Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 59 (25.7.1892)
- Date
- 1892-07-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1096 Heute nach 400 Jahren vollzieht sich die Ausweisung unserer Brüder und Schwestern aus dem russischen Reiche, die an Umfang und Härte mit der aus Spanien ungemein viel Aehnlichkeit hat. In demselben Jahre 1492, in welchem unsere Vorfahren aus Spanien vertrieben wurden, entdeckte Columbus Amerika, das Land, das heute der großen Mehrzahl der aus Rußland Vertriebenen eine gastliche Zufluchtsstätte bietet. Wir unterdrücken die Fluth von Gedanken und Empfindungen, die diese wunderbare Verkettung von Ereignissen wachruft, um zunächst das Thatsächliche der Vorgänge auf der iberischen Halbinsel zu skizziren, wie es sich vor 400 Jahren daselbst vollzog. **) Die erste jüdische Niederlassung auf der iberischen Halbinsel ist mit Gewißheit nicht anzugcben. Es ist jedoch historisch nachweisbar, daß sich Juden schon in sehr früher Zeit nach der Halbinsel wandten, und sie fanden sich bereits im ganzen Lande zerstreut vor, als dieses nach dem Fall des römischen Reichs von den Gothen und Vandalen erobert wurde. Bald nach dem Jahre 300 der gewöhnlichen Zeitrechnung wurden noch unter der römischen Herrschaft, auf dem zu Elvira abgehaltenen Concil die ersten beschränkenden Maßregeln gegen die Juden beschlossen, die dann im Laufe der Jahrhunderte immer härter und unerträglicher sich gestalteten. Gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts war die Zahl der jüdischen Einwohner wohl ans mehr als eine Million gestiegen und bildete in ihrer Verbreitung über das sLand nahezu ein Achtel der Bevölkerung. Unter ihnen befanden sich die glänzendsten Namen auf dem Gebiete der Thorakunde, der Philosophie, der Natur- und Staatswissenschaft und selbst der Nationalöconomie. Besonders zeichneten sich viele wegen ihrer Geschicklichkeit als gesuchte Aerzte aus. Eine nicht minder große Bedeutung erlangten sie für das Land durch die Gewandtheit den Verkehr zu vermitteln. Die Verhältnisse des Landes kamen ihnen besonders zu statten, der Adel verfolgte ehrgeizige Pläne und ging kriegerischen Gelüsten nach, die kleinen Mühen des Lebens selbstsüchtig verschmähend. Aus diesem Grunde überließen sie den Juden die Verwaltung ihrer großen Gütern und die sparsam wtrthschaftenden Vasallen wurden auf diese Weise häufig die Gläubiger ihrer verschwenderisch lebenden Herren. Auch die Geistlichkeit, die durch Schenkungen in Besitz bedeutenden Grundeigenthums gelangt **) Wir folgen dabei mit einzelnen Abweichungen im Großen und Ganzen der Darstellung : „Die Juden in Spanien und Portugal und die Inquisition", von F. S. Mocatta, einem Nachkommen der spanischen Juden. war, verschmähte es nicht, sich der Hilfe von Juden bet Bewirthschaftung ihrer Ländereien zu bedienen und selbst die Könige übertrugen ihnen zu öfterem das Amt der Schatzmeister. Fiskalische Rechte übend, gelangte allmählich die Steuerhebung durch Pachtung in ihre Hände. Trotz dieser bevorzugten Stellung hatten sie gleichzeitig unter empfindlichen Beschränkungen zu leiden. So mußten sie eine jährliche Kopfsteuer von 34 Maravedis (1 Mark 50 Pfennige) bezahlen, sie durften keine Waffen führen und waren gesetzlich verpflichtet, ein abgeschlossenes Stadtviertel zu bewohnen und ein Erkennungszeichen an ihren Kleidern zu tragen, Bestimmungen, welche sie oft nach Kräften zu umgehen suchten. — Mit der Zeit erfolgten weitere Beschränkungen und drückende Verfügungen. Nichtsdestoweniger nahm ihr Reichthum zu und gelangten sie zu bedeutendem Einfluß im Staate, der ihre Dienste oft in Anspruch nahm. So wurden sie im Laufe der Zeit immer mehr Gegenstand des Hasses und Neides bet der Masse der Bevölkerung. Der Beruf eines Steuereinnehmers hat seine Inhaber niemals volksthümlich gemacht, wenn er auch noch so milde gehandhabt wurde und anerkannte man die Milde um so weniger, wenn der Steuererheber, Steuerpächter war. — Auch in ihrer Eigenschaft als Herleiher von Darlehen konnten sie sich der Anfeindung nicht entziehen. Eine natürliche Neigung für äußeres Gepränge trug noch das ihrige dazu bei, Neid und Eifersucht noch mehr gegen sie wachzurufen. Die wachsende Unbeliebtheit der Juden wurde noch dazu reichlich von der Geistlichkeit für ihre Zwecke ausgebeutet. Die Kanzeln wiederhallten von Anklagen und Drohungen, und Gesetze zur Unterdrückung erschienen in rascher Folge. Auch fehlte es nicht an verlockenden Versprechungen das Volk zum Uebertritt zur christlichen Religion zu verleiten. Die Söhne getaufter Juden waren sicher, zu hohem Rang in der katholischen Kirche befördert zu werden und den Weg zur Ehre und Auszeichnung gebahnt zu sehen. Da der Einfluß der Geistlichkeit auf die herrschende Klasse nur ein schwacher war, verband sie sich mit der Masse der Bevölkerung, auf deren Aberglauben und Vorurtheil einzuwirken, ihr weniger schwer fiel. Die Anschuldigungen von der Kanzel häuften sich und gewannen an Leidenschaftlichkeit. Das Volk wurde dadurch in einen Zustand der Erregung versetzt, die sich bald in die Judenviertel verpflanzten und diese zum Schauplatz grauenvoller Vernichtung und unmenschlichen Blutvergießens machte. Welche Anklagen wurden da erhoben! So