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Der Israelit · 1892-07-21 · Heft 58 (21.7.1892) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 58 (21.7.1892)
Date
1892-07-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXIII. Jahrgang. Erste Beilage?u M 58 des „Israelit". Leitende Artikel. Die drei Wochen. Von Rabbiner Dr. S ä n g e r. II. Vielfach besteht das Menschenleben aus Widersprüchen, Inkonsequenzen, Undankbarkeit und Unvernunft. In der zweiten mDsn der drei Wochen ruft der Prophet im Namen Gottes dem bethörten, verirrten Volke zu um*?' hn pnVi nns ’ax pyV onöi« „Sie sprechen zum Holz: Du bist mein Vater, und zum St ein: Du hast uns gezeugt" 'hx i® o d\jb t)i\y „denn sie wenden mir den Nacken und nicht das Angesicht zu" ujrBnni noip noN’ onjn nyai „Aber zur Zeit des Unheils werden sie sprechen: Auf, hilf uns!" Die Menschen aller Zeiten bleiben sich darin gleich, und keines, auch nicht einmal das Geschlecht am „Ende unseres Jahrhunderts" — das vielleicht am allerwenigsten — kann mit Geringschätzung und Ueberhebung auf die „alten Zeiten" zurückblicken, wie sie aus Holz und Stein sich ihre Gottheit machten. Verwunderlich genug ist es, daß die Menschheit Jahrtausende hindurch, die einfache Wahrheit, das wahrhaft Vernünftige auf alle' mögliche Weise zu umgehen gesucht, gleichsam gegen ihre Vernunft, gegen die klaren, offenen Thatsachen gehandelt hat, als ob es vernünftiger wäre, so zu denken und so zu handeln. Besonders aber will immer jedes neue Geschlecht sich von dem vorhergehenden frei machen, will sich, wie man sagt, seine Selbstständigkeit, sein eigenes Urthcil wahren, sich den neuen Verhältnissen anpassen. Und die Mehrheit der Menschen denkt noch so. Auch unser Volk hat oft solche Widersprüche sich zu Schulden kommen; aber niemals seine Lage dadurch aus die Länge der Zeit verbessert, immer aber verschlimmert. Dennoch hat es sich durch diese oft gemachte Erfahrung sich nicht belehren lassen. Der Prophet Jirmijahn versetzt uns in die Zeit kurz vor der ersten Zerstörung des heiligen Tempels und der zeitweiligen Aufhebung der Selbstständigkeit unseres Volkes. Jirmijah hat jene historischen Vorgänge erlebt, darum kennt er auch am besten die damaligen Zustände. Seine Ermahnungen geben uns daher ein treffendes Bild jener Tage; seine Ermahnungen an sein Volk, dem er so fest zur Seite stand, dem er gezürnt, dem er seine Strafreden fort und fort hielt, das ihm so bitteres Leid zugefügt, das er aber dennoch liebte, wie ein Vater sein Kind liebt, seine Ermahnungen haben aber nichts gefruchtet, nicht genützt, wurden nicht beherzigt. Erst als es zu spät war, erkannte unser Volk, wie Recht der Prophet gehabt, aber — das Unglück war nun da. Unseres Volkes Geschichte beginnt mit einer großen Thatsache, mit der Befreiung aus Egypten. Dieses Ereigniß h^tte, so sollte man meinen, unser Volk für alle Zeiten widerstandsfähig machen sollen und können gegen alle Lockungen der Zeiten. Wir sehen aber, daß es sich gerade gegen diese Thatsache oft und eigensinnig verschloß, in Widerspruch stand mit seiner Geschichte und seiner Lehre, immer der Zeit Rechnung tragen wollte, dabei aber Vernunft und Wahrheit und Ueberzeugung opferte, um mit der Gesammtmenschheit Hand in Hand zu gehen, mit dieser sich so weit verirrte, daß Jirmijahu ihm den bitteren Vorwurf machen konnte: „Sie sprechen zum Holz: Du bist mein Vater, und zum Stern: Du hast uns gezeugt." Aus Holz und Stein haben sich die Menschen ihre Götter geschnitzt und gemeißelt. Und noch heute steht ein beträchtlicher Theil der Menschen auf derselben Stufe und macht sich seine Götter. Die Vernunft ist der Stolz der Menschen. Aber bis in die neueste Zeit, bis in unsere Tage haben die Menschen nichts Vernunftwidriges darin erblickt, daß jene hochgebildeten — auch nach unseren Begriffen hochgebildeten — Völker des Alterthums, aus Holz und Stein sich ihre Götter machten. Sicherlich glaubten jene alten Völker ganz vernünftig zu handeln, in Wahrheit die Gottheit erfaßt zu haben. Und gewiß' gab es auch in den früheren Jahrtausenden große Männer und Denker, geradeso, wie auch unser Volk schon in frühester Zeit große Männer und Denker hatte. Um so unbegreiflicher erscheint es, daß, mit Ausnahme des kleinen jüdischen Volkes, alle Menschen Jahrtausende hindurch die Gottheit s o auffaßte, daß es aller gesunden Vernunft geradezu Hohn sprach. Holz und Stein, Pflanzenwelt und Mineralreich, sind die todten Stoffe. Der Mensch ist unter den lebenden Wesen das am meist entwickelte und höchst organisirte. Und er, der L e b e n d e unter den lebenden Wesen unterwirft sich in geistiger Beziehung, unterordnet sich den todten Stoffen! Es istdas eines der größten, unfaßbarenRäthsel in der Menschengeschichte. Aber ein noch größeres Räthsel ist unser Volk, das mit

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