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Der Israelit · 1892-07-21 · Heft 58 (21.7.1892) · page 24

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 58 (21.7.1892)
Date
1892-07-21
Page
– (sequence 24)
Language
German
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1092 Moses' ältester Sohn David hatte sich kurz vorher verlobt, und seine Braut, Mathilde Goldstetn, sollte mit ihrer Mutter, der Wittwe des Getreidekaufmanns Goldstein, an den beiden Sederabenden in seinem Hause theilnehmen. Als der Seder herankam, war denn auch Alles auf's Prächtigste zugerichtet und die frohgestimmte Tischgesellschaft nahm Platz, als von der Straße plötzlich wüster Lärm heraufdrang und lautes Geschrei ertönte. „Schlagt den alten Juden tobt! Er hat das Mädchen ermordet!" Steine wurden gegen die Fenster der Wohnung geworfen, das Volk drang wüthend in den Laden des Moses ein und hätte Alles demolirt, wenn die Polizei es nicht davon abgehalten hatte. Banges Entsetzen bemächtigte sich der Tischgenossen. Im nächsten Augenblick wurde heftig an die Thür geklopft, und als das erschrockene Dienstmädchen öffnete, traten ein Kommissär und zwei Schutzleute ein. Sich an Moses wendend, sagte der Kommissär: „Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie und Ihre Angehörigen." „Was habe ich denn eigentlich verbrochen?" stammelte zitternd der alle Moses, während die Frauen ihn weinend und händeringend umstanden. find des Mordes an einem Christenmädchen beschuldigt," antwortete, der Kommissär. „Ich bin unschuldig," betheuerte Moses, aber seine Betheuerungen halfen nichts, er, seine Frau und seine Söhne wurden von den Schutzleuten abgeführt und die Wohnung polizeilich versiegelt. Frau Goldstein setzte sofort alle Hebel in Bewegung, um den Verhafteten zu helfen; sie zog die umfassendsten Erkundigungen ein, indem sie überall Umfrage hielt, um den Sachverhalt zu erfahren. Aus den widersprechenden Angaben, die sie hier und da erhielt, ging am Ende so viel als feststehend hervor, daß der Pächter des Moses in dem Keller desselben die Leiche eines Bauernmädchens gefunden und der Polizei Anzeige hiervon erstattet hätte. Das Gerücht von dem schauerlichen Funde hatte sich schnell verbreitet und den Volksauflauf vor dem Hause des Moses veranlaßt, den man für den Mörder des Mädchens hielt, da ja im Volke der Aberglaube wurzelte, die Juden brauchten Christenblut zur Bereitung ihrer Mazzes. Unter dem Volkshaufen hatte sich besonders Frau Katharina Breyer hervorgethan, welche die Menge durch wüste Reden aufgestachelt hatte. Sie hatte auch bei der Polizei die bestimmte Erklärung abgegeben, sie hätte von fern gesehen, wie Moses das Mädchen in -den Keller geschleppt und seine Söhne ihm dabei Beistand geleistet hätten. In banger Erwartung vergingen mehrere Monate, während welcher Moses K. und die Seinen in strenger Untersuchungshaft schmachteten; schon war der Termin für die öffentliche Verhandlung festgesetzt, an welchem das Zeugniß der Katharina Breyer die endgiltige Entscheidung herbeiführen mußte. Da kam dem Vertheidiger des Moses K., den Frau Goldstein mit Bitten bestürmte, sein Möglichstes zur Befreiung der Angeklagten zu thun, ein reitender Gedanke. Er beantragte, daß die Breyer, die eine Katholikin war, bevor sie als Zeugin zum Haupttermtn zugelassen und vereidigt würde, zur Ablegung der Beichte veranlaßt und ihr Geständniß dem Untersuchungsrichter mitgetheilt werden sollte. Der katholische Priester, an den man dieses Ansuchen stellte, wollte darauf nicht eingehen, da er das Beichtgeheim niß nicht verrathen dürfe, doch erklärte er sich damit einverstanden, daß der Untersuchungsrichter und der Vertheidiger, hinter einer spanischen Wand verborgen, der Beichte anwohnen und die Geständnisse der Beichtenden hören können. Der Pfarrer redete der Frau, als sie vor ihm zur Beichte erschien, hart in's Gewissen. Da bekannte sie dem Pfarrer, daß ihre Aussage nur eine Verleumdung gewesen, durch welche sie sich an dem Moses habe rächen wollen. Auf dieses Geständniß hin wurde die Frau in Haft genommen. Es ergab sich dann bei dem ereuten Untersuchungsverfahren, daß der eigene Bruder derselben, Karl Miethe, mit jenem Mädchen ein Verhältniß unterhalten hatte, das nicht ohne Folgen geblieben war, und die Arme ermordet hatte, um sich ihrer zu entledigen. Um den Verdacht der Thäterschaft auf Moses zu wälzen, hatte er die Leiche der Ermordeten in den Keller desselben, zu dem er sich den Schlüssel zu verschaffen gewußt, geschafft. Nach kurzer Zeit gelang es auch, des Mörders habhaft zu werden. Die verdiente Strafe ereilte ihn, während Moses K. und die Seinen aus der Haft entlassen wurden. Moses war durch die überstandenen Leiden so gebrochen, daß er von dieser Zeit unablässig kränkelte. Seine Frau hatte sich durch den Schreck ein Herzleiden zugezogen, dem sie in kurzer Zeit erlag. Das blühende Geschäft des Moses war völlig zu Grunde gegangen, und er war jetzt ein armer Mann geworden; sein einziger Trost waren seine Söhne und seine liebevolle Schwiegertochter Mathilde. Verantwortliche Redaction: OScar Lehmann in Mainz. — Expedition deS »Israelit", Schottstr. Nr. 2, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actien-Gesellschaft in Mainz.

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