Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1152 Der moderne Jude liest am Morgen seine Zeitung, trinkt seinen Kaffee, raucht seine Havanna dazu, und am Abend, wenn er sich von des Tages Last und Mühe um den Erwerb irdischer Güter erholen will, geht er oft recht zweiselhaften Vergnügungen und Genüssen nach. Das ist sein Tagewerk von Früh bis Spät. Weder am Morgen seines Lebens, wo man doch so sehr für alles Ideale schwärmt, noch am Ende der Lebenslage, wo man doch die Nichtigkeit alles Irdischen erkennt und sich eher dem edleren Streben zuwenden sollte, zeigt sich der moderne Jude, welcher sich doch rühmt das höchste, idealste Glaubensmaß zu besitzen in seiner Gottesidee, der wahre Jude zu sein, in Wirklichkeit so, daß man daraus den Schluß ziehen könnte, diese Idee wäre ihm noch etwas mehr, als eine bloße Idee, sie habe auch eine greifbare Gestalt angenommen, wäre ihm in Fleisch und Blut übergegangen. Aber nichts von All Dem ist zu sehen. Vernichtet, aufgehoben haben sie die Gottesidce mit seiner Folgerung von n« nanxi .T»wd n*w V221 ba 'n „Du sollst lieben den Ewigen Deinen Gott mit ganzem Herzen und ganzem Wesen und allen Deinen Kräften." Man denkt nicht und handelt nicht gottgefällig. Man schämt sich am Morgen Gott zu danken, an Gott zu denken, und mit der Erholung des Abends will man am allerwenigsten durch einen Gottesgedanken gestört sein. Wer von den Tausenden moderner Juden, die ihre Idee über Gott als die höchste Potenz der Religion ausgeben, spricht das ini* U'pb* 'n bnien y&v aus!? Selbst in der letzten Stunde scheut man sich die eigene Idee zu bekennen. lfoar tibn tfrfm' nmn nb ~idx wna 'n pro by 712# p~i na bv mpirn. „R. Kahne sagt: Jerusalem ist nur zerstört worden, weil man aufgehört hat, die Kinder ins Lehrhaus zu bringen, denn so heißt es: auszugießen (den Zorn) über das Kind auf der Straße." In Jerusalem hielt man zur Zeit Jirmijahus die Kinder fern vom Lehrhause, die Jugend blieb lieber draußen. Wozu sollten die Kinder auch lernen, was ihre Eltern verachteten. Nur dazu wurden die Kinder angehalten, was draußen zum Leben nothwendig war. Mit dem Gottesgesetze, mit dem Erlernen der mm, konnte man sich, wie man damals meinte, keine Existenz gründen, kein Geschäft machen, nicht mit der Welt leben und den Anforderungen der Zeit gerecht werden. Das Gesetzesstudium paßte freilich nicht zur heidnischen Lebensweise, der man in Jerusalem huldigte; es stand ja in geradem Widerspruche mit ihr. Und so standen die Kinder draußen, außerhalb des jüdischen Gesetzes und des jüdischen Lebens. Was sollte da noch der heilige Tempel, wo als Heiligthum das Gottesgesetz bewahrt wurde, wo man den Gottesgeist zu erhalten bestrebt war! — Jerusalem wurde zerstört, der heilige Tempel in Trümmer gelegt, das Volk wie Spreu vor dem Winde zerstreut. Die heutige Jugend bleibt auch dem Lehrhause fern, bleibt lieber draußen außerhalb des jüd. Gesetzes, des jüdischen Lebens. Bedeurungs- und werthlos ist den Eltern die min, darum werden die Kinder ihr ferne gehalten. Alles Nichtjüdische aber ist ihnen nachahmenswerth. Sabbat und Feiertage kennt die heutige jüdische Jugend nicht mehr, muß zuweilen beschämt lächelnd im nichtjüdischen Kreise ihre Unkenntniß des jüdischen Kalenders eiugestehen; aber wo nur irgendwelche nichtjüdische Feste gefeiert werden, da sehen wir in den vordersten Reihen vollzählig die jüdische Jugend, sich so recht ostentativ zeigend. Seht, wir leben mit Euch, wir feiern Eure Feste auch mit, und mag dabei der bedeutungsvollste Tag, der für die ganze Welt bedeutungsvoll ist und daru n von allen Völkern nachgeahmt wird, mag auch der na» dabei tausendfach verletzt werden. Jerusalem ist zerstört worden, und wir sind in die Verbannung gestürzt worden. Was wundert man sich, daß das „Goluth" noch heute mit all seinen bitteren Erfahrungen und traurigen Folgen fortdauert!? Das moderne Judenthum wollte vorgeblich seine Sonderstellung aufgebcu, um sich eine Gleichstellung unter den Völkern zu erringen. Es hat in dieser Absicht sein Gotteszesetz geopfert. Es merkt aber nicht, daß es gerade durch die Aufgabe seiner Religion sich in eine Ausnahmsstellung versetzt hat. Alle Völker haben neben ihrer nationalen Aufgabe, sich auch eine religiöse Aufgabe gestellt. Das jüd. Volk, das heute nicht mehr als Nation besteht, hat nun auch das Einzige, was ihm geblieben, was eS vor Untergang geschützt hat, seine Reltgion, seine jüdische Aufgabe von sich gestreift. Das ist die Sonderstellung, die es sich heute errungen, die Ausnahmsstellung, die ihm viel weniger Ehre und Achtung einbringt. Das moderne Judenthum hat damit ausnahmweise eine Aufgabe — wenn man so sagen kann —, die kein Ziel im Auge hat. Und darum so viele Opfer! Ist das die Weisheit des 19. Jahrhunderts?! Man fragt immer nur nach der Gegenwart, trägt ihr allein Rechnung. Aber sicherlich ist es von größerem Nutzen und zeugt von mehr Verstand und Vernunft, den Blick von der Gegenwart in die Vergangenheit schweifen zu lassen, aus der Vergangenheit die Gegenwart begreifen und verstehen zu lernen, und daraus die Lehre und Nutz-