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Der Israelit · 1892-07-28 · Heft 60 (28.7.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 60 (28.7.1892)
Date
1892-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1116 erbärmlichsten und verächtlichsten Widersachern in den Staub treten lassen? Sollen wir unsere heiligsten Menschenrechte, die wir selbst dem niedrigsten Sklaven zuerkannten, den verworfensten Bedrängern preisgeben? Wenn Ihr sähet, wie der Starke an dem Schwachen Gewalt übte und der Mächtige dem hilflosen Unrecht zufügte, hah! wie empörten sich da alle edlen Geister in Euch, wie bäumte sich da Euer Menschenftolz, Euer Seelenadel; wie entflammte da Euer Zorn, wenn Euer Rechtsgefühl im mindesten verletzt wurde, und nun sollen wir selbst das Alles ertragen, erdulden, erleiden; Unrecht, Gewaltthat, Haß und Verachtung? Nein, Ihr Zionsbrüder! Nein, rufe ich Euch mit niederschmetternder Donnerstimme zu: Nicht sollen die Berge von unserem Klagsgeschrei widerhallen, nicht sollen die Felder von unserem Blute getränkt werden, nicht sollen niedrige, elende Kreaturen den Leu zerfleischen, nicht sollen Löwen fliehen vor Hunden, nicht sollen wir hier gehetzt und dort aus Gnade geduldet werden, nicht sollen Fürsten bei Sklaven um ihre Menschenrechte betteln, hinweg mit einem solchen Dasein, werfet mit Entrüstung von Euch ein solches Leben. Was zögert Ihr noch?! Hört Ihr denn nicht deutlich das Geflüster der Wogen, das Gemurmel der Wellen? Sie rufen Euch in ihren Schooß, sie winken Euch in ihre Tiefe. Auf, Ihr Männer! Lasset uns hier in den Abgrund unfern Schmerz versenken, lasset uns Erlösung und Befreiung in Babels Strömen finden, in ihnen endet unsere Qual, unser Jammer, unser Ungemach, in ihnen ist der Tod, die Ruhe; wehe, gefallen ist Zion, gefallen ist Jeruscholafim!" Grauenvolle Todesstille folgt auf den Schrei der Verzweiflung, von den Wangen der stolzen Männergeftalten stürzen Thränenbäche, der Sprecher steht wie versteinert da, gebannt und starr vor dem unbändigen Ausbruch seines Schmerzes; die Wogen des Stromes spritzen schäumend auf, daß es klingt wie schweres Aufseufzen, wie schmerzvolles Stöhnen, die Weiden am Ufer lassen traurig ihre Aeste hängen, die Vögelein schweigen erschrocken in den Zweigen und wie Angst und Entsetzen scheint es in der Luft zu schweben. Da erhebt sich ein Greis aus der Mitte der Schaar, gar wunderbar ist seine Erscheinung, Ehrfurcht gebietend ist seine edle, hoheitsvolle Gestalt, sein Auge glänzt sanft und milde, wie das Auge des Ehaschmals, dem Silber gleich wallt herab 'der lange Bart, leise schüttelnd bewegt er das weißgelockte, ehrwürdige Haupt und spricht in väterlichem, ermahnenden Tone t „Nicht doch, meine Brüder! Nicht doch, Söhne Zions! Fern sei uns solch frevelhaftes Sinnen, fern solch sündhafte Reden, nur Feiglinge und Bösewichter werfen im Uebermaße der Leiden das Leben von sich, nur Furchtsame und Zaghafte weichen scheu zurück vor den Schwerthieben des Geschickes; es geziemt nicht den tapfern Männern Jeruscholajims, dem Heldenvolke Jakobs vor dem bösen Verhängniß die Flucht zu ergreifen, mannhafter und edler ist es im Kampfe muthig auszuharren, als in der gewaltsamen Selbstvernichtung die Ruhe des Todes zu suchen, groß und erhaben ist es allen Stürmen kühn zu trotzen, der feindlichen Uebermacht erhobenen Hauptes entgegenzutreten und seine Ueberzeugung, seine Ideale mit seinem Blute, mit seinem Leben zu vertheidigen; ertragen wir nur geduldig unser Loos, den Grimm unserer Feinde; mögen sie nur die Geißel über uns schwingen, unser Blut vergießen; mögen sie uns zertreten wie Gassenkoth und sich ein Gastmahl mit unserem Fleische bereiten; mögen sie sich berauschen an unseren Thränen, an unserem Herzblut, wir weichen nicht zurück, wir bleiben unerschütterlich fest, wir harren aus in unserem Glauben, in unserer Hoffnung, daß endlich doch die Wahrheit siegen und die Gerechtigkeit triumphiren wird, und unser Vater in den Himmelshöhen schüttet dann herab über die ganze Erde den Geist der Erkenntntß und sieggekrönt kehren wir dann nach Zion zurück und Jubelgesang erschallt in Jeruscholajtms Straßen und wir feiern in unserem Lande das Fest der Befreiung, das Fest der Erlösung, der Befreiung der ganzen Menschheit, die Erlösung aller Erdensöhne. Mit der Hoffnung, mit diesem Glauben lasset uns unfern Leidensweg antreten und der Gott unserer Väter wird uns beistehen, Er wird uns im Feindeslande nicht verlassen, denn Er ist unser Herr, unser Gott, keiner mehr!" Jahrtausende sind verrauscht, eine neue Zeit ist angebrochen, dazwischen liegt ein Meer von Thränen, ein Meer von Jammer für Israel. Die neue Zeit nennt sich die des Fortschrittes, der Aufklärung, der Humanität und Gott weiß, was noch. Wiederum müssen Jeschuruns Söhne ihre ltebgewordene Heimath verlassen, wieder ziehen sie ziellos in großen Schaaren umher, wieder suchen sie vergeblich eine Ruhestätte; wie damals aus Zion, werden sie jetzt aus dem russischen Reiche verjagt und nach allen Windrichtungen versprengt; wie damals an Babels Strömen, so stehen sie jetzt rathlos an den Meeresgestaden und wissen nicht wohin, ob nach Amerika, Argentinien oder nach Syrien; wie damals, verzweifeln auch heute Viele und verwünschen ihr Loos, ihr Dasein, ihr Leben; wie damals, werden sie auch heute von edeldenkenden Brüdern ermuthigt, auszuharren und den Muth nicht sinken zu lassen. Und wofür das Alles? Nun, für eben dasselbe, wofür die Zionssöhne da-

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