Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448276--34597-2482544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage M M 61 des ,Israelit". Leitender Artikel. Die drei Wochen. Von Rabbiner Dr. S ä n g e r. III. Die traurige Thatsache, daß wir einen aaa ‘o haben, beweist, daß weder die Flammenworte Jeschajohus, der mehr als ein Jahrhundert vor Jtrmijahu gelebt, noch die milderen Worte des letzteren beachtet wurden. Das war Alles nur Uebertretbung und Schwarzseherei der Propheten! Jeschajohu predigte tauben Ohren und Jirmijahu's Worte ließen die Herzen kalt. Aber die „Weissagung Jeschajohus", das, was er vorausgeschaut und als Zukunftsbild dem Volke in seiner feurigen Weise auSmalte, hat sich erfüllt. Nicht er war der Fanatiker, nicht er der Schwarzseher und Kurzsichtige, sondern der Gleichmuth, mit dem das damalige Geschlecht alle diese Worte ausnahm, nur für den Augenblick lebte, nicht weiter dachte und sah und absichtlich die Augen verschloß, das war Verstocktheit und Kurzsichtigkeit, die sich leider nur allzu sehr an unserem Volke rächte. An diesen Thatsachen läßt sich nichts ändern. Unser Hetligthum liegt in Trümmern und wir, wir leben im „Goluth", auch heute noch. Aber die Verlängerung dieses Golnth und die damit zusammenhängenden Leiden aller Art, die sich immer wiederholen, haben wir ganz denselben Ursachen zuzuschretben, die unser Nationalunglück herbetgeführt. Deßhalb ist es auch immer wieder am Platze uns diese Ursachen wieder ins Gedächtniß zurückzurufen, sie uns wieder vor Augen zu führen, sie wieder dem Herzen nahe zu legen, auch auf die Gefahr hin, nicht gehört, nicht beachtet zu werden. Aber wer weiß, ob nicht doch Momente eintreten, die Mitwirken und unseren Worten mehr Nachdruck verleihen, na iWiw xVn dV^vt na-in 8t> "28 idx .DDina ‘pnNi on^’V ic'tyn "iönjp ruttci n« „Abaje sagte: Jerusalem ist nur deßhalb zerstört worden, weil sie darin den Sabbat entweihten, denn so heißt es: und vor meinen Sabbaten schließen sie die Augen, so daß Ich in ihrer Mitte entweiht werde." Die Wichtigkeit und Bedeutung des Sabbatgebotes war von jeher unserem ganzen Volke klar. Jedes jüdische Kind wußte und weiß, daß der Sabbat der höchste Tag für uns ist, daß es sich bei seiner Beobachtung oder Verletzung um Anerkennung oder Leugnung Gottes, um die Grundwahrheit der jüdischen Religion handelt. Aber vTN'p iotyn „sie haben ihre Augen verhüllt", wollten mit Absicht nicht sehen. Bei diesem Gebote gibt es in der Hauptsache keine Unkenntniß, wenn auch von seinen vielverzweigten Verboten nicht ein Jeder Kenntniß hat. Aber das Hauptgebot der Ruhe und Hauptverbot der Arbeit steht klar und deutlich schon in den „Zehn Geboten." Und wie kleinlich und geringfügig sind oft die Veranlassungen der Sabbatentweihung selbst in sogenannten „frommen" Häusern. Die fromme Hausfrau ist nicht zufrieden damit, daß sie das ganze Haus .mw Toa^" blank und rein hat wischen und fegen und putzen lassen, sie geht in ihrem peinlichen Reinlichkeitssinn noch weiter, auch am na» läßt sie noch einmal alles wischen und fegen, damit ja kein Stäubchen, kein Fleckchen in ihren Zimmern, auf ihren Möbeln, aus ihren Treppen zu sehen ist, Alles das geschieht — 'vxb. — Da gibt es so manchen „frommen" Juden, der sich einredet, nur frischgemachten Kaffee trinken zu können, während es ihm aber nicht einfiele, anderes, als „gesetztes" Essen am na» sich zu erlauben. Die Entweihung des Sabbat stellt Abaje an die Spitze, als ersten Grund, daß Jerusalem zerstört wurde. •fraa» 8^8 ubvrrr nmn iD8 ma« *1 .rra-ijn rvinr yo» rwnp „R. Abuha sagt: Jerusalem ist nur deßhalb zerstört worden, weil man unterlassen hat, das pv^-Lesen Morgens und Abends zu verrichten." Wie man heute oft genug die Aeußerung hört: Wir sind und bleiben doch Juden, auch wenn wir nicht alle jüdischen und biblischen Gesetze beobachten, wenn wir nur an den Einen Gott glauben; ebenso sprach man damals in Jerusalem. Ja, wenn mit dieser Idee uns in irgend einer Weise gedient wäre; wenn ein irgendwie großer, veredelnder Einfluß auf uns verspürt würde; wenn man doch auch behaupten könnte, daß solche ideale Bekenner des Judenthums, der Einheit Gottes, für diese Idee bai nmn ^>221 oaa^ ^»22 dt8d „mit ihrem ganzen Herzen, mit ihrer ganzen Persönlichkeit, ihrem ganzen Wesen und mit all ihren Kräften und Fähigkeiten" einstünden! Aber leider sehen wir, daß diese Bekenner der Gottesidee, die ja geradezu echt ideale Menschen nach jeder Richtung hin sein müßten, gar so wenig davon im Leben merken lassen, so daß wir, die wir den crassen Materialismus des jetzigen Judenthums vor Augen habn, eine ideale Seite, eine Gottesidee, ganz und gar an ihnen vermissen.