Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1892)
- Date
- 1892-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1120 wer wird denn für ein jüdisches Gotteshaus in diesem Lande etwas gebend Warschau. Die Lage der Dinge in Polen wird in jüngster Zeit ernsthafter. In Lodz, dem Centrum der polnischen Textil-Jndustrie, haben in Folge der Maiseier Aufläufe und Krawalle stattgesunden, die selbst von der russischen Regierung nicht vertuscht werden konnten; der blutige Zusammenstoß mit den Truppen, welcher einer Anzahl Arbeiter das Leben kostete, ist durch den Telegraph längst aller Welt bekannt geworden. Im letzten Augenblicke ist über das Massacre zu Lodz ein Bericht bekannt worden, der den Sachverhalt entgegen den bisherigen officiellen Nachrichten in einem neuen Licht erscheinen läßt. So erfahren wir jetzt, daß der Angriff auf die wehrlosen Juden von der Polizei angezettelt wurde in dem Bestreben, die polnischen Arbeiter als Gesindel brandmarken zu können. Als die Menge einen Angriff auf die Werkstätten der reichen Fabrikanten zu unternehmen drohte, versuchten Polizei und Lockspitzel dieselbe zur Plünderung der Juden aufzuhetzen; als dies nicht gelang — die Arbeiter hatten bald heraus, was beabsichtigt war — wurden Mitglieder der Langfinger-Zunft und Raufbolde engagirt, welche den erhaltenen Auftrag mit Freuden ausführten. Gleichzeitig gab der Generalgouverneur Gurko den Provincialgouverneuren telegraphische Weisung, den Fabrikanten zu verbieten, mit den Arbeitern ein Abkommen zu treffen, eine Politik, bezeichnend für eine Regierung, der es vor allem und bei allem darum zu thun ist, ihren Nimbus zu wahren und um keinen Preis gegenüber auch noch so vernünftigen Forderungen sich nachgiebig zu zeigen. Sie trägt denn auch die volle Verantwortlichkeit für das stattgefundene Massacre. Vermischtes. Heilbronn, 15. Juli. Herrn Nathan Wachs feierte am 1. d. M. sein 25 jähr. Jubiläum als Vorstand der Verwaltung der israelit. Kirchenpflege. Die Oberkirchenbehörde würdigte in einem Schreiben die hervorragenden Verdienste des Jubilars sowohl im Allgemeinen als insbesondere während der Anlage des Friedhofes und des Synagogenbaues. Dieses Dokument wurde gestern Herrn Wachs durch das Gesammtkollegium des Kirchenvorsteheramtes übegeben; Hr. Rabbiner Kahn hielt dabei eine längere Ansprache. Die hohe Behörde schloß ihr Schreiben mit dem Wunsche: „Es möge Herrn Wachs vergönnt sein, die Kirchenpflege in ebenso vorzüglicher als pflichtgetreuer Weise noch lange Jahre zu verwalten zum Heile und Segen der israelit. Gemeinde Heilbronn." Berlin, 10. Juli. In Moskau findet diesen August eine anthropologische und zoologische Ausstellung statt, verbunden mit einem wissenschaftlichen Kongreß. Bisher war es zweifelhaft, ob es den Juden gestattet sein werde, dann Moskau zu besuchen. Auf Antrag des hiesigen russischen Generalkonsuls hat jetzt nach dem „Berliner Tageblatt" die russische Negierung den Gelehrten israelitischen Glaubens den Besuch Moskaus gestattet. Wir möchten den israelitischen Gelehrten sehen, der von dieser Gnade Gebrauch machen wird! Berlin. Dem vom Amt suspendirten Rektor Ah lw a r d t ist durch das Provknsial-Schulkollegtum unter dem 6. Juli untersagt worden, Berlin zu verlassen. Es heißt in der Verfügung, daß Ahlwardt trotz der über ihn verhängten Suspension vom Amt seinen Amtswohnsitz ohne Urlaub nicht verlassen dürfe, und daß Zuwiderhandlungen dagegen disziplinarisch gerügt werden würden. Gießen, 5. Juli. Carl Vogt, der berühmte Gelehrte, hielt dieser Tage auf einem Banket, das ihm zu Ehren hier in seiner Vaterstadt gegeben wurde, eine Rede, worin er u. A. sagte: „Ich habe in allen Ländern, die ich besucht, erkennen müssen, daß die Gefühle für Deutschland im Auslande leider nicht derart sind, wie ich es häufig gewünscht hätte. Machen Sie sich wohl vertraut mit dem Gedanken, meine Herren, daß Deutschland im Ausland nicht geliebt ist, daß Sie im Auslande nicht als Freunde geliebt werden." Warum? Carl Vogt gibt die Antwort dahin, daß „nichts so sehr im Auslande verachtet ist, als der deutsche Antisemitismus! Man kann es nicht begreifen, daß ein so civilisirtes Volk, wie das deutsche, ein Volk, das einen Göthe, einen Schiller, einen Lessing besitzt, einen solchen Schandfleck auf seiner Ehre duldet. In England wird der Antisemitismus als ein Niedergang der deutschen Civilisation betrachtet!" Schildberg, (Posen) 10. Juli. Heute feierte unter allgemeiner Theilnahme unser Rabbiner, Herr Salomon Schreiber mit seiner Gattin das Fest der goldnen Hochzeit. London, 15. Juli. Bei den Parlamentswahlen sind bis heute 3 Glaubensgenossen mit großer Majorität gewählt worden. Es sind dies Sir Julian Goldsmith, Präsident der Anglo-Jewish Association, erster Präsident der West-London-Synagoge und von vielen Wohlthätigkeitsinstituten, Herr Bankier Benjamin L. Cohen, Präsident der Jewish Board of Guardian, Vicepräsident der United-Synagoge und Sir Samuel Montagu, Präsident der Unitcd- 0ü6dro8-Synagogen 2c. Die beiden Letztgenannten sind Schwäger, aber die größten Gegner in der Politik. Mr. Cohen ist nämlich konservativ und Montagu ist Gladstonianer. Sir Goldsmith wurde übrigens bereits zum dritten Male ins Parlament gewählt. (Siehe Artikel London in der Beilage.) Paris. Die Wittwe Albert Cohns, des bekannten Gelehrten, des einstigen Almoseniers des Hauses Rothschild, ist hochbetagt gestorben; zwei ihrer Söhne und ihr Schwiegersohn Hendel sind Präfekten ftanzösischer Departements. Paris. Eine jüdische Lehrerin, Madame Mathilde Salomon, wurde von der Regierung zum Mitglied des Oberaufsichtsrathes für den öffentlichen Unterricht ernannt. —