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Der Israelit · 1892-08-04 · Heft 62 (4.8.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 62 (4.8.1892)
Date
1892-08-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1172 er, nehmt ihn und verkauft ihn!" Diese Worte wirkten und schlossen jede weitere Verhandlung aus. Das Schicksal der Juden war unwiderruflich besiegelt. Je näher der zur Abreise bestimmte Tag nun kam und je schwieriger die Veräußerung ihrer Güter sich vollzog, desto ängstlicher waren sie bemüht, über ihr Vermögen zu verfügen. WerLhvolle Ländereien wurden um ein Stück Tuch verkauft, prächtige Häuser für ein Paar Maulthiere umgetauscht und in vielen Fällen schmolz der Reichthum der Juden in einige geringe Gegenstände, die sie mit sich führen und in die Thiere, die sie davon tragen sollten, zusammen. Unberechenbar waren außerdem die Verluste, die ihnen aus ihren Geschäftsverbindungen erwuchsen. Die Klöster und die öffentlichen Institutionen, die Adeligen, sowie Personen jeder Stellung waren ihnen stark verschuldet; keine Vorsorge für die Einziehung der nach ihrer unfreiwilligen Abreise fälligen Schulden war getroffen und sie fielen als Gewinn den Schuldnern zu. Sie retteten aus diesem Schiffbruch, was nur zu retten war und füllten trotz des Ediktes Sattel und Hausrath mit Goldstücken, oder suchten ihr Geld in Wechsel zu irgend einem, wenn auch noch so niedrigen Preise anzulegen.*) Herzzerreißend und erschütternd waren dieScenen, die sich in den letzten Tagen ihres Aufenthaltes in Spanien abspielten. In den meisten Gemeinden besuchten die Juden noch einmal die Gräber ihrer Väter, um ihnen ein letztes Lebewohl zu sagen. In Placensia schenkten sie ihren Friedhof nebst einem beträchtlichen Theile anliegenden Ackers der Stadt unter der Bedingung, daß er nie bepflügt werden sollte. In Vitoria wurde ein ähnlicher Vertrag geschlossen; in Segovia rissen sie unter Thränen und Klagen die Grabsteine ihrer Väter aus und trugen sie auf ihren Wanderungen mit sich umher. Während des ganzen Monats Juli konnte man auf den Heerstraßen Spaniens lange Reihen jüdischer Auswanderer, nkedergebeugt und sorgenvoll, dahin ziehen sehen, die Einen in hinfälligem Greifenalter, die Andern in zartester Jugend, Kranke und Lahme, Schwache und Gebrechliche; Alle traf das gleiche Loos. Unter brennender Sonnengluth schleppten sie sich mühselig über dürre, staubige Ebenen, über rauhe, steile Berge und durch felsige Gebirgspässe, an denen die Halbinsel so reich ist. Mit sich führten sie ihre Thorarollen und die geringen Reste ihres zertrümmerten Vermögens. Wie oft warfen sie sehnsuchtsvoll die Blicke zurück, nach jenen theuren Plätzen, die sie nie wieder begrüßen sollten! Der Spott der Bauern und Bürger, die Verachtung und der Hohn, mit denen man ihnen überall *) Die Juden sollen bei dieser Gelegenheit die Wechsel erfunden haben. begegnete, steigerten noch den Schmerz der ohnehin bejammernswerten Menschen. In den ersten Tagen des August war der Auszug beendet und das Strafgericht vollzogen. Ein seltsames Zusammentreffen. Der zweite August 1492 fiel, wie bereits bemerkt, auf den 9. Aw 5252, auf den Jahrestag der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels. So viele Leiden das Haus Israel an diesem Tage auch schon betroffen hatten, so war niemals die Erinnerung durch die traurige Wirklichkeit so vor das Auge geführt, wie bet dieser Gelegenheit. Die Zahl der abziehenden Juden ist nicht sicher festzustellen, Mariana gibt sie auf 800,000 an, andere Geschichtsschreiber schätzen sie zu niedrig auf 160,000, in der Wirklichkeit dürften nicht viel weniger als 400,000 Seelen ausgewandert sein. — Das Geschick der Exilierten gestaltete sich je nach der Wahl des Zufluchtsortes sehr verschieden. Die nach Marocco und Algier Entflohenen fanden eine höchst ungastliche Aufnahme; Viele wurden in die Sclaveret verkauft, Andere ließ man Hungers sterben, ja einige wurden sogar aufgeschlitzt, weil man in ihren Leibern Goldstücke zu finden hoffte. Trotz aller dieser Leiden wählten nur Wenige die Rückkehr nach Spanien und die Annahme der Taufe; dieses Geschick war aber denen wider Willen bestimmt, die an der spanischen Küste Schiffbruch litten und die man nun mit Gewalt hierzu zwang. In der Türkei wurden sie freundlich empfangen, und Sultan Bajazet soll in richtiger Würdigung ihres Werthes geäußert haben: „Wahrlich, dieser Don Fernando muß ein staatskluger Monarch gewesen sein, er läßt sein Land in Armuth versinken, um das unsrige zu bereichern." Genua wollte ihnen nur einen Aufenthalt von drei Tagen in seinen Mauren gestatten, sonst gewährten ihnen die meisten Staaten Italiens bereitwillig die Erlaubniß zur Riederlassung, und einige, wie Neapel, hießen sie sogar herzlich willkommen. In Navarra wurden nur wenige Juden zugelaffen, welche zugleich mit ihren dortigen Brüdern schon nach einigen Jahren eine neue vollständige Austreibung erwarteten. Die Mehrzahl wanderte nach Portugal aus, woselbst der bejahrte, edle Rabbiner und große Talmudist Jsaac Aboab von Toledo vom Könige Johann II., trotz heftigen Widerspruches der Judenfeinde, für sie die Erlaubniß erwirkt hatte, dieses Land betreten zu dürfen. Freilich war die harte Bedingung daran geknüpft, daß jeder Emigrant eine Kopfsteuer zu zahlen habe und freilich war es ihnen gleich eröffnet, innerhalb 8 Monate das Land wieder zu verlassen, zu diesem Behufs wollte ihnen die Regierung eigene Schiffe zu mäßigen Ueberfahrtspreisen stellen. Es scheint, als ob diese Masseneinwanderung den portugiesischen

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