Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1892)
- Date
- 1892-07-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1073 Man kann den Mann nur bedauern. Die Blutbeschuldigung ist bei ihm zur fixen Idee geworden und mit geistig dcfecten Personen braucht man nicht zu rechten. England. London, 12. Juli. Durch ein Berschen ist in meiner gestern an Sie abgegangenen Correspondenz als Punkt IO die Streichung von “o und ]n b\2 in den Gebeten um Thau und Regen aufgeführk. — Es ist dies ein Jrrthum, den ich zu berichtigen bitte, da die Beibehaltung dieser Stücke ausdrücklich erwähnt ist. Es sind also nicht 14, sondern 13 Punkte hinsichtlich, welcher eine Reform von unserem Chies-Rabbi sanktionirt wurde. London, 19. Juli. Das durch mehrere Blätter verbreitete Gerücht, welches auch in die „Frankfurter Zeitung" Eingang gefunden, daß Herr Dr. Ehrmann in Baden (Schweiz) als Rabbiner einer sich hier zu bildenden orthodoxen Gemeinde berufen werden soll, entbehrt, nach eingehenden Erkundigungen in maßgebenden Kreisen, jedweder Begründung. Wohl hat die Entscheidung des Chief Rabbi's betreff der Aenderungen in der Gebetordnung die Gemüther der Orthodoxen beunruhigt, da diese Parthei nicht erwartete, daß der Ehief Rabbi die Beschlüsse der Conferenz in so weitgehender Weise bestätigen würde. Die ruhig Denkenden sind sich wohl bewußt, daß der Chief Rabbi vertragsgemäß gezwungen war, die Conferenz einznberufen und daß sich die Majorität der zur Conferenz delegirten Prediger sowohl, als die von denselben vertretenen Gemeinden, weitgehenden Reformen zuneigten; so daß der Chief Rabbi in eine nicht zn unterschätzende schwierige Position versetzt war. Anderseits jedoch ist nach der Lage der hiesigen Gemeindeverhältnisse eine Trennung der zu Reformen geneigten Parthei schon deshalb nicht zu befürchten, weil hier bereits eine mit allen Bedürfnissen der modernen Reform ausgerüstete Gemeinde (Upper Berkeley Street) exkstirt, so daß der Chief Rabbi cs unbeschadet seiner Stellung hätte tvagen dürfen, fest und beharrlich auf seinem gesetzestrenen Standpunkt stehen zu bleiben. Die Autorität des Chief Rabbis steht hier in so hohem Ansehen, daß, falls derselbe energisch gegen Alles, was gegen den allgemein bekannten p verstößt, aufgetreten wäre, eine Opposition nicht zu befürchten war. Es hat daher den Anschein, als habe der Chief Rabbi nicht die Kraft, das alte Judenthum gegen die Angriffe der Reform zu schützen; keinesfalls ist nunmehr eine feste Garantie für einen solchen Schutz geboten. Auf die vielen Tausenden eingewanderten russischen Juden, welche sich im Osten der Stadt (Eastend) concentriren und zum großen Theil der Federation of Synagogues, über die M. Montag» (neuerdings in's Parlament gewählt) präsidirt, angehören, haben die Entscheidungen des Chief Rabbi's keinen Einfluß, da dieselben getrennt von der United Synagogue sind und gar nicht im Verkehr mit der englischen Judenheit stehen. Der Herr Rabbiner Dr. Lerner, dem die religiöse Leitung dieser Gemeinden vor einigen Jahren anvertraut wurde, protestirte in der Conferenz gegen jedwede Reform, was genügende Garantie bietet, daß in das Eastend keinerlei Veränderung der Liturgie Eingang finden werde. Allein die Hauptsynagoge der United Synagogue, am Dukes PJaee, die eigentliche City Synagoge London's, wird durch die Entscheidung des Chief Rabbi's am stärksten beeinflußt, weil hier ein Kampf zwischen den Mitgliedern unvermeidlich sein wird. Ob, im Falle die Veränderungen in der Duke's Place Synagoge eingeführt werden, die orthodoxen Mitglieder sich von der Gemeinde trennen, läßt sich momentan schwer beurtheilen. Es cxistireu jedoch, in die verschiedenen Richtungen London's zerstreut, eine Anzahl Männer, die theilweise nicht zur Gemeinde der United Synagogue gehören, aber thatkräftig in alle Gemeindeangelegenheiten eingreifen und von denen zu erwarten steht, daß sie die Initiative zu einem Protest gegen die Einführung aller der vom Chief Rabbi janktionirten Veränderungen ergreifen werden, welchem sich alsdann die orthodoxen Gemeindemitglieder der United Synagogue, namentlich der Dukes Place Synagogue anschließen werden. Es bleibt nun zu erwarten, welche Consequenzen dieser Protest haben wird. Eine große Versammlung zur Besprechung der Lage im Allgemeinen wird nächsten Sonntag stattfindcn, über deren Beschlüsse ich Ihnen ferneren Bericht erstatten werde. Amerika. Buenos Atires, 15. Juni. Die Zustände in den Colonien, wenn auch seit der Ankunft des Obersten Goldsmid wesentlich gebessert, sind immer noch sehr traurig. Dies werden die in ihre Heimath oder nach Nordamerika zurückkehrenden Colonistcn bestätigen. Am 13. Mai haben 16 Familien, am 23. Mai 46 Personen und am 5. Juni 150 Personen sich nach Hamburg und Bremen eingeschifft; am 20. sollen wieder 200 Personen abgehen. Diese Armen mit ihren Frauen und Kindern verlassen also nach einem Jahre schwerer Leiden, fast alle krank, ein Land, in dem sie nichts als das Grab ihrer Kinder und Verwandten zurücklassen. E u g e n i o Sommerfeld, Dentiste. Feuilleton. Aer Günstling des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehma««» vr. phil. (58. Fortsetzung.) „Majestät erkennen wie stets immer sogleich die Wahrheit!" entgegnete der Oberprokurator. „Euch soll im vollsten Umfang Gerechtigkeit werden!" rief der Kaiser dem Gouverneur zu, und einem Kammerherrn winkend, sprach er: „Man suche den Geheimrath Bluwo und bringe ihn sofort herbei." „Er wartet im Vorzimmer", entgegnete der Kammerherr, und eine Sekunde später erschien der Geheimrath mit seinem Aktenbündel vor dem Kaiser. „Warum habt Ihr mir noch keinen Bericht