Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Rosa stand hoch ausgerichtet da, ihre Gestalt schien zu wachsen, die Hände hatte sie ausgebreitet: wie eine unheilverkündende Seherin, die auf den Uebelthäter das Verderben herabbeschwört, so schaute sie ihn an, ihre Blicke bohrten sich in seine Augen. Er vermochte nicht dies zu ertragen, und doch war sein Auge gebannt an das ihre, er sank immermehr in sich zusammen, er bückte sich nieder, wie ein Tiger, der, ohnmächtig zum Sprung, vollständig überwältigt den Todesstoß erwartet. „Nicht hassen, nicht fluchen!" flehte er, „nicht leben vermag ich und nicht sterben, wenn Du mir fluchst." Er ließ seine Waffe sinken und stürzte sich auf die Knie vor Rosa nieder, cs war, als wenn ihr Blick ihn bändigte und einen übernatürlichen Einfluß auf ihn ausübte. „Gnade!" rief er, „Barmherzigkeit, nicht hassen, nicht fluchen, denn ich liebe Dich. Nicht hassen!" Sein Flehen war so jammervoll, seine Töne so herzzerreißend, daß es die härteste Brust hätte durchdringen müssen. Sie wendete den Blick von ihm hinweg, sie wurde durch die plötzliche Wandlung Iwans erregt. Er aber erschrack, als sie von ihm fortschaute. „Sieh mich an!" schrie er, „sieh mich an!" Rosa blickte auf die Landstraße hinaus. „Willst Du mich nicht mehr anschauen?" rief er. „So hast Du Deinen Zweck erreicht, so nimm Deinen Triumph, Deinen Lorbeer; Ade. Bis zum Tode habe ich Dich geliebt!" Ein Schuß krachte. Ein jäher Doppelausschrei durchhallte die Luft. Wem hat das Todesgeschoß gegolten? Iwan lag am Boden, die klaffende Todeswunde in der Brust; Rosa blickte schreckensvoll auf ihn nieder. „Glaubst Du mir nun, daß ich Dich treu geliebt habe?" rief er, und seine Stimme begann bereits zu röcheln, „lebe, liebe, — sei glücklich, da ich verfaulen werde in meinem Grabe. O Rosa, Rosa, was war mein Verbrechen, doch nichts anderes, als daß ich Dich geliebt habe — so treu — so heiß geliebt! —" Die letzten Laute waren nur noch hervorgehaucht, sein Gesicht nahm Plötzlich eine Wachsfärbung an, die Augen traten krampfhaft hervor, — er war tobt. Entsetzensbleich sprang Rosa auf und lief über den Kiesweg des Gartens dem Hause zu. „Rosa, Geliebte, wo bist Du?" rief eine ihr wohlbekannte Stimme, die in dieser Nacht des Schreckens wie himmlische Musik an ihr Ohr tönte. Einen Moment noch und die so lange getrennten Brautleute lagen sich weinend und schluchzend, keines Wortes mächtig, in den Armen. Jakow wollte seine Braut in das Haus zurückführen, aber noch war es nicht an der Zeit, den Gefühlen des Herzens freien Lauf zu lassen, flüsternd, in abgebrochener Rede erzählte Rosa von dem Tobten im Pavillon. Jakow hieß Rosa in das Wohngebäude gehen, dann machte er seinem Vater und dem Verwalter heimlich Mittheilung von dem, was geschehen war. Wenn man die Polizei von dem Selbstmorde benachrichtigte, so würde dies eine lange, unangenehme Untersuchung veranlaßt haben, die offenbar auf die Spur Jakows geführt und seine Flucht vereitelt hätte. Es war bereits finstere Nacht geworden und kein Fremder hatte von den Vorgängen im Pavillon etwas bemerkt. Der Verwalter brachte einen großen Sack herbei, in den er die Leiche Iwans, zusammen mit dessen Waffe, legte; im nahen Walde grub man ein Grab und verscharrte die Gebeine des Mannes, der einst der Beherrscher Rußlands gewesen. Kein Leichenstein oder Denkmal bezeichnte die Stätte. Dumpfes Schweigen herrschte bet dem Begräbnib; endlich aber fühlte Alexei in seiner Herzensgüte den Drang, auch diesem Tobten etwas Gutes nachzureden. „Er war ein Mensch mit wunderbarer Geistesanlage," sagte er zu seinem Sohne, „in einem Lande mit geordneten Verhältnissen hätte er vielleicht sein Vaterland zum größten Danke verpflichten können, in Rußland aber mußte er zu Grunde gehen." „Verflucht sei dieses Land!" schrie der Verwalter, „in dem solche Verbrecher wie der Tobte von der irdischen Gerechtigkeit nicht bestraft werden, frei umhergehen und Schaden stiften, während der Gerechte fliehen muß wie ein gehetztes Thier." „Was zürnt Ihr," entgegnete Alexet. „Gott hat gerichtet und uns gerettet. Oh flucht nicht unserem Heimathlande, es leidet schwer genug, es ist hart genug bestraft." Und von seinen Gefühlen überwältigt, streckte Alexet die Hände zum Himmel empor und betete: Oh Du großer, guter Gott, wir danken Dir, daß Du uns errettet. Oh blicke auch gnädig herab auf dieses Land und dieses Volk, lasse verschwinden die Finsterniß der Thorheit und des wilden Glaubenshasses, erlöse sie aus ihrer schweren Knechtschaft und mache aus ibnen freie, gute und fromme Leute: o Gott, lasse sie Menschen werden." Wortlos gingen die drei Männer zum Hause zurück. Noch in derselben Nacht wurde die Trauung Jakows und Rosas durch einen Rabbiner der Stadt