Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1892)
- Date
- 1892-08-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1173 Juden Unruhe und Besorgniß eingeflößt habe, da ihre eigene Stellung damals keineswegs eine gesicherte war, und ein so plötzlich eintretender Zuwachs von unglücklichen, verarmten Glaubensgenossen traurige Befürchtungen für die Zukunft erwecken mußte. Nichtsdestoweniger sollen beinahe 150,000 der aus Spanien Vertriebenen sich nach dieser Zufluchtsstätte gewandt haben. (Auch die Angaben dieser Zahl weichen sehr von einander ab.) Nicht unerwähnt wollen wir das mannhafte Auftreten der Rabbinen lassen, die aller Orten zum Ausharren im Glauben und zum Erdulden der Leiden ermahnten. Ihre Reden verhallten nicht wirkungslos; die Unglücklichen beugten sich in Ergebung und ertrugen still die ihnen von Gott auferlegten Leiden. Einzelne wenige Juden, unter ihnen Abraham Senior und sein Sohn, wählten die Taufe, statt der Verbannung, aber es war nur eine verschwindend kleine Zahl, die zu diesem letzten Rettungsmittel griff. Die Feuer und Flammen der Inquisition hatten schon damals zur Genüge bewiesen, daß die Taufe nur eine schwache Bürgschaft leiste und daß die Neu-Chriften nicht mehr geschützt vor Verfolgungen wären, als die im Glauben der Väter treu Ausharrenden. Spanien war somit seiner zahlreichen, jüdischen Bevölkerung beraubt; die besten Aerzte waren zur größten Unbequemlichkeit der Bevölkerung aus dem Lande geschickt und Handel und Industrie siechten dahin, bis sie beinahe ganz ausstarben; die großen Geldsummen, die man den Juden schuldete, und die noch größeren Werthe, die sie znrücklassen mußten, wanderten in die Hände ihrer Schuldner oder — und zwar zum größten Theile — in die des Herrschers; die Synagogen wurden durchräuchert und in Kirchen umgewandelt. Unglücklicher Weise wüthete zur Zeit der Vertreibung in Castilien eine Pest, welche die Flüchtlinge in die fernsten Länder, in die sie kamen, verschleppten. Ihrer Ankunft wurde daher mit Widerwillen und Sorgen entgegengesehen. Dieser Umstand bewog auch den König Johann, ihre Abreise von Portugal zu beschleunigen und zu dem Zwecke, dem getroffenen Uebereinkommen entsprechend, zeitig Schiffe zu stellen. Die Kapitaine und Matrosen dieser Schiffe waren rohe und hartherzige Männer, die den Auswanderern die härtesten Bedingungen auferlegten, sie ihres Geldes, ihrer Kostbarkeiten, selbst ihrer Kleider beraubten. Wurden sie dann nackt und blos an unfruchtbaren Stellen der afrikanischen Küste ausgesetzt, so waren sie ihrem Schicksale, Hungers zu sterben oder den Mauren als Sklaven verkauft zu werden, mitleidslos überlaffen. Des Königs Barbarei übertraf noch diese Rohheit durch einen neuen Erlaß. Alle Kinder im zarten Alter vom dritten bis zehnten Jahre, deren Eltern bei der Einwanderung in Portugal aus Armuth oder andern Gründen die Kopfsteuer zu zahlen unterlassen hatten oder im Lande zu bleiben sich veranlaßt sahen, wurden gewaltsam ihrer Familie entrissen. Diese armen Kleinen sandte er nach den vor Kurzem entdeckten St. Thomas-Inseln, wo unzählige Alligatoren und Raubthiere hausten, um sie dort zu Christen erziehen zu lassen. — So gestaltete sich das Geschick der nach Portugal Eingewanderten. Nur sechshundert der reichsten, jüdischen Familien Spaniens, hatten sich durch ein besonderes Abkommen das Recht erworben, nach Zahlung von 60,000 Gold-Cousaden in Portugal eine neue Heimath zu gründen. Außer diesen wurden einige brauchbare Handwerker von der allgemeinen Answeisung ausgeschlossen. (Schluß folgt.) Iotterzeugniß! Von Premierlieutenant Wilhelm Hoffmann Wie in Ungarn, auf dem jonischen Insel-Archipel und jetzt bei dem Fall Buschhoff in Xanten die einschläglichen Verhältnisse gelehrt haben, hat das zu Ende gehende, sich besonderer Geistesbildung rühmende 19. Jahrhundert auch sein „fin de sieele“. Dies ist die alberne Beschuldigung, daß Juden Christenknaben um ritueller Zwecke willen ermordeten, oder schlachteten. Noch alberner ist es, daß es Leute gibt, die das auch glauben. Wie bekannt, haben die heidnischen Römer den Christen auch nachgesagt, sie tödteten Heidenknaben zu rituellen Zwecken. Immer bleibt etwas hängen, und — Manche werden nie alle! Aus der Versumpftheit des Mittelalters, aus den epidemischen Seuchen und — bei uns — aus den Leiden des dreißigjährigen Krieges entwickelte sich der Gedanke, Gott wolle durch besondere Buße versöhnt sein. So entstanden die Kreuzzüge, so die Judenverfolgungen, der Irrwahn der Flagellanten oder Geißelbrüder, so die Hexenprocesse unseligen Angedenkens. Wenn auch in Folge der unzulänglichen Bildung der damaligen Zeit gewiß genug Leute, die sich für gebildet hielten, gelebt haben, welche alle Ansichten einer geistig zurückgebliebenen Menge aus voller Ueberzeugung theilten, so bewog und bewegt auch jetzt noch eine gewisse Sippe, wegen noch nicht überwundenen Aberglaubens, oder aus Haß, Rache, Concurrenzneid oder blindem Religionsfanatismus in die Rüstkammer früherer Jahrhunderte zurückzugreifen und Mißtrauen und Zwietracht unter die gleichberechtigten Bürger eines Vaterlandes, die Unterhanen eines und desselben Monarchen zu säen. Viele gebrauchen das Schlagwort: „der Ritualmord" ist schon im „Talmud" vorgeschrieben! Der „Talmud" aber ist kein Bädecker, sondern überaus umfangreich und schwierig zu lesen. Viele glaubten indessen an die Aussagen geständiger Juden, die den Ritualmord bestätigen. Ge-