Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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weiß übrigens sehr wohl, daß es nicht die orthodox-conservative Presse vom Schlage Stöckers war, die vor mehr als zehn bis fünfzehn Jahren die schlummernde antisemitische Bewegung wachrief, sondern gerade die Centrumspresse. In ihr erschienen die ersten und schärfsten Angriffe, sie sammelte und verbreitete jenes statistische Material gegen die Juden, aus welchem Stöcker und seine Freunde nachher schöpften. Das damalige Wachrufen des Antisemitismus war ein ultramontaner Schachzug, um die lebhafte Betheiligung eines Theiles der liberalen Presse an dem Kulturkampf gegen die Papstkirche einzudämmen. Haust du meinen Papst, so haue ich eure Juden! war die einfache Parole. Und die Centrumspreffe hatte damit soweit Erfolg, daß der damalige Hofprediger Stöcker und seine Anhänger zu demselben Mittel griffen, um die Angriffe radikal-liberaler Blätter gegen die orthodox-protestantische Geistlichkeit einzuschränken, welche damals wegen innerer Kirchenfrage viel von sich reden machte. Als der kaiserliche Hofprediger sich des Antisemitismus annahm, zupfte die Centrumspreffe — wohl auf Wink ihrer klugen Führer — leise zurück und gebärdete sich gelegentlich sogar als wohlwollende Protektorin gekränkter jüdischer Mitbürger. Da Herr Slöcker die antisemitischen Geschäfte mit Feuereifer besorgte, konnten die Centrumsbläser wohl vergnügt schweigen und sich damit begnügen, nur von Zeit zu Zeit verstohlen in den Brand zu pusten, damit er hübsch weiter lohe. Wer einmal die jüngste Geschichte des Antisemitismus in Deutschland schreibt, soll die Anfänge nicht vergessen und nicht die Rolle übersehen, welche er zuerst in ultramontanen Händen als Hebel spielte. Erstens: um einem bestimmten Theil der liberalen Culturkampfprcsse den Mund zu stopfen. Zweitens: um der großen Menge au Stelle des Culturkampfes zur Ablenkung einen andern aufregenden Brocken hinzuwerfen. Denn in dieser Menge zitterten noch die Aufregungen der Kriegsjahre 1866 und 1870 nach, sie war an starke Actionen und lebendige Bewegungen gewöhnt, wie solche ja anfangs auch der Culturkampf mit sich brachte. Dem Kampfruf: das ultramoutane Papstthum ist der Feind! wurde der Kriegsschrei: das Judenthum ist der wahre Feind des deutschen Volkes! entgcgengestellt. In den unruhigen Träumen des deutschen Michels wurde damit allmählich der „geisttödtende Hetzcaplan" durch den „blutsaugenden Schacherjuden" ersetzt. Anscheinend brauchen Völker und Kinder durchaus einen grauslichen Fürchtemann , um befriedigter zu sein. Eigenthümlich und recht beachtenswerth ist aber, daß unter dem neuen Curse die protestantische Orthodoxie an ihrem Leibe schmerzlich erfahren mußte, wie der Antisemitismus offiziell nicht mehr als hoffähig gilt, während die Presse des Centrums, also der augenblicklich einflußreichsten politischen Partei in Deutschland, antisemitischer als je auftritt und damit lebhafte Erinnerungen an gewisse Anfänge der antisemitischen Bewegung weckt. Mainz, 31. Juli. Unsere geehrten Leser werden sich erinnern, daß wir zu Beginn dieses Jahres über das unsagbar traurige Schicksal berichteten, dem einige unserer vertriebenen russischen Brüder, die einem Herrn Paul Friedmann folgten, zum Opfer fielen. Es ging damals ein Schrei der Entrüstung durch die gesammte Presse des In- und Auslandes. Diese unsere Veröffentlichungen hatten die gute Folge, daß seitdem derartigeExperimente mit dem russisch-jüdischen Menschenmaterial nicht weiter versucht worden sind, und manche „Colonisationsidee", die vielleicht Leben und Gesundheit unserer Brüder gekostet hätte, mag durch unsere ungekürzte und unbemäntelte Wiedergabe der midjianitischen Berichte und die in der gesummten Presse hierdurch erweckten Mahnrufe zur Vorsicht, zum Scheitern gebracht worden sein. — Herr Paul F r i e d m a n n, der obenerwähnte Entrepreneur der Midjan-Colonie, hat sich nun veranlaßt gesehen, Beleidigungsklage gegen uns anzustrengen, indem er einen Theil der in unseren Berichten enthaltenen Behauptungen als der Wahrheit nicht entsprechend in Abrede stellt. Da wir nun infolgedessen genöthigt sind, den Beweis der Wahrheit für die mitgethcilten Vorgänge zu erbringen, so richten wir an alle Freunde und Leser unseres Blattes die ergebene Bitte, uns, falls ihnen über den gegenwärtigen Aufenthalt der ehemaligen Friedmann'schen Colonisten irgend etwas bekannt sein sollte, dies freundlichst sofort mitzutheilen. Jedenfalls wird Herr Friedmann durch seine Klage eine Klärung und Feststellung jener mysteriösen Vorgänge herbeiführen, so daß dieselbe von uns, — denen im Interesse der Menschlichkeit, gegenüber den Opfern des russischen Fanatismus, nur an der Feststellung der Wahrheit gelegen ist — mit Genugthuuug begrüßt wird. Auch die uns befreundeten Blätter bitten wir um freundlichen Adruck dieser Zeilen. Mainz, 1. August. Wie bekannt erläßt die deutsche Regierung z. Zt. im Reichsanzeiger „Vorschriften für die Lebensweise zur Cholerazeit." Da diese unheimliche Krankheit in unserm großen östlichen Nachbarreiche bereits so weit vorgedrungen, so wäre es von der größten Wichtigkeit, daß die obengenannten Vorschriften unter unfern Brüdern in Rußland in ausgedehntestem Maße bekannt würden. Wir bitten deßhalb die in Rußland erscheinenden hebräischen Zeitschriften, sowie die geehrte Redaction des „Hamagid" in Berlin, dieselben schleunigst