Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1154 auch diesmal wieder, wie immer, wenn man sich Erfolge erhofft von der dummen Leichtgläubigkeit des ungebildeten und gebildeten Pöbels, in den Mittelpunkt der „Hetze" gestellt. Denn wenn es diesmal gelang, etwas zu erweisen, was zu erweisen in Jahrhunderten nicht gelungen war, dann mußte ja der Weizen der Aktionäre des Antisemitismus blühen; dann mußte das „Geschäft" in eine ganz neue Phase treten; dann mußte sich die Zahl der betrogenen Thoren, die den redenden und schreibenden Unternehmern der Verhetzung eine behagliche, sorgenfreie Existenz sichern, ins Ungemessene vermehren! Daher setzte man Himmel und Hölle in Bewegung, sich diesen geschäftlichen Erfolg nicht entgehen zu lassen. In der Erfindung neuer Mittel der Beeinflussung und Verwirrung der öffentlichen Meinung kannte die Gewissenlosigkeit der Hauptakteure keine Grenzen. Flugblätter unflätigster Sorte wurden zu Tausenden in die Gegend geworfen, in welcher der Mord zum gerichtlichen Austrage kommen mußte, damit die Bevölkerung gegen den vermeintlich Schuldigen, gegen seine Familie, gegen seine Glaubensgenossen überhaupt, so gründlich wie möglich aufgehetzt würde. Von besonders fanatifirten Individuen wurden „Gutachten" veranlaßt, wonach der Mörder durch einen kunstgerechten Schächtschnttt sein Opfer ums Leben gebracht habe; freilich stammte das „gravirendste" Gutachten von Jemandem, der den Leichnam des ermordeten Knaben gar nicht gesehen; als dann später, während der Verhandlung, durch das einmüthige Gutachten der Sachverständigen festgestellt wurde, daß es sich absolut nicht um einen Schächtschnitt handle, hieß es: wie wird denn auch der Mörder so dumm sein, sich durch Anwendung eines Schächtschnitts zu verrathen? Die Tribüne des preußischen Abgeordnetenhauses mußte dazu herhalten, daß unter dem Schutze der parlamentarischen Redefreiheit die Unparteilichkeit der Rechtspflege aufs Schimpflichste in Zweifel gezogen wurde. In den Tagen der Verhandlung selbst wurde durch Versendung antisemitischer Schmutzblätter an die Geschworenen das Recht zu beugen gesucht. Der Presse dieser Richtung war keine Verleumdung, keine Verdächtigung zu niedrig, zu gemein, daß man sie nicht gegen den Gerichtshof, gegen die Vertreter der Staatsanwaltschaft, gegen die Sachverständigen ohne Scham und Schande geschleudert hätte. Belastungszeugen von unzweifelhaftester Unglaubwürdigkeit wurden zu klasfischen Verkündern der Wahrheit gestempelt. Daneben überbot man sich unausgesetzt in „wissenschaftlichen" Nachweisen des Vorhandenseins des Blutaberglaubens. Mit Einem Wort: der Antisemitismus in seiner ganzen sittlichen Verkommenheit zeigte sich hier ohne jede Larve. Der Hungertrieb der Selbsterhaltung machte ihn unfähig, selbst die ein, fachste Regel der Klugheit zu befolgen, die ihm, sollte man meinen, gerathen haben müßte, wenigstens den Schein zu wahren, als verfüge er noch über irgend ein winziges-anständiges Motivchen. Nichts, keine Spur davon zeigte sich: brutal bis zur Bornirtheit suchte der geschäftliche Sinn der Hetzunternehmer die für günstig angesehene Konjunktur bis auf den Grund auszunutzen. Und wie bei all' solchen Extremen der sittlichen Verwahrlosung dicht neben dem Abstoßenden zuweilen das Komische steht, so fehlte es auch bei dieser Orgie der Gesinnungsroheit nicht an grotesken Bocksprüngen. Als die Weisen des Antisemitismus sahen, daß alle Bemühungen, den unschuldigen Angeklagten dem Scharfrichter an's Messer zu liefern und dadurch mittelbar einen neuen Aufschwung des antisemitischen Geschäfts herbeizuführen, vergeblich waren, da machte man der Wut der Enttäuschung Luft, indem man in den Gesichtern des Staatsanwalts, der Richter, der Verteidiger, der Sachverständigen erschrecklich viel „Jüdisches" entdeckte. Und nun nach dem Freispruch, was geschieht? Die Geschäfts- und Opportunitäts-Antisemiten, verbreiten, weil sie nun einmal ihre Existenz davon fristen, unverfroren die alten Lügen mit neuen Verdächtigungen; nicht, daß eine wahrhafte Justiztragödie aufgeführt wurde, sondern daß der ganze Prozeß eine Farce war, suchen sie nach dem einmal angeschlagenen Leitmotiv mit Lewissenloscr Hartnäckigkeit zu „beweisen"; die wahnwitzige Blutbeschuldigung wird immer wieder von neuem erhoben. Der Antisemitismus hat seiner Natur nach von Hause aus sich nur von der Lüge ernähren können; er niästet sich an der Lüge weiter, unbekümmert darum, daß die verächltche Erbärmlichkeit dieses Futters von Zeit zu Zeit vor aller Welt dargethan wird. Aber die Bevölkerung, auf deren Dummheit er spekulirt? Die Bevölkerung, in welcher der Krankheitserreger vielfach einen beschämend fruchtbaren Boden gefunden? Nun, die wird erst unempfänglich sein gegen das Gift, das sich in ihr festsetzt, wenn wahre Geistes- und Herzensbildung Gemeingut des Einzelnen geworden sein wird. Frankreich. Paris, 29. Juli. Der Kassationshof verwarf die Nichtigkeits-Beschwerde Drumont's gegen das Urtheil im Prozesse Burdeau. Rußland. Petersburg, 25. Juli. Der bevollmächtigte Vertreter des Barons Hirsch, D. F. Feinberg, macht in der „Red. Chron. Woschoda" bekannt,