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Der Israelit · 1892-07-25 · Heft 59 (25.7.1892) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 59 (25.7.1892)
Date
1892-07-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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1102 großen Aerger Iwans mußte er dem Manne zum Goldschmidt folgen; er durfte sich nicht mehr in den Wagen setzen, er mußte neben her gehen. Der Goldschmidt war ein echt russischer Handelsmann, schlau, spitzbübisch und verlogen. Er erklärte die Kette für unecht, aber dennoch nicht ohne Werth und bezahlte dafür den Jswostschik, der fluchend von dannen ging. Iwan kannte den Werth des Geldes nicht aus eigener Erfahrung, er war gewohnt von Kaufleuten und Händlern stets betrogen zu werden. Er war auch zu sehr gedrückt und mit seinen Gedanken beschäftigt, als daß die Spitzbüberei des Goldschmidts ihn sehr erregt hätte; eine gewisse Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußere überkam ihn. Er war unzufrieden mit sich, und das war ein Gefühl, das er nicht zu ertragen vermochte Es bereitete ihm in diesem Augenblick Vergnügen, sich zu quälen und zu schädigen. Er verkaufte dem diebischen Goldschmidt auch die Uhr für eine Hand voll Rubelscheine. Er ging in einen Kleiderladen und vertauschte seine kostbare Uniform, die ihn beengte, für einen neuen Civilanzug. Dann depefchirte er an seinen Pflegevater und ersuchte ihn, ihm Credit bei einem Banquier der Provinzialstadt zu eröffnen. Er ging in ein Hotel und aß; viel, aber ohne jede Lust. Er war wie betäubt; traumhaft ging er umher. Im Hotel empfing er die Antwort seines Vaters, der durch den Geheimrath schon von den schlimmen Streichen Kunde erhalten hatte, die Iwan ausgeführt, und daß er auf das väterliche Gut verbannt sei. Wir wissen, welche Freude es früher Iwan gemacht hatte, den alten Mann methodisch zu quälen; während der langen Zeit seiner Abwesenheit hatte er ihm keine Nachricht zukommen lassen. Der Alte hatte eingesehen, daß Iwans Liebe zu ihm erheuchelt war. Jetzt depeschirte er zurück, er habe keinen Sohn. Wenn die Regierung den Iwan Alexandrowitsch auf sein Gut verbannt habe, so möge sie auch für seine Beförderung dorthin Sorge tragen. Uebrigens verlange die Feldarbeit zu dieser Jahreszeit Knechte. Iwan könne als solcher auf dem Gute eintreten. Iwan las gleichgiltig das Telegramm, in dem sich der ganze Haß seines Pflegevaters gegen ihn ausdrückte. Er zerfetzte es in kleine Stückchen und aß ruhig weiter. Er trank viel Wein und später Liqueure, bis sich seine Sinne umnebelten; man brachte ihn in ein Nebenzimmer des Hotels und er schlief dort bis zum nächsten Tage. Dann kamen Polizisten und theilten ihm mit, daß er heute an den Ort seiner Verbannung abretsen müsse. Er erklärte, kein Reisegeld zu haben, man schickte ihn, mit einem Manne Bedeckung auf den Bahnhof, es wurde ihm ein Billet gelöst bis zu der Eisenbahnstation, die seinem väterlichen Gute am nächsten lag. Er stieg ein und fuhr davon, es kam ihm immer noch alles wie ein Traum vor. Das Gerüttel im Eisenbahnwagen weckte ihn aus seiner Letargie, er fing an allmählich sehr aufgeregt zu werden. Viele Gedanken fuhren ihm kreuz und quer durch den Kopf, sprunghaft und ohne jede Vermittlung; er brachte Eins ins Andere, er vermochte nicht die Dinge auseinanderzuhalten. „Nicht an meinen verachtungswerthen Feinden gehe ich zu Grunde, sondern an mir selbst", flüsterte er vor sich hin. „Nach Petersburg gehen? sie werden mich verhaften, der Geheimrath wird mich nach Sibirien verbringen lassen. Tag um Tag haspeln wir unsere Rolle ab, die uns die Gelegenheit dictirt. Gestern König, heute Bettler und im Grunde doch nichts als Schauspieler, elende Wortverdreher auf der Lumpenbühne des Lebens. Ich aber habe meine Rolle schlecht gespielt und darf mir keinen Beifall klatschen." Der Schaffner ging vorüber, Iwan schrack furchtbar zusammen, eine namlose Angst überkam ihn, jenes Angstgefühl, das so häufig der Vorbote des ausbrechenden Wahnsinns ist. (Fortsetzung folgt.) Der ,3lraelit* erscheint wöchentlich zweimal, MantagS und Donnerstags, jedesmal in mindestens zwei Bogen. PreÜ deS Jahrgangs für Deutschland und Oesterreich 12 Reichs-Mark, für'8 Ausland 16 Reichs-Mark. Man abonnirt ganzfährt-, halbjährig oder vierteljährig. Alle Buchhandlungen und Postämter nehmen Bestellungen au. — Durch den Buchhandel « defletzr» drt G. f. K tetnackrr. Lripstg, Dostptatz IS. — Inserate 25 Pfennig die dreigespaltene Petitzeile oder deren Ran«. — Oesterretchische Banknoten laut CourS. — Direkte Francozusendung unter Streifband pro Jahrgang für Deutschland «nd Oesterreich 14 Reichs-Mark oder 8 fl. österr., für'S Ausland 16 Reichs-Mark, an die Expedition franco einzusenden. Inhalt (.Hanptblatt): Leitender Artikel: Ein vierhundertjähriges Jubiläum. — Zeitungsnachrichten und Correspondenzen: Deutschland: Berlin. Hamburg. Köln. — Oesterreich-Ungar. Monarchie: Wien. — Rumänien: Bukarest. — England: London. — Feuilleton: Der Günstling des Czaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. phil. (Fortsetzung). Inhalt der ersten Beilage: Leitender Artikel: Proceß Buschhoff. — Zeitungsnachrichten u. Correspondenzen: Deutschland : Berlin. Xanten. Bremen. Würzburg. Jever. Grevenbroich. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rußland: Petersburg. — Vermischtes. Inhalt der zweite» Beilage: Leitender Artikel: Proceß Buschhofs. Verantwortliche Redaeiion: OSear Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottstraße Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschast in Mainz. Hierzu zwei Beilagen.

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