Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 59 (25.7.1892)
- Date
- 1892-07-25
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1101 Festung auf Alexei, der bald kam, ihr weinend in die Arme sank und Gott dankte, daß er in einer Stunde seine Kinder wiedergefunden. Während sie sich noch in den Armen lagen, vor Schmerz und Freude weinend sich gegenseitig ihr Schicksal erzählten, Alexei seiner Tochter berichtete, wie Alles gekommen war, Rosa schluchzend ihren Jrrthum erkannte und das Unrecht , das sie Lydia angethan, ging Iwan Alexandrowitsch über den Gefängnißhof; er war soeben mit einem Passe, der ihm den Weg auf sein väterliches Gut vorschrieb, entlassen worden. Der Jüngling erbebte am ganzen Körper, als er Rosa erblickte. Einen Augenblick schien es, als ob er sich ihr nähern wollte, wie unschlüssig wankte er hin und her; doch eingedenk des Raumes, indem er sich befand und der Gewißheit, daß hier jeder Versuch scheitern würde, ging er einige Schritte vorwärts. Wiederum blieb er stehen, sein Angesicht hatte eine fast bläuliche Färbung angenommen, er schien furchtbar mit sich zu kämpfen. „Syrene, die mein Dasein vernichtet", murmelte er zwischen die Zähne „und Du solltest glücklich sein, während ich vergehe, verschmachte nach Dir?!" Er ging auf sie zu. „Beim großen Gotte — Nein!" schrie er plötzlich. „Ihr habt mich verderben wollen, aber es gibt noch eine Gerechtigkeit in Rußland und darum lebe ich und bin frei, um Euch zu vernichten. Der Czar hat mich begnadigt, es lebe die Gerechtigkeit des Czaren! Du aber — Mädchen, Du hast mich um Alles gebracht, was dem Menschen begehrenswerth ist. Höre meinen Schwur, ehe das Pfingstfest herangekommen ist, will ich tobt sein, oder Dich besitzen!" Er hatte es solaut gerufen, daß sie jedes Wort verstanden. Eilig rannte er nun davon. Alexei lächelte sanft. „Seine Schrecken sind verblaßt", sagte er zu Rosa, „wir haben ihn nicht mehr zu fürchten." Er rief einen Jswostschik und fuhr mit seiner Pflegetochter in ein Hotel; sie beschlossen die Ankunft des Gouverneurs abzuwarten. Er konnte ja nicht so grausam sein, den Gesängenen, der nun schon so Furchtbares erduldet hatte, dem Oberprokurator auszuliefern. Iwan hatte sich nur einige Schritte weit von der Festung entfernt; er hielt in seinem Laufe plötzlich inne und kehrte um. Er wollte sehen, wohin sich Rosa begab, er bestieg ebenfalls eine Droschke und hieß sie dem anderen Fuhrwerk Nachfahren; nachdem Alexei und seine Tochter in dem Hotel abgestiegen, ließ sich Iwan in seine Wohnung fahren. Er wollte den Kutscher bezahlen, da erinnerte er sich, daß er Alles Geld , das er bei sich geführt, jenem Sträfling im Gefängnisse gegeben i hatte. Er schrie auf der Straße nach einem seiner Diener; Niemand antwortete. Er eilte auf die Thüre des Hauses zu, sie war verschlossen. Er rief einen Polizisky und frug, wo die Einwohner dieses Gebäudes seien; der Sicherheitsmann erzählte, in diesem Hause habe eine gerichtliche Untersuchung stattgefunden, alle Schriften und Papiere seien mitgenommen worden, die Zimmerthüren seien polizeilich versiegelt, das Haus verschlossen worden. Die Diener hätten sich mit den Habseligkeiten, die der Hausherr zurückgelassen, bezahlt gemacht, der Herr des Hauses selbst sei im Gefängniß. Iwan verlor seine Geistesgegenwart nicht, er ließ sich zum Polizeimeister fahren; der aber empfing ihn nicht, alles reden war vergeblich, umsonst berief er sich bei dem Portier des Polizeimeisters daraus, daß man ihm doch wenigstens die Schlüssel zu seinem Hause geben solle. Es war Alles vergeblich: als er laut und heftig wurde, wies man ihm die Thüre. Zähneknirschend, mit Mühe seinen Zorn verbeißend, fuhr er an das Haus des Gouverneurs, doch auch hier wollte ihn Niemand kennen. Der Gouverneur fei verreist, er möge wiederkommen. Jeder wußte bereits, daß Iwan in Ungnade gefallen; er fuhr noch zu mehreren seiner früheren Freunde und Bekannte. Merkwürdiger Weise war Niemand zu Hause und wer ihm auf der Straße begegnete, blickte zufällig nach einer anderen Seite und überhörte seinen Anruf. Er fuhr endlich zu zu Geldverleihern, ja sogar zu Wucherern; Niemand wollte ihm etwas geben, seine Verhältnisse erschienen gar zu unsicher. Die alten Pferde des Fiakers wurden endlich des vielen Laufens müde. „Bezahlt mich, Herr!" sagte der Jswostschik, „wir können nicht mehr!" Iwan war während seines ganzen Lebens durch den Mangel an Geld niemals belästigt worden; auf dem Gute in der Einöde brauchte man kein Geld und später hatte der Czarengünstling stets über mehr verfügt, als er je verausgaben konnte. „Wie soll ich zahlend" schrie er den Kutscher an, „Niemand leiht mir Geld!" Was die Bezahlung anbelangte, verstand der Jswostschik keinen Spaß. Er kletterte von seinem Sitze herunter und nahm seine Peitsche mit; seine Geberden waren unzweideutig und Iwan begriff sofort, was er vor hatte; der junge Mann befand sich nicht in der Stimmung , daß eine Prügelei ihm willkommen gewesen wäre. Der Kutscher war im Begriff, sich auf ihn zu stürzen. „Laßt ab!" sagte Iwan matt. Er nestelte die goldene Kette seiner Uhr los und überreichte sie dem Wagenführer; der aber hielt das Gold für unecht und wollte sich nicht zufrieden geben. Zum