisse, die wir zu schildern versuchten, höher gestellt, als die übrigen Einwohner Spaniens. Sie nahmen durch ihre Reichthümer eine dominirende Stellung im ganzen Lande ein. Sie hatten die höchsten staatlichen Würden und Aemter inne, sie waren durch ihren Handel, durch hingebende Pflege von Wissenschaft und Kunst geradezu unentbehrlich für den ganzen staatlichen Organismus, und doch dieser jähe Rückfall aus der höchsten Höhe in die tiefste Tiefe! Trotz der verschiedenen judenfeindlichen Einflüsse, die sich gegen die Judenheit geltend machten, hätte Niemand einen solch schrecklichen Ausgang für möglich, für denkbargehalten! Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir auch um 400 Jahre weiter sind!! Und noch ein Zweites. — Diejenigen, welche heute wie vor 400 Jahren glauben, man könne allen Unzuträglichkeiten, die sich an den Umstand knüpfen, daß wir Juden sind, dadurch entgehen, daß man die jüdischen Sitten abstreift und eine ostentative Geringschätzigkeit gegen das Judenthum und seine Satzungen zur Schau trägt, diese können aus dieser Leidensgeschichte lernen, wie füglich die jüdischen Abtrünnigen doch noch schwerer von dem Verhängniß heimgesucht wurden, als die dem Judenthum in Treue ergebenen. Und wenn der Jude fahnenflüchtig den letzten Faden zerreißen wollte, der ihn mit seinem Volk und seiner Bestimmung verbindet, sein soziales Loos wird dadurch nicht um einen Gran besser, sondern geradezu unhaltbar. Die Schein- Christen, die einen falschen Glauben heuchelten, wurden am ersten und am empfindlichsten von dem spanischen Judenhaß betroffen. Und ist es heute anders? Rusen unsere Judenfeinde es nicht in allen Variationen in die Welt hinaus, den orthodoxen Juden gelte ihre Feindschaft nicht, sondern den Reform- und Modejuden!? Und wenn man auch weiß, was man von dieser Redensart in Wirklichkeit zu halten hat; daß diese Redensart möglich ist, daß sie als Vorwand auch nur dienen kann, zeigt dieser Umstand nicht hinlänglich, daß es unsere erste jüdische Pflicht ist und bleibt unseren Feinden diesen Vorwand unmöglich zu machen? Das sollten unsere abgefallenen Brüder von den Geschehnissen der Gegenwart und Vergangenheit lernen, und dann wäre diese so theuer erkaufte Lehre, dennoch nicht zu theuer erkauft. Der jähe Abfall, mit welchem damals ungezählte Tausende ihren Väterglauben verleugneten und beim Taufbecken Rettung suchten, scheint nur demjenigen räthselhaft, der die Vorgeschichte dieser Erscheinung ignorirt. Dieser beispiellose Abfall war von langer Hand vorbereitet, durch die Pflege und Hingebung an eine Schetnbildung und besonders durch das allgemein verbreitete Studium der Philosophie, deren ausschweifende Auswüchse unsägliche Verwirrung unter den jüdischen Geistern und Gemüthern angerichtet haben. Gegen diese Auswüchse und die den religiösen Leichtsinn