Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 59 (25.7.1892)
- Date
- 1892-07-25
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1097 lächerlich und unglaublich sie auch sein mochten, sie fanden immerhin gläubige Herzen. Bald hatten die Juden das Christenthum verhöhnt, bald die Hostien oder geweihte Oblaten in Stücke zerschnitten, so daß das Blut für alle sichtbar sich daraus ergoß und die Straßen entlang floß, bald hatten sie eine vorüberziehende Prozession verlacht und verspottet. Die am häufigsten wiederkehrende Anschuldigung und die schrecklichste zugleich war die Anklage, daß sie zur vorschriftmaßigen Feier des Peßachfestes Christenkinder gestohlen und ermordet hätten. Die nächsten Folge aller dieser Anschuldigungen war, daß die Gesetze gegen die Kleiderpracht wieder hervorgesucht, längst vergessene, drückende Edicte aus der Zeit der gothifchen Könige wieder ans Tageslicht gezogen und so die Juden in einen Zustand immerwährender Angst, steten Bangens und Zagens versetzt wurden, der ihnen das Leben zur Last und zur Bürde machte. Eine andere Gefahr zog bald drohend herauf. Weltlich gesinnte jüdische Männer, die ihrem maßlosen Ehrgeiz durch den Glauben Schranken gesetzt sahen, traten zu der herrschenden Kirche über und wählten übereinstimmend den geistlichen Stand zu ihrem Lebensberuf, weil er ihnen die weiteste Beförderung eröffnete. Diese Abtrünnigen wurden häufig die heftigsten Feinde ihrer Stammesgenossen. Wohlbekannt mit den Satzungen des Judenthums, wurden sie gefügige Werkzeuge in den Händen der Geistlichkeit ihre früheren Glaubensgenossen mit eigenen Waffen schlagen zu können. Hierdurch entstand auch der Gebrauch religiöse Disputationen zwischen Geistlichen (gewöhnlich getauften Juden) und Rabbinern zu veranstalten. Solche Streitigkeiten verliefen stets in derselben Weise. Der Eine wurde von den Gründen des Andern nicht überzeugt und die streitige Siegespalme wurde dem Stärkeren zuerkannt. Für die Juden hatten diese Disputationen noch die Nachwirkung, daß sie als halsstarrige Anhänger einer angeblich als falsch erwiesenen Lehre noch mehr zelottschen Verfolgungen ausgesetzt wurden. Das Ungewitter, welches mit der Vertreibung der Judeu von der Halbinsel seinen traurigen Abschluß fand, zog sich langsam zusammen, um dann um so entsetzlicher über den Häuptern der Unglücklichen sich zu entladen. Durch fortgesetzte Brandreden fanatischer Geistlicher wurde die Bevölkerung bis zum Wahnsinn getrieben. Dieselbe stürzte in die Judenviertel, plünderte, zerstörte und mordete alles, was ihr in den Weg kam. Von den 30,000 jüdischen Einwohnern Sevillas blieben nur wenige übrig. Wie in Sevilla, wurden auch in vielen anderen Städten Spaniens solch schreckenerregende Grausamkeiten verübt; so in Cordova, Burgos, Bogrono, Barcelona, Gerona, auf der Insel Majorka und in vielen anderen Plätzen. In Gerona zeigten die Rabbtnen Muth und Entschlossenheit und ermahnten ihre Brüder, lieber das Leben, als ihren väterlichen Glauben zu verlassen. Biele aber bekannten sich offen zum Chrtstenthum, und diese fanden unter dem Kreuz für ihr Leben, ihre Familie ihr Hab und Gut den Schutz, der ihnen als Juden versagt wurde. Aus solchen Ursachen entstanden die Pseudo- Convertiten, deren anfangs beschränkte Zahl mit jeder neuen Verfolgung wuchs. Im Anfang des 15. Jahrhunderts wurden sie auf ungefähr 200,000 Seelen geschätzt. Diese scheinbar bekehrten Juden wurden von ihren Glaubensgenossen „Anussim," „Gezwungene" und von den Christen „Christianos Nuevos" oder Neuchristen genannt. Im Munde des Volkes brandmarkte man sie mit dem Namen „Marranos", ein Wort, dessen Ableitung ungewiß ist, das aber wahrscheinlich in seiner Ableitung von „Marantha" die „Verfluchten", bezeichnet. Die Sekte der Neu-Christen hatte unglaublich rasch an Zahl zugenommen; je mehr sie anwuchs, desto schärfer hatte sich die Scheidelinie zwischen ihnen und den „alten" Christen 'gezeichnet. Ihre Lage hatte sich nur um ein Geringes durch ihre Scheinbekehrung gebessert, da es sich herausstellte, daß das Christenthum dieser Neophiten nicht viel mehr als ein bloßer Vorwand. Das Leben und Leiden derselben ist den Lesern des „Israelit" aus der klassischen Erzählung „Die Familie y Aguillar" bekannt. — Die Uebergetretenen bequemten sich zwar äußerlich zu den Gebräuchen der christlichen Lehre: sie änderten ihre Namen, füllten ihre Häuser mit Crucifixen, wohnten regelmäßig den öffentlichen Gottesdiensten bei; aber aus allem diesem heraus erkannte man, wie unbequem und lästig es ihnen war. Ihren angestammten Glauben hatten sie aus Furcht oder weltlichem Interesse verleugnen müssen; in ihrem Innern konnten sie sich nicht zu einer Religion hingezogen fühlen, die ihnen aufgezwungen war. Soweit sie ohne Gefahr, entdeckt zu werden es ermöglichen konnten, beobachteten sie die Gebote des Judenthums, prägten sie jüdische Anschauungen tief in die Herzen und Seelen ihrer Kinder und waren ernstlich bemüht, die Erinnerung an ihren alten Glauben bei ihren Nachkommen wachzuhalten. So war ihr Leben eine beständige Täuschung. Bis zum Tode betrübt, erflehten sie von Gott im Geheimen, er möchte ihnen die Ausübung dieser Gebräuche, die ihnen nur um ein Weniges besser als Abgötterei erschienen, nicht als Todsünde anrechnen. Die Worte des Psalm 44. V. 21. 22. „Hätten wir den Namen unseres Gottes vergessen, selbst wo wir die Hände ausbreiteten, zu einem fremden Gott, so würde ja Gott dies ergründen, denn er