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Der Israelit · 1892-08-04 · Heft 62 (4.8.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 62 (4.8.1892)
Date
1892-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1164 wohin wir kommen, wohin wir auch versprengt werden, wir rollen auf das Gottesbuch und die Ftnsterntß wird uns zum Licht, die Trauer zur Freude, die Bedrückung zur Freiheit, die Knechtschaft zur Erlösung. Wenn unser heiligstes Recht mit Füßen getreten wird und wir verzweiflungsvoll nach Gerechtigkeit schreien; wenn Verfolgung und schwere Leiden uns treffen und wir vergeblich nach Rettung rufen; wenn Haß und Verachtung uns niederbeugen und wir uns aufzurichten versuchen, so finden wir Trost und Erhebung, Segen und Glückseligkeit, und freudig und beseligt tragen wir unser Martyrium, wenn wir unser Glaubensbekenntniß aus unserem Wochenabschnitte sprechen: Höre Israel! der Ewige unser Gott, der Ewige ist einzig nn« 'n 't tww1 vvo, wenn wir uns als die Träger und Sendboten der göttlichen Offenbarung bekennen, wenn wir den höchsten Idealen zustreben, für Gott und seine heilige Lehre, für den Sieg der Wahrheit, der Tugend und der Liebe kämpfen, bluten und leiden. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht Euer Gott." Wir haben in dieser Jahreszeit oft Gelegenheit, das herrliche Naturschauspiel eines Gewittersturmes zu beobachten. Schwer lastet die drückende Schwüle auf der ermatteten, trägen Erde; die Sonne sendet ihre brennenden Strahlen, glühenden Pfeilen gleich herab; das Mark und Fett des Bodens ist ausgetrocknet, die Säfte sind versiegt, müde und schlaff läßt der Mensch die Hand sinken, jede Thatkraft ist gelähmt, jeder Muth, jede Energie geschwunden; alles lechzt, alles durstet, alles schmachtet nach Erfrischung, nach Erquickung. Plötzlich erhebt sich am Horizont ein schweres Gewölk, es wird dunkel, es blitzt, es donnert, Regenstürme stürzen herab, es leuchtet, es kracht; ein imposantes, erschütterndes Schauspiel. Das Gewölk zieht vorüber, der klare, reine Himmel wird sichtbar, die Sonne lächelt und überschüttet Blumen und Saaten mit glitzernden Perlen, Menschen, Thiere und Pflanzen athmen erleichtert, erfrischt und neu belebt auf, und alles ist wie verjüngt, von neuer Kraft beseelt. So war es auch zur Zeit der Zerstörung Jerusalems. Jeder Geschtchtskundige kennt den religiösen, sozialen und moralischen Zerfall Israels zu jener Zeit. Der Mißbrauch, der mit dem Hetligthum, mit dem Opfercultus, mit der Priesterwürde getrieben wurde, der Partheihader, die Herrschsucht der Machthaber, die innere Zerklüftung und Zerrissenheit, das alles war danach gestaltet, das innerlich 'faule und zerfressene Staatsgebäude zum Zusammensturz, die Nation zur völligen Auflösung zu bringen. Wie alles geistige Leben abgestorben, wie jedes höhere Streben zurückgehalten und gelähmt wurde, zeigt ja der Talmud am deutlichsten, wo im Traktat Schabbos, kol. 119 b, die Ursachen angegeben sind, weßhalb Jerusalem zu Grunde gehen mußte. Die Religion wurde am meisten vernachlässigt, so heißt es daselbst: „Jerusalem ist zerstört worden, weil der Sabbat entweiht, weil das Schemalesen morgens und abends abgeschafft, weil die Jugend nicht zum Thorastudium angehalten wurde, weil die Züchtigkeit und Schamhaftigkeit aufhörte, weil keine Autorität anerkannt wurde, weil man einander nicht zurechtwies, weil die Gebildeten und Gelehrten mit Mißachtung und Geringschätzung behandelt wurden." Zank und Hader, heuchlerische Frömmelet, Eigennutz, Ehrsucht, Gottlosigkeit und Sektirerei nahmen täglich überhand; die Mahnrufe und Strafreden der Edelgesinnten und wahrhaft Frommen wurden nicht gehört und von der zügellosen Menge überschrien. Da ließ der mächtige Hüter Israels, der göttliche Schützer seines Volkes, über dasselbe einen gewaltigen, verheerenden Sturm einherbrausen, der seine Grundfeste erzittern machte, seinen Tempel ntederriß, seinen Staat zerschmetterte, seine Einheit zersplitterte und siehe da! Das finstere Gewölk zieht vorüber, der Himmel heitert sich auf, die Sonne der Thora sendet ihre herrlichen Strahlen in die Lehrhäuser der Diaspora, ein erfrischender Hauch bringt alle Geister in Erregung, in Bewegung, in Schwingung; mit staunenswerther Beharrlichkeit, mit unermüdlichem Fleiß werden die kostbarsten Schätze aus dem tiefen Schachte der Gotteslehre ans Licht gebracht, Geiftesheroen schleppen herbei die gewaltigen Quadern zum Riesenbau des Talmud; das mächtige Band wird gewoben, welches die zerstreuten Glieder umschlingen und für alle Zeiten Zusammenhalten soll, und das religiöse und soziale Leben Israels, sein Cultus, seine Gesetze und Rechte, sein Thun und Handeln und selbst sein Denken, Fühlen und Empfinden, werden so genau bestimmt, bemessen, geordnet und geregelt, wie dies keine Hierarchie, keine Staatsobrigkeit in der Welt vermag. Es ist kein bloßer Zufall, daß gerade am Schabbos Nachmu d i e Sidra in allen Gotteshäusern verlesen wird, aus der die zehn Gebote wiederholt werden; denn, wie die göttliche Offenbarung am Sinai, so wurde dann im Exil die ns tystp mm, die mündliche Lehre, die Lehre des Talmud dem ganzen Volke Israel kundgethan. „Tröstet, tröstet mein Volk, spricht Euer Gott!" Niemand ist unglücklicher, bedauerns- und bemitleidenswerther als der, der sich dafür hält, der kleinmüthig an seine Fähigkeit, an sein Können, an seine Kraft, an seine Zukunft nicht glaubt, der jeden inneren Halt verliert. So ist es auch im Leben der Völker. Kein Volk geht so sicher seiner Auflösung entgegen, als das, das den Glauben an

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