Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Vollzügen; sogleich noch derselben fuhren sie im Wagen des Verwalters zu der nächsten Bahnstation, die in entgegengesetzter Richtung der Provinzialhauptstadt lag. Mit dem Frühzug fuhren sie von dannen und gelangten in Folge der Pässe, die Lydia besorgt hatte, glücklich über die Grenze. „Deutschland — Freiheit, Deutschland — Seligkeit und Wonne!" rief Jakow begeistert aus.. Die jungen Eheleute stürzten sich in die Arme und weinten und schluchzten vor Freude und Glück. Alexei war in Rußland geblieben, um seine Häuser und Fabriken zu verkaufen; er gab sie zu billigem Preise ab und folgte so schnell als möglich seinen Kindern in die neue Heimath. War sein Vermögen durch die Schicksalsschläge, die ihn getroffen, auch sehr zusammengeschmolzen, so reichte es doch noch aus, um von den Zinsen zwar bescheiden, aber immerhin behaglich leben zu können. In Baden gelang es ihnen, ihre Naturalisation zu erwirken, und heute sind sie Deutsche und haben nichts mehr von dem Ungeheuer im Osten zu fürchten. Rasch erholten sie sich von all den Leiden, die sie erduldet hatten, und heute trübt Nichts mehr ihr Glück. Auch für Michail erwuchsen aus der Befreiung Jakows keine schlimmen Folgen, denn es gelang ihm, den Oberprokurator über die Art der Flucht zu täuschen, und derselbe vermuthete, daß Iwan, der so plötzlich verschwunden war, seine Hand dabei im Spiel gehabt hätte. Auch die Nachforschungen, die die Polizei unter Leitung Bluwos nach Iwan anstellte, blieben vollständig erfolglos. Lydia hatte geschickt alle Spuren verwischt, und da der Oberprokurator durchaus nichts entdecken konnte, trotzdem I er an Ort und Stelle die Sache auf's Genaueste I untersuchen ließ, so vergab er sie schließlich übet anderen Geschäften; er ist auch heute noch der Schrecken aller römischen Katholiken, Protestanten und Juden. Michail und Lydia vermählten sich bald nach der Flucht Jakows, aber trotzdem es der Wunsch des Gouverneurs war, vermochte er doch nicht den Fürsten zu überreden, daß derselbe in Staatsdienste trete. Fürst Michail meinte, man habe in der russischen Regierung keine Verwendung für Menschen. Er bebaut nun die Güter, die er ererbt und erheirathet und hat dieselben zu Mufterwirthschaften umgestaltet. Wenn man in Rußland von Agrikultur spricht oder schreibt, so pflegt sein Name stets genannt zu werden. Alles was er unternahm, hat er mit einer hohen und edlen Philosophie durchdrängt. Vor einigen Monaten hat der Fürst und die Fürstin Gutesow ihren Freund Jakow in der neuen Heimath besucht; sie brachten ihnen die Nachricht mit, daß sich der Gouverneur von den Staatsgeschäften zurückgezogen und einen ehrenvollen Abschied erhalten; von den Schrecknissen, die sie gemeinsam ertragen, sprechen sie nicht gern. Sie haben vergeben und bemühen sich zu vergessen. Dr. Horwitz ist jetzt Privatdozent an einer deutschen Universität. Alexei betreibt kein Geschäft, wohl aber war er einer der Ersten, die dem Hülfskomite für die vertriebenen russischen Juden beitraten, als vor Kurzem die Judenverfolgungen in Rußland auf's Neue begannen. Er ist Präsident des Zweigkomitös in seinem Wohnorte, und in dieser Eigenschaft ist jüngsthin viel von ihm geredet worden, denn so thätig und aufopferungsvoll wie er, ist kein Anderer. Er weiß zu würdigen, was es bedeutet ein russischer Jude zu sein. Ende. D« „Israelit* erscheint wöchentlich zweimal, Mortag- und Donnerstag-, jedeSmal in mindestens zwei Bogen. Preil de- Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'S Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzjährig, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen all. — Durch den Suchhunde! r» drstehe« des T. $. Ailrtnacher, Leipzig, Pohplah 16. — Inserate 25 Pfennig die breigespaltene Petitzeile oder deren Ran«. — Oesterreichtsche Banknoten laut CourS. — Directe Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland nad Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (Hanptblatt) : Leitender Artikel: Ein vierhundertjähriges Jubiläum (Fortsetzung). — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. Elberfeld. Aldenhoven. Halle a. S. — Oesterr.-Ungar. Monarchie: Agram. — Schweiz: Bern. Aarau. — Feuilleton: Der Günstling des Czaren. Eine Erzählung auS Rußland. Bon Jon. Lehmann, vr. phll. (Schluß). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Die drei Wochen. Von Rabbiner Dr. Sänger. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Mainz. Berlin. — Frankreich: Paris. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. — Privat- Telegcamm des „Israelit". Inhalt der zweite« Beilage: Leitender Artikel: Proceß Buschhofs. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Dnlik und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckeret-Actien-Gesellschaft in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.