Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1892)
- Date
- 1892-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448218-2448275--34570-2482516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1121 Rom. Ein jüdisches Leichenbegängniß hat dahier stattgefunden, an dem auch unser Kriegsminister, General Pelloux und zahlreiche Beamte seines Ministeriums nebst mehreren Generälen und Stabsoffizieren theilnahmen. Am Samstag vorher verschied hier nämlich der Sections - Chef im Kriegsministerium, Commendatore Giacomo Arbib im Alter von 54 Jahren, von denen er dreißig Jahre seinem Vaterlande mit dem Schwerte gedient hatte. Dabei war er ein treuer Anhänger seines Glaubens gewesen. Feuilleton. Aer Günstling des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jo«. Lehma««, vr. Ml. (60. Fortsetzung.) Wenn nun der Geheimrath Mörder in das Coupe versteckt hätte, die dessen Feind während der Fahrt erwürgen sollten? Iwan war allein in dem Wagen, er fing an unter den Bänken nachzusehen, ob Niemand darunter verborgen sei. Er fürchtete sich sehr und wußte selbst nicht vor was. Es wurde ihm unausstehlich in dem Waggon, das ewige Rütteln und Schütteln des schlecht gefederten Wagens brachte ihn schier zur Verzweiflung; er duldete Qualen, wie man sie einem gesunden Menschen nicht zufügen kann, er hatte stets das Gefühl, als ob bei jedem Stoß ein Theil seines Gehirns aus dem Kopfe herausgeschleudert würde. Der Zug hielt, und so schnell als möglich verließ er denselben. Ohne sich aufzuhalten oder sich umzusehen, lief er den verhältnißmäßig kurzen Weg, den er mit der Bahn zurückgelegt, neben den Schienengeleisen zurück. Er lief anhaltend, ohne nach rechts oder links zu sehen, bis er wieder in der Provinzialstadt war. Dort kaufte er sich sogleich für den Rest seines Geldes bei einem Händler zweifelhaften Rufes, der keinen Erlaubnißschein verlangte, einen Revolver; hierauf eilte er zu dem Hotel, von dem er wußte, daß Alexei und Rosa dort abgestiegen. Es war ein sehr großes Gasthaus, in dem den ganzen Tag viele Hunderte von Leuten aus- und eingingen. In diesem Gewühl von Menschen fiel er Niemandem auf. In einem Winkel der Einfahrt verbarg er sich, hier wollte er warten, bis Rosa vorüber komme. Die fixe Idee, sich in den Besitz des jungen Mädchens zu setzen, wurzelte noch immer unauslöschlich in seinem kranken Gehirn. Auf was er hoffte, wußte er selbst kaum, aber so viel war ihm sicher, daß sie eher sterben müsse, ehe sie mit dem verhaßten Nebenbuhler vereinigt würde. Wenn er sie erblickte, wollte er auf sie zutreten, sie noch einmal, zum letztenmale fragen, ob sie die Seine werden wolle; und wenn nicht — der Revolver war scharf geladen, dann wollte er sie erschießen, erst fie und dann sich selbst. So wartete er viele Stunden lang, aber Rosa erschien nicht. Endlich, der Abend war längst herangebrochen, glaubte er sie zu erkennen, sie stieg gerade in einen Wagen, schnell sprang er hinzu, aber die Pferde hatten schon angezogen, der Wagen rollte davon, es war zu spät; nun wartete er auf ihre Rückkehr. Aber mittlerweile wurde das Hotel geschlossen, und man fragte ihn, was er noch in demselben zu suchen habe. Er behauptete, er warte auf seinen Herrn, der von hier davongefahren wäre und bald wieder käme. Seine Reden klangen verwirrt, der Hausbursche glaubte ihm nicht, wies ihn auf die Straße und verschloß das Thor. Auf der Straße konnte er nicht bleiben ohne aufzufallen, er suchte nach einem Unterkommen, er fand einen Neubau, in dessen offenen Kellerräumlichkeiten er sich verbarg, er lauschte die ganze Nacht auf den Weg hinaus, viele Wagen fuhren durch die Straßen, aber er vermochte nicht zu erkennen, ob Rosa in einem derselben saß. Früh am Morgen, als das Thor geöffnet wurde, war er wieder an seinem Beobachtungsplatz; dreiviertel des Tages stand er hier wiederum, ohne Speise oder Trank zu sich zu nehmen, die glühenden Augen nach dem Aufgange der Treppe gerichtet, und wiederum sah er sie in einen Wagen steigen, viele Bedienstete des Hotels umstanden den Wagenschlag und reichten ihr Gepäckstücke. Krampfhaft umfaßte Iwan den Griff seines Revolvers, jetzt hätte er sie niederschießen können, aber er mußte sie zuvor noch einmal fragen, ob sie nicht die Seine werden wolle, er war mit unbedingter Gewißheit davon überzeugt, daß sie ihn jetzt liebe, ja, er glaubte sogar zu wiffen, daß sie Sehnsucht nach ihm empfinde, und wenn sie sagte, daß sie die Seine werden wolle, so brauchte er sie ja nicht zu tödten. Der Wahnsinn war zum Ausbruche gelangt. Der Wagen fuhr ab, Iwan stürzte demselben auf die Straße nach, warf sich in eine Droschke und befahl dem Kutscher, dem anderen Gefährt nachzufahren. Der Wagen Rosas rollte auf die Landstraße hinaus. Iwan fuhr hinterher. — Der Gouverneur war, wie wir wissen, kurz nach der Ankunft Alexets in Begleitung von Michail und Lydia in die Heimath zurückgekommen. Die jungen Leute hatten ihn fast fußfällig gebeten, er möge den Auftrag des Oberprokurators der Synode nicht ausführen, aber der Beherrscher der Provinz war unerbittlich. So sehr sie ihm auch vorstellten, wie viel der unglückliche junge Mann ohne jede Schuld schon zu erdulden gehabt habe, und daß die Leiden, die ihn, der jedenfalls bet seinem angestammten Glauben beharren würde, in dem Kloster