Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1892)
- Date
- 1892-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage ju M 62 des „Israelit". Leitender Artikel. Kin vierstunderljähriges Iuöitäum. (Fortsetzung.) Mainz, 3. August. Dieses traurige Schlußcdict traf die Juden wie ein Donnerschlag, obgleich es schon Jahr und Tag wie eine drohende Wolke in der Ferne stand. Sie sollten also nun ein Land meiden, das die Väter so viele Jahrhunderte bewohnt, das sie wie kein anderes auf ihrer langen Wanderung seit der Zerstörung Jerusalems lieb gewonnen hatten. Sie mußten alle jene Angehörigen zurücklassen und sie gewisser, grausamer Verfolgung preisgegeben wissen, die mit ihrem Namen nicht auch ihren Glauben gewechselt und im Herzen ihr Judenthum treu bewahrt hatten. Sie waren gezwungen, den Reichthum, dessen sie sich lange erfreuten, gegen Armuth und Verbannung auszutauschen. Das waren kaum zu fassende Gedanken! Die Theilnahme, die ihr Geschick fand, war allgemein und aufrichtig; die ernstesten Anstrengungen wurden gemacht, das Unheil bringende Decret rückgängig zu machen. Die Juden erklärten sich bereit, in jede Bedingung zu willigen, jedes Opfer an Geld und Gut zu bringen, wenn ihnen nur erlaubt würde, auch ferner auf spanischem Boden weilen zu dürfen. In dieser entscheidenden Stunde erschien Don Jsaac Abarbanel, (geb. 1437, gest. 1509), der Sprößling einer Familie, die ihren Stammbaum auf König David zurückführte und die erst vor Kurzem von Spanien eingewandert war. Schon in mehreren Generationen hatte die Familie durch ausgezeichnete Talente geglänzt und das Glück genossen fast zwei Jahrhunderte hindurch in andern Ländern ehrenvolle Aufnahme zu finden. Don Jsaac war viele Jahre Ftnanzminister und vertrauter Rathgeber des Königs von Portugal; mit wunderbaren Geistesgaben ausgerüstet, war er bestimmt Großes zu leisten. Dazu hatte ihm die Natur jene geheimnißvolle Macht verliehen, auf Alle, denen er nahe trat, Einfluß zu üben. Wie kaum einen Zweiten, beseelte ihn der Wunsch, Andere zu beglücken. Abarbanel wurde nicht allein der Freund und Rathgeber seines Regenten, sondern auch der aller königlichen und adligen Personen des Hofstaates, und er verstand es mit außerordentlichem Geschicke, allen jenen Schwierigkeiten und Eifersüchteleien auszuweichen, denen er vermöge seines hohen Postens so leicht ausgesetzt war. Im Besitze großer Reichthümer, war er hochherzig freigebig, wenn es sich um Liebeswerke handelte. So gab er einen glänzenden Beweis seines Edelmuthes, als bet der Einnahme von Arzilla, einer Hafenstadt an der afrikanischen Küste, durch die Portugiesen 250 jüdische Gefangene als Sklaven verkauft wurden. Abarbanel steuerte reichlich bei, um diese Unglücklichen aus der Gefangenschaft zu befreien und sammelte von seinen Brüdern in Portugal und andern Ländern genügende Geldmittel, ihnen ihre Freiheit zu erkaufen und sie zunächst vor Noth und Mangel zu schützen. Seine Liebe zur hebräischen Literatur trieb ihn, die spärlich zugemessenen Mußestunden ernsten Studien zu widmen. Mitten unter der Sorge des Geschäftes und den Mühen des Staatsdienstes, begann er einen gelehrten Commeutar auf die Thora, auf andere Theile der Bibel und verschiedene philosophische Werke zu verfassen. Bei allen Wechselsällen seines Lebens, hat er diese Arbeiten weitergeführt, zuin Abschluß wurden sie jedoch erst gebracht, als die im späten Alter erfolgte Verbannung ihm dazu Zeit und Ruhe gewährte. Beim Tode seines großes Freundes und Beschützers, Alfons V., im Jahre 1481, und der Thronbesteigung des Sohnes JoLo II. fielen alle Hofleute des verstorbenen Königs in Ungnade. Nur mit Mühe und Noth gelang es Abarbanel, den Nachstellungen des neuen Herrschers zu entgehen, der alle seine reichen Landgüter confiscirte. Der nunmehr verarmte Abarbanel entkam unter der steten Angst und Sorge, den Verfolgern in die Hände zu fallen, glücklich nach Spanien, woselbst er sich mit Don Abraham Senior, dem großen Steuerpächter in Toledo, verband, der ihn als Theilhaber aufnahm und ihn in den Stand setzte, seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen aufzuhelfen. Seine Studien nahm er nun mit verdoppeltem Eifer auf, vollendete viele seiner früheren Werke und begann die prophetischen und historischen Bücher der Bibel zu commentiren. Als die Kunde von dem drohenden Unheil zu ihm drang, eilte er, von einigen hochangesehenen Glaubensgenossen begleitet. zum.Königspaar nach Granada, warf sich ihnen flehentlich zu Füßen und erbc»t sich, 300,000 Dukaten zusammen zu bringen, wenn das Edikt zurückgenommen würde. In hinreißender Rede legte er die Gründe für den Widerruf so überzeugend dar, daß Ferdinand und Jsabella schon schwankten und seiner Bitte willfahren wollten, da stürzte Torqnemada, mit einem Cruci fix in der Hand, vor sie hin und es ihnen entgegenhaltend, rief er ihnen zu: „Judas Jschariot hat seinen Herrn für 30 Silberlinge verkauft, Ihr wollt ihn für 300,000 Dukaten verkaufen! Hier ist