Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 61 (1.8.1892)
- Date
- 1892-08-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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UU Ketzer verbrannt, aber schon im zweiten nicht weniger als 2000. Glücklich konnten sich noch die 17,000 zur Buße Verurtheilten preisen, die mit dem ganzen oder thcilweisen Verlust ihres Vermögens davon kamen und mit ihrer Familie für ehrlos erklärt wurden. — Die Erfolge dieses zweiten Jahres (1482) verdankten die Jnquisitatoren einer so schlau erdacht, wie geschickt gelegten Falle, in die, keinen Verrach fürchtend, so viele Convertiten gingen; sie kannten noch nicht die ganze Verworfenheit dieser Männer! Die Herzlosen erließen einen „Gnadenakt." Alle Neu - Christen, die sich durch Ausübung gewisser Ceremonien eines Rückfalls in den Judaismus schuldig gemacht hatten, wurden aufgefordert, frei hervorzutreten und sich selbst anzugeben. Wer sich bußfällig zeigte und Besserung gelobte, erhielt die Zusicherung voller Absolution und der Erhaltung des Lebens und Eigenthums. Viele Marannen trauten der verlockenden Stimme dieses Gnadenerlasses; sie kamen und erleichterten ihren Erzfeinden die Last, die ihnen das Nachspü. ren und Spioniren verursachen mußte; das Tribunal wußte ja nun, wer die Verdächtigen seien; aber auch das genügte noch nicht. Die Bußfälligen mußten zu Verräthern und Angebern werden und wurden nicht eher entlassen, als bis sie alle ihre Verwandten und Bekannten namhaft gemacht hatten, die möglicherweise gleich ihnen in den Judaismus zurückgefallen waren. Was galt der Inquisition als ein Rückfall in den Judaismus? 37 Artikel waren aufgestellt, nach denen gefragt wurde. Wenn die Geschichte sic uns nicht als verbürgte Wahrheit aufbewahrt hätte, so würden wir es nicht für glaublich halten, daß je so frivole, alberne, lächerliche Gründe hinreichten, vielen wehrlosen Nebenmenschen Glück, Eigenthum und Leben zu rauben. Die Inquisitoren forschten nach, wer einen Unterschied zwischen Samstag und den andern Tagen der Woche gemacht, indem er etwa ein weißes Tischtuch aufgelegt, oder ein reines Hemd angezogen, oder bessere Kleider als gewöhnlich getragen. Verdächtig waren ferner: wer einem zur Mahlzeit bestimmtem Huhne den Hals durchschnitten, oder bei andern geschlachteten Thieren die Blutadern entfernt hatte; wer während der Fastenzeit Fletsch genossen, sich hingegen an dem Versöhnungstage oder andern jüdischen Fasttagen der Speise enthalten hatte; wer an dem Vortage dieser Feste ein Bad genommen, das Haar geschnitten oder die Nägel gespitzt; wer ungesäuertes Brod gegessen oder bestimmte Kräuter am Passahfeste gebraucht hatte; wer sich zur Zeit des Laubhüttenfestes grüne Zweige verschaffte oder Freunden Geschenke an Früchten zugesandt; wer den von Juden zubereiteten „KoscherWetn" getrunken ober das von Juden geschlachtete Fleisch gegessen; wer bet gewissen Gelegenheiten jüdische Segenssprüche gesprochen oder die Psalmen gesungen hatte, ohne den Schluß: „Ruhm sei dem Vater, dem Sohne und dem heiligen Geiste" hinzugefügt zu haben. Es mußte auch untersucht werden, ob Eltern ihren Kindern hebräische Namen gegeben oder den Kopf des Kindes an der Stelle gewaschen hatten, wo das Weihwasser hingesprengt war; ob Jemand seine Freunde und Verwandte zum Gastmahl eingeladen hatte, ehe er eine lange Reise angetreten; ob ein Sterbender sein Gesicht gegen die Wand gewendet, oder ob Andere ihm diese Richtung gegeben; ob diese Leiche mit warmem Wasser gewaschen, oder ob in dem Hause eines Verstorbenen das Wasser aus allen Eimern ausgeschüttet wurde. So und ähnlich lauteten die Fragen, auf die eine Begründung zur Anklage des Rückfalls von dem neu angenommenen Glauben in die Jrrthümer des alten Aberglaubens aufgebaut wurden. Bei solchem Gerichtsverfahren und bei der unermüdlichen Thätigkeit der Inquisition, kann es uns gewiß nicht überraschen, wenn die Opfer nach kurzer Frist nicht mehr nach Hunderten, sondern nach Tausenden und Zehntausenden gezählt wurden. Zudem war das zu Sevilla errichtete Tribunal nur das Vorbild vieler anderer, ähnlicher Gerichtshöfe. Alle bedeutenderen Städte Spaniens, wie Toledo, Cordova, Real, Saragossa, Valencia, Barcelona, Madrid, Salamanka, Valladolid, Segovia und viele mehr konnten sich ihres Jnquisitionshoses, ihrer Kerker und ihrer Quemaderos rühmen. Der Triumph der Inquisition sollte durch ein weltgeschichtliches Ereigniß noch erhöht werden. Ferdinand und Jsabella hatten seit dem Jahre 1481 den Feldzug gegen die Mauren im Süden aufs eifrigste betrieben. Endlich nach zehnjährigem, harten Kampfe, triumphirten die christlichen Waffen. Am Anfang des Jahres 1492 war die Herrschaft der Mohamedaner für immer von der Halbinsel verschwunden, und Ferdinand und Jsabella waren die alleinigen Herrscher in ganz Spanien. Im Hochgefühl ihrer Erfolge stand das Herrscherpaar in der Alhambra zu Granada und blickte zu den Spitzen der schneebedeckten Sierra empor, zu deren Füßen die fruchtbare Bega lag. Es überschaute mit innerer Genugthuung das weite, reiche Gebiet, das es nicht allein für sich, sondern auch für das Christenthum gewonnen hatte. Diese günstige Stimmung benutzten die Inquisitoren; sie bestürmten noch in Granada die Herrscher mit dem ganzen Aufwande ihrer sophistischen Beweisführung, um einen längst gefaßten und sehnlichst erwünschten