Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 63 (8.8.1892)
- Date
- 1892-08-08
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1188 jett des Baron v. Hirsch zu suchen, wäre verfehlt. Es müßte ja eine sorgfältige Auswahl getroffen werden, da sich doch nicht alle für Kolonisirung eines Landes eignen; zudem könnte man doch nur mit allen zu Gebote stehenden und aufzutreibenden Millionen, die des Baron von Hirsch mit eingerechnet, vielleicht 30,000 Menschen ansiedeln, während es sich um die Rettung von 5 Millionen Menschen handelt. Und so sehr der rujfische Jude sich auch für den Ackerbau eignet, wie er es schon im Innern Rußlands bewiesen hat, so würden russischjüdische Kolonien bald an Auswüchsen leiden, die ein Emporkommen in Frage stellen. Der einzig richtige Weg sei nur der, welchen die Auswanderungs- Komitees bereits eingeschlagen haben. Aber nur die Auswanderer, nicht die Auswanderung sei zu unterstützen. Es sei ein großer Jrrthum, wenn man glaube, daß Rußland alle seine Juden entbehren wollte. Rußland wollte sich nur der dürftigen und armen Juden entledigen, deren Zahl sein blinder Haß durch Ausweisung in das Juden-Rayon vermehrt habe. So soll man alle die unterstützen und denen zur Auswanderung verhelfen, welche aus ihrem bisherigen Wohnsitz ausgewtesen, sich innerhalb Rußlands da niederlassen mußten, wo sie naturgemäß, ohne für sich einen ausreichenden Erwerb zu finden, den Erwerb der dort bereits Ansässigen verkümmern. Wie nun unterstützt, und wohin die Unterstützten geschickt werden sollen, darüber wollen wir den Vers, selbst hören: „Die nächste Frage lautet, wie soll unterstützt werden? Auswanderer, haben wir gesagt, nicht Auswanderung soll unterstützt werden. Eine Prämie auf die Auswanderung zu setzen, ist jedenfalls unstatthaft. Schon die Knappheit der verfügbaren Geldmittel verbietet eine jede höhere Unterstützung als nothwendig ist, um bis an das Reiseziel zu gelangen. Ja, selbst die Baarmtttel, welche sich noch im Besitze des Auswanderers befinden, müssen mit in Anschlag gebracht werden. Kein Auswanderer hat mehr als den nothwendigen Fehlbetrag zu verlangen. Schon die Rücksicht auf alle diejenigen, die Mehrheit bildenden Auswanderer, welche nichts oder nur äußerst geringe Mittel mitbringen, gebietet diese Beschränkung. Und merkwürdigerweise gedeihen diejenigen Auswanderer in der Fremde am besten, welche daselbst ohne Baarmittel anlangen und lediglich auf ihr Geschick und ihre Energie angewiesen sind. Wer mit eigenen Mitteln ausgewandert ist, vielleicht gar noch eine Baarsumme mit zur Stelle bringt, für den ist der geringe Anfangserwerb, falls er alsbald einen Erwerb finden sollte, unzureichend; das wenige mitgebrachte Geld ist eingezehrt; er muß sich ungewohnten Entbehrungen unterziehen; er fängt an zu grübeln, an seinem Fortkommen zu zweifeln und denkt nur daran, wie er wieder nach seiner russischen Heimat zurückgelangen könne. Sein Erwerbsleben bewegte sich in a b st e i g e n d er Richtung, während das gleiche Leben des mit Unterstützung und ohne eigene Mittel zur Stelle gelangten Auswanderers sich von Anfang an, so gering auch sein Verdienst sein mochte, eine aufsteigende Richtung nahm. Dieser hält viel leichter aus, als der erstere. Seit Jahresfrist haben etwa tausend Personen, welche aus Amerika und England zurückkehrten, die Unterstützung des hiesigen Comits's nachgesucht; fast alle waren mit eigenen Mitteln ausgewandert. Auf die Frage, warum sie ausgewandert seien, erfolgte die feststehende Antwort: „Zu Haus war's schlecht — man versucht sein Massel." Und warum kommt ihr wieder zurück? „Mer kenn dort kein Leben machen." Man ersieht aus diesen Darlegungen, daß die obenbezeichnete. auch von den Comitä's geübte Praxis bei der Unterstützungs-Abmessung die richtige ist. Die scheinbar wichtigste Frage, welche schon gar manchen hülfebeflissenen Mann auf das eifrigste beschäftigt und die mannigfachste Beantwortung erfahren hat, lautet: „Wohin mit den russischen Juden?" Nicht ohne Erstaunen wird man vernehmen, daß diese Frage für uns, die bei der Sichtung betheiligten Personen, schon längst gar keine Frage mehr ist. Es gelangt absolut auch kein einziger Auswanderer mehr zur Sichtung — von Beförderung, Repatrtirung oder Abweisung ist noch nicht die Rede — der nicht ganz genau weiß, wohin er sich zu wenden habe, um bei seiner Ankunft freundliche Aufnahme durch die nächsten Angehörigen, Verwandten und Bekannten zu finden. Die seit dem Jahre 1882 und schon früher aus allen Theilen Rußlands ausgewanderten Juden zählen nach Hunderttausenden, und nirgends werden die verwandt- und bekanntschaftlichen Beziehungen so ausgebildet und ausgebeutet, wie in Rußland. Sie sind leider nur zu sehr auf gegenseitige Unterstützung angewiesen. Einer zieht immer mit oder gegen seinen Willen in immer steigender Progression den Andern nach sich. In gewissen Städten — besonders in England und Amerika — befinden sich ganze Kolonien von ehemaligen Ortsangehörigen einer bestimmten russischen Stadt. Diese Kolonien verstärken sich durch Zuzug aus derselben russischen Stadt von Jahr zu Jahr. Davon ein Beispiel. Vor mehreren Jahren war eine unserer russisch-jüdischen Nachbarstädte. Crottingen mit Namen, abgebrannt. Ein hiesiges Comite, mit dem Oberbürgermeister an der Spitze, hatte sich der Verunglückten wirksam angenommen. Da kam der Rabbiner aus Sunderland in England, A. Green, und brachte eigenhändig eine Summe Geldes, welche die