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Der Israelit · 1892-07-28 · Heft 60 (28.7.1892) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 60 (28.7.1892)
Date
1892-07-28
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. M 60. Der Israelit. Tin Hentrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet von Dr. Lehma«» in Mainz. Donnerstag, den 28. Juli 5652 (1892). Leitender Artikel. An den Strömen Waöels. (Stimmungsbild zu Schabbos Chason.) Von Rabbiner Heinrich Galandauer in Soborten (Böhmen). Zion hatte ausgerungen, Mortjah hatte die Krone von seinem Haupte abgeschüttelt, Jeruscholajim lag in Trümmern, die Gottesstadt wurde zur Einöde; ein Ort des Schreckens und des Entsetzens. Ueber Burg und Flur zieht ein vergessender Hauch des Todes von dem Blute der Erschlagenen, Aasgeier durchstreifen die Lüste, die volkreichen Städte sind verwüstet, En-Gedt's Weinberge liege« verwildert und zerstampft von den Hufen der Schlacktrosse, der Karmel blickt kahlen Hauptes traurig in das weite, öde Land, als hätte er in tiefem Schmerz die grünen Locken seines Scheitels ausgerauft, am Tabor ist verstummt das gewohnte Jubelgeschrei, Jertcho's Rosen sind verdorrt und hängen duftlos von den Stengeln herab und Saron ist zur Wüstenei geworden. Trauerfttlle rings umher, kein Laut stört die Todesruhe der Landschaft und selbst die Natur bietet ein Bild des Todes. Die unheimliche Ruhe wird plötzlich durch das Geräusch herannahender Schritte einer großen Volksmenge unterbrochen und die Berge widerhallen dumpf von den Tritten der Ankommenden. Die Versammlung kommt immer näher, auch in ihr herrscht tiefe Stille, welche noch beängstigender wirkt, als die Todesruhe in der Natur. Es zieht heran eine große Schaar von Männern, hohe Heldengestalten, den Tannen gleich an Wuchs, dem Stahle gleich die markigen Glieder, Trauer und stolzer Ernst ruht auf ihren Zügen, die Augen sind erloschen, trocken, thränenleer; still, geschlossenen Mundes schreiten sie einher; ein Bild der majestätischen, ehrfurchtgebietenden männlichen Schönheit in ihrem tiefernsttraurigen, stummen Schmerz. Es sind das Zions Söhne, die Männer Jeruscholajtm's, welche vertrieben von ihrer heißgeliebten Heimath, der ungewissen Zukunft entgegengehen. Sie finden keine Thräne für ihren Schmerz, keinen Seufzer für ihr Weh, kein Wort für die Bitterkeit ihres Herzens. Sie wandern und wissen nicht wohin; planlos gehen sie dorthin, wo sie der Zufall htnsührt. Wozu auch mit Plänen über die Zukunft das Gehirn zermartern? Wer wird denn den Flüchtigen eine Ruhestätte bieten wollen, wo gibt es ein Brudervolk für diese auf Erden, die sie gastlich aufnehmen - Wo ist ein Tröster in der Noth? Ueberall Feinde, überall Widersacher, überall Unrecht, Gewaltthättgkeit, grausame Verthiertheit, nirgends Menschlichkeit, Liebe, Erbarmen; wehe!! Zions Söhne ziehen weiter, sie wandern zu den Strömen Babels, dort an den Ufern machen sie Halt, sie ruhen aus von der wetten Wanderung, und nachdem sie eine Weile ruhig lagern, bricht der bisher mit Riesenkraft verhaltene Schmerz in ihnen mit Ungestüm und Wildheit plötzlich hervor. Hört Ihr sie, diese besiegten Helden? Es find Zions Männer, die weinen; die eisernen Riegel ihres Herzens haben sie mit Macht gesprengt, mit Stärke aufgeriffen, strömengleich fließen dieThränen, sie zerreißen ihre Kleider, Wehgeschrei erfüllt die Lüfte, erschütternde Klagerufe dringen zum Himmel empor, Babels Sttöme schäumen auf und ihre empörten Wogen flüchten wie erschrocken wälzend fort. Aus der Menge erhebt sich ein junger Mann, mit gewaltiger Stimme gebietet er Ruhe, Schrecken und Verderben sprüht sein düsterer Blick, Entsetzen verbreiten seine wild verstörten Züge, sein Angesicht glüht flammengleich und es durchzieht ein Schauer die Versammlung bei dem unheimlichen Klange seiner Stimme. „Saget an, Ihr Männer Jeschurun's"! spricht er, „was fesselt uns an dieses Jammerthal, was haben wir denn vom Leben noch zu erwarten? Sollen wir ewig unter der Last der Verfolgung und Bedrückung willig nnd geduldig uusern Nacken beugen? Sollen Juda's Heldensöhne in edler Gesinnungstreue, in heroischer Ueberzeugungsfestigkeit ihre Namenswürde von den

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