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Der Israelit · 1892-08-08 · Heft 63 (8.8.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 63 (8.8.1892)
Date
1892-08-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1190 mtscht, bis sie das beweisen, waS der Herr Verfasser durch sie zu beweisen wünscht; eine Methode, die seit ihrer ersten Anwendung durch Harnan von allen seinen Nachfolgern gern geübt wird. So ist eS wohl richtig, wenn gesagt wird, daß in den armen Dörfern des Vogelsbergs, die Verschuldung der Häuser und Gütchen mehr und mehr zunimmt. Statt hier aber anzufügen, daß die gleiche Erscheinung sich überall in unsrem deutschen Vaterlande zeigt, wo die landwirthschaftlichen Zwergbetriebe den schweren und vergeblichen Kampf gegen den Großbetrieb des Ostens und des Auslandes führen, wird der Jude als der Mlssethäter bezeichnet, der durch seinen Wucher diese Verschuldung herbeiführt. Ungefähr die gleiche Berechtigung hat es, wenn den Juden vorgeworfen wird, daß „Viele es darauf anlegen, geflissentlich das christliche Volksgefühl zu verletzen". An „Beweisen" für diese niederträchtige Verleumdung läßt es der anonyme Verfasser nicht fehlen, aber sie sind auch danach; man höre: „Früher hielten jüdische Herrschaften ihr Gesinde zur Kirche an; das dürfte kaum noch Vorkommen. (Was sagt Herr Wustmann, der anttsemitisch-sprachreinigende Mitarbeiter der „Grenzboten", zu diesem beweiskräftigen, köstlichen „dürft e"?) Wohl aber kommt es vor, daß sie ihren Dienftleuten den Kirchenbesuch verbieten oder unmöglich machen." Aber das ist noch nicht alles, unser Gewährsmann weiß noch viel schlimmere Dinge von den Juden zu — behaupten. „Sie versuchen ihre „Bälle" mit Vorliebe auf den ersten christlichen Feiertag zu legen". ... Die Viehhändler haben sich wegen des am Montag in Frankfurt a. Main abgehaltenen großen Viehmarktes die Berechtigung erkämpft, ihr Vieh deS Sonntags an die nächste Eisenbahnstation zu treiben. Sie richten dies gerne so ein, daß sie an der Kirche vorbeikommen oder still halten, wenn die Glocken läuten. Früher war der Jude sichtlich bemüht, sich mit dem „Gallach," d. i. dem evangelischen Pfarrer auf gutem Fuß zu halten; heute thut er ihm Schabernack an, wo er nur kann." Mehr in das Gebiet der unfreiwilligen Komik gehören die folgenden Sätze: „Der heurige Jude betrachtet das Judenthum als den eigentlichen Sitz der Kultur und Intelligenz. Das Chriftenthum verachtet er von Herzen. Er hat s e i n e n Renan und Strauß gelesen, die jüd.-rabb. Literatur mit ihrem Hohn über den „gehenkten" Messias der Christen wird wieder unter die Leute gebracht..Mancher Stadt- Rabbiner und mancher „Bacher" auf dem Lande hat sich schon ernstlich mit dem Gedanken getragen, die Gottgläubigen unter den Christen ihrer Gemeinde anzugliedern." Nachdem der Verfasser in dieser Weise verleumderische Behauptungen gegen die Juden ge-! schleudert hat, kommt er gegen Schluß seiner Aus- I führungen plötzlich zu der Einsicht, daß im Anti semitismus „Berechtigtes" und „Unberechtigtes" zu unterscheiden sei. Wir geben diese Stellen hier unverkürzt wieder: „Wir sehen also bei dem jetzigen Antisemitismus in Hessen Berechtigtes und Unberechtigtes durcheinander gähren. Berechtigt ist die Gegenströmung des deutsch-christlichen Volksgefühls gegen die zunehmende Verjuduug überhaupt; berechtigt ist für Hessen der Wunsch, der auch von Fürst, Regierung und Kammer gelheilt wurde, daß die Herren Juden in ihren Geschäften mit den armen Bauern etwas ehrlicher und barmherziger werden möchten. Berechtigt ist die Forderung, daß der Jude als Gast (? Red.) im deutschen Volke, bescheidener werde und die Gefühle der christlichen Mehrheit achten lerne. Berechtigt ist das Vorgehen der Antisemiten, notorische Wucherer an den Pranger zu stellen und das Volk wirtschaftlich von den Juden unabhängig zu machen. Die Consumvereine, die Vereine zu direktem Bezug landwirthschaftlicher Artikel, die Raiffeisenschen Kassen, die überall entstehen, wo der Antisemitismus Wurzel gefaßt hat, sind sehr segensreiche Einrichtungen.*) Auch die Einrichtung „judenreiner" Märkte und die Parole: „Kauft bei keinem Juden" kann man den Leuten, die einen so schweren Kampf zu kämpfen haben, nicht übel nehmen. Die Juden, die ihr Geschäft ehrlich und redlich betreiben, bekommen schon Kunden. Berechtigt ist auch der Wunsch, nach wie vor die Juden von den höheren Staatsämtern fern zu halten, mit oder ohne Ausnahmegesetz. Mögen sie nach wie vor Aerzte und Advokaten sein, für jüdische KreiSräthe, Richter, Forstmeister, Steuerräthe und Gymnasiallehrer wird man sich im Hessenlande nicht erwärmen. Zu verurtheilen, und zwar aufs entschiedenste, sind die Rohheiten und Gewaltthaten, die hie und da gegen Juden, ihr Eigenthum und ihre Familie vorgekommen sind. Mit solchen Mitteln kämpft kein anständiger Mensch. So etwas ist am allerwenigsten christlich «der deutsch. Zu verurtheilen ist ferner die Rede von dem Juden als einem „fremden Körper," der entfernt werden müsse. Das heißt doch nicht anders, als man solle die Juden todtschlagen oder aus dem Lande treiben. Man fürchte den Einfluß des JudenthumS auch nicht zu sehr. Der deutsche Michel wäre MannS genug, eS in den Schranken zu halten, wenn er nur einmal aufwachte. Die 600,000 Juden, die wir bis jetzt in Deutschland haben, schaden uns nichts. Man suche nur das Einwandern der russischen und österreichischen Juden zu verhindern. Mit denen, die wir bis jetzt haben, wollen wir schon fertig werden. Wir können sie auch nicht entbehren. Setzen wir den Fäll, über Nacht seien Böckel'S kühnste Wünsche in Erfüllung gegangen und die Juden alle todt oder jenseits der Grenze, man würde sie schwer vermissen. Unser Handel, unser Verkehr kann gegenwärtig ohne den Juden gar nicht bestehen. Unser Volk muß besser erzogen werden, und das kann ganz gut geschehen, auch wenn die Semiten bei uns bleiben. Selbst von dem unbarmherzigen Landwucherer kann man noch Gutes lernen. Nie sieht man einen solchen Juden betrunken; Tag und Nacht ist er bei seinem Geschäft. Im *) Man vergleiche hierzu den im Mai dieses Jahre» auSgegebenen Jahresbericht des landwirthschaftlichen Vereins für Rheinpreußen an den Minister für Landwirthschaft über die Veränderungen und Fortschritte der Landwirthschaft im Vereinsbezirke für das Jahr 1891. In demselben werden unter dem Abschnitt „Genossenschaftswesen" diese „segensreichen Einrichtungen", ihr Zweck, ihre Erfolge und das GeschäftSgebahren ihrer Leiter eines Näheren beleuchtet, und man erfährt daraus einiges über den wahren Werth dieser Schöpfungen des Antisemitismus. In unserer Nr. 42 vom 26. Mai d. I., Seite 786, haben wir die betreffende Stelle deS Berichts wörtlich zum Abdruck gebracht. Red. d. JSr.

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