Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1892)
- Date
- 1892-08-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1174 ständige Juden, Hexen und Zauberer fabricirte man auf der Folter. Die ist nun abgeschafft. Aber als Andenken wollen wir — und als Beispiel, wie man durch die Folter Verbrecher erzielte, aus dem „Frankfurter Sagenbuch" von Karl Enslin die Abschaffung der Folter in Kürze erzählen. Der Scharfrichter Ulrich Waldmann war seines Amtes in Frankfurt müde, da er sich nicht ferner entschließen konnte, durch die Folter Geständnisse zu erpressen. Trotz der Bitte seiner Frau, sich nicht mit Weib und Kindern brodlos zu machen, trat er vor den hohen Rath, bat um Enthebung von seinem Amte, das ihm durch die Grausamkeit der Folter, die nur erpreßte Geständnisse erreiche, verleidet sei. Als er wegen seines Gesuches mit Grobheiten und Drohungen überhäuft wurde, erbot er sich zum Beweise seiner Behauptung. Er hatte in seinem Stalle die schönsten Pferde in Frankfurt, und bat drei Nathsherren möchten ihn dahin begleiten. Im Stall stach er den schönsten Hengst tobt, so daß die herbeigceilte Menge glaubte, er sei wahnsinnig geworden. Am anderen Morgen erschien er vor dem Rath mit seinem Knecht, den er gefesselt hatte, beschuldigte ihn, das Pferd getödtet zu haben und verlangte, als der Knecht leugnete, daß derselbe gefoltert werde. Rach den damaligen Gesetzen nmßte man seinem Verlangen willfahren. Die Folter erpreßte dem Knechte das Geständnis;, daß er das Pferd erstochen habe. Tief erschüttert sagten die Richter: „Für Deinen Beweis verdienst Du eine Bürgerkrone! Die Folter aber sei heute zum letztenmale angewendet gewesen." Der Knecht erhielt reichliches Schmerzensgeld, die Folter wurde abgeschafft. Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Berlin, 28. Juli. Ein Schneidermeister F. Dörge, Blnmcnstraße 1l> Hierselbst wohnhaft, macht sich seit einiger Zeit, unbehindert durch das Königliche Polizeipräsidium, das private Vergnügen, antisemitische Hetzereien in der Weise zu betreiben, daß er das Schaufenster seines Ladens mit geschriebenen und gedruckten feindseligen Auslassungen gegen Juden und Judenthum aussüllt. „Tod den jüdischen Blutsaugern! so kann man in dem Schaufenster lesen, und das in einer sehr belebten Straße der Reichshauptstadt. Es ist vorgekommen, wie man sich erinnern wird, daß einem hiesigen Kaufmann die Ausstellung eines mechanischen Kunstwerks in seinem Schaufenster untersagt wurde, weil zu viele Leute stehen blieben, um dasselbe zu betrachten. Die „öffentliche Ordnung" verlangte dies. — Wir haben vor wenigen Tagen eine Verfügung des Herrn Polizeipräsidenten von Nichthofen mitgetheilt, die einem Kaufmann verbot, innerhalb seines Gcschästsloeales eine von der Straße aus sichtbare Ankündigung beizubehalten, in der der Verkauf eines bestimmten Gegenstandes, dessen Name nichts Verfängliches hat, angezeigt wurde. Dies geschah, weil die „gute Sitte" es so verlangte. In beiden Fällen handelte das Polizeipräsidium richtig. Dem Dörge'schen Unfug gegenüber erklärt sich das Polizeipräsidium, dem Anzeige erstattet worden ist, machtlos. Hier scheint die „öffentliche Ordnung" und die „gute Sitte" weniger empfindlich zu sein, wenigstens für das Polizeipräsidium. Zu welcher Sorte Antisemiten der Schneidermeister Dörge gehört, mag folgender Vorfall beleuchten: Vor einiger Zeit mißhandelte dieser ohne Ursache den dreizehnjährigen Sohn eines ihm gegenüber wohnenden jüdischen Arztes. Auf erhobene Klage wurde Dörge, trotz seines Leugnend, in zwei Instanzen schuldig befunden und in eine Geldstrafe sowie zur Tragung der Kosten verurtheilt. Kürzlich starb nach kurzem Krankenlager die Gattin jenes Arztes. Wenige Stunden nach dem Tode seiner Frau erhielt er folgenden Brief, der uns in der Urschrift Vorgelegen hat: „Herrn Doe. Blumenstraße .... Immer bete ich zu meinem Gott, er möge meine Peiniger bestrafen. Hochachtent F. Dörge" (Firmenstempel.) So sind sie alle, die Herren Antisemiten! Neritz, 25. Juli. Die antisemitische Gährung in der Bevölkerung am Niederrhein führt noch immer zu neuen Ausschreitungen. In Grevenbroich sah sich das Landrathsamt veranlaßt, die auf gestern angesetzte antisemitische Versammlung in Elsen wegen der Gewaltthätigkeiten gegen die Juden zu untersagen. Coblenz, 1. August. Mehere angesehene Firmen am Rhein haben die Arbeiter ihrer Fabriken vor dem Besuche antisemitischer Versammlungen gewarnt. Einige haben wissen lassen, daß diejenigen, welche Mitglieder von antisemitschen Vereinen werden, eine Aufkündigung des Arbeitsvcrhältnisses zu erwarten haben. O esterr.-Ungar. Monarchie: Prag, 26. Juli. Die k. k. Statthalterei hat den Herren Joseph Adler, Schulleiter und Religionsweiser in Nepomuk, und Adolph Nosenzweig, Lehrer und Religionsweiser in der isr. Cnltusgemeinde zu Neweklau (Bezirkshauptmannschaft Beneschau), auf Grund der Ministerral-Verordnnng vonr 27. December 1891 die Befähigung zur Anstellung als Rabbiner in Böhmen ertheilt. Lemberg, 1. August. Wie den polnischen Blättern aus Kiew berichtet wird, ist gegenwärtig in der Action der Inden-Austreibungen ein auffallender Stillstand eingetreten und sollen die Verwaltungsbehörden in Volhynien von Petersburg aus den Auftrag erhalten haben, gegen die seit mehr als zehn Jahren auf dem flachen Lande ansässigen Juden nicht mehr so strenge wie bisher vorzugehen._ Briefkasten der Redaction. B. in Berlin. In Homburg v. d. Höhe sungirt in dieser Saison Herr v. Schüler, der seitherige Kurcommissar von Baden-Baden als Curdirector, der kein Antisemit ist.