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Der Israelit · 1892-08-01 · Heft 61 (1.8.1892) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 61 (1.8.1892)
Date
1892-08-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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1148 Aarau, 29. Juli. Das Jnitiativ-Comitö hat bereits 50,000 Unterschriften für das Begehren um Abstimmung, ob das Schächtverbot in die eidgenössische Verfassung aufzunehmen sei; die Abstimmung muß also stattfinden. Feuilleton. I>er Hünstking des Kzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Ion. Lehmann, vr. Ml. (Schluß.) Als das junge Mädchen in die Familie des Verwalters kam, war es durch die Erwartung der Dinge, die sich nun entwickeln sollten so erregt, daß es kaum vermochte den freundlichen Reden der Verwalterssamilie stand zu halten. Ihr ganzes Denken und Sein war bei Jakow. Ob ihm die Flucht gelingen würde, ob er lebend entkäme? Hatte doch die Schildwache das Recht jeden Flüchtling auf der Stelle ntederzuschießen. Rosa konnte ihre Aufregung nicht mehr bemeistern, während ihr Vater, der nicht minder sehnsüchtig die Befreiung Jakows erwartete, sich freundlich mit der Familie des Verwalters unterhielt. Sie stand auf und eilte hinaus in den Garten, sie wollte Ruhe und Einsamkeit, um sich fassen zu können. Langsam schritt sie über den Kiesweg des Gartens, zu dessen beiden Seiten die ersten Sprößlinge des Frühlings emporkeimten. Am Ende des Weges, hinter Büschen und Bäumen versteckt, war ein Holzpavillon, dessen eine Seite nach dem Walde offen war; man konnte von hier aus einenMick auf die Chaussee werfen und Rosa setzte sich so, daß sie die Landstraße übersehen konnte; wenn er kam, der Heißgeliebte, dann mußte sie ihn von hier aus zuerst erblicken, dann wollte sie als die Erste ihm in die Arme eilen, und weinen und jauchzen an seiner Brust. So saß sie und blickte vor sich hin in allen ihren Gedanken nur mit ihm beschäftigt. Iwan war ihr nachgeschlichen. Wie ein Tiger, der im Begriffe ist, sich auf seine Beute zu stürzen, und es doch nicht wagt oder nicht vermag, so stand Iwan nun an dem Eingänge des Pavillons, seinen Körper durch die Wand verdeckend, während er den Kopf hervorstreckte. In seinem Gehirne flogen Bruchstücke von Gedanken kreuz und quer durcheinander; er vermochte nicht sie zu sammeln, sich zu klarem Bewußtsein auszuringen. Was er in diesem Augenblicke vor hatte, das konnte er selbst nicht fassen. Es war ihm, als ob er ihr zu Füßen sinken und seinen Kopf auf ihre Schuhen betten müßte, als ob er sich nicht genug vor ihr erniedrigen könnte, er fühlte sich in diesem Augenblicke matt und schwach; selbst ihr Bild war ihm jetzt nicht mehr klar, phantastisch und nebelhaft schien sie vor ihm auf und nieder zu schweben. Den letzten Rest seiner Kraft bot er auf, um coordtnieet zu handeln. Seine glühenden Augen hatte er auf das Mädchen geheftet, und als er bemerkte, daß sie sinnend und wie weltverloren dasaß, so schlich er mit leisen Katzentritten näher und immer näher heran, bis er von Rosa unbemerkt hinter ihrem Rücken stand. Leise legte er seine rechte Hand auf ihre Schulter und flüsterte ihr mit heißerer Stimme in's Ohr: „Sei ruhig, Du holdes Wesen, ganz ruhig, störe die Geister im Walde nicht, die uns schon einmal verderblich wurden." In namenlosem Entsetzen sprang Rosa empor, ein jäher Schreckensschrei hallte durch die stille Lust, als sie nun Iwan erkannte. „Was wollt Ihr von mir, Entsetzlicher?" rief sie, „seid Ihr denn mein böser Geist, der mich überall hin verfolgt, und mir stets Unglück bringt?" „Wärst Du gut gegen mich gewesen, ich wäre Dein guter Geist geworden, Du aber thatest Böses und mißt mir nun die Schuld bei. Ja, ich bin ein Geist, ein Engel, ein Teufel, wie ich es sein will, Himmel und Hölle gehören mir und hierhin und dorthin vermag ich Dich zu senden. Schreie nicht, erschrick nicht, mein süßes Liebchen. Ich bin nur gekommen, um Dich zum letztenmale zu fragen, ob Du die Meine sein willst oder nicht?" Iwan zog seinen Revolver aus der Lasche und richtete den Lauf auf die Brust Rosa's. „Sagenein", fuhr er nun mit sanfter Stimme fort, „und jene Welt wird uns vereinigen, da wir hier uns nicht zu finden vermochten. Gelt, ein lustiges Hochzeitsfest?" Rosa wollte um Hilfe schreien, aber die Kehle war ihr wie zugeschnürt. „Schreie nicht und entfliehe nicht", fuhr Iwan fort, „auf der Spitze meines Fingers schwebt Dein Leben, ein leichter Druck, und Du bist todt." „Was wollt Ihr von mir?" stöhnte sie. „Lieben sollst Du mich, weiter will ich nichts. Lieben sollst Du mich!" „Euch lieben?" rief das junge Mäochen, „Euch, der Ihr so gräßliches mir angethan, wie mein schlimmster Feind es nicht vermocht hätte, der Ihr mich gehaßt, verfolgt, gequält und gemartert habt von dem ersten Augenblick, da Ihr mich gesehen bis heute. Ich weiß, mein Leben steht in Eurer Hand, schießt mich nieder, ich will sterben, sterben mit einem Fluche für Euch auf den Lippen."

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