Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1062 War aber dLese Bescheidenheit auf religiösem Gebiete, nicht eine Verleugnung seines GotteS d “ton Dnjn bi bv om« 'üdwd man ’joiy „Ich aber werde mit ihnen rechten, wegen ihrer ganzen Schlechtigkeit, daß sie Mich verlassen!" Warum nach äußeren Gründen und Erklärungen suchen dieser Erscheinungen der Jetztzeit! Kehret bei Euch selbst doch ein, sehet zu, ob nicht Euer Gott, den Ihr leugnet, auch wenn Ihr Euch Juden nennt, den Ihr leugnet, indem Ihr Sein Gesetz nicht anerkennt, Maß für Maß mit Euch zu Gericht geht, Euch warnt! Vielleicht werdet Ihr die Lösung der Euch räthselhaften Erscheinung am Ende des 19. Jahrhunderts finden. Am Schlüsse der mosn des gestrigen Sabbat ergeht das Wort an Jirmijah. 'jinu iwipi „rufe fort und fort aus vor den Ohren Jerusalems also:" -priMa ran« ■piyj nDn war 'i ton na „So spricht der Ewige, Ich gedenke dir die Huld deiner Jugend, der Liebe deiner Brautzeit." Ina** nynr xb pto lanoa nrw, „wie Du mir folgtest in die Wüste in ein unfruchtbares Land." Der Warnung und Drohung läßt Gott aber die Herzen bezwingende göttliche Liebe folgen. Ist ja das menschliche Herz gar oft unempfindlich der Drohung gegenüber, verhärtet sich aus Trotz und Eigensinn selbst den Thatsachen gegenüber; weil es sich schuldbewußt fühlt, will es nicht daran gemahnt sein. Welches edel fühlende, ja, welches nur wahr und menschlich fühlende Herz wird, wenn zu einer Zeit, wo seine Fehler und Schwächen offen da liegen, ihm aber, um die Erkenntniß dieser Fehler zu erleichtern, seine früheren Verdienste aufgezählt werden; welches wahr empfindende Herz wird sich da verhärten und absichtlich verschließen und nicht einsehen wollen, daß es von dem früheren Wege der ihm zum Lobe gereicht, gewichen ist, daß diesen nun betretenen Weg nicht fortsetzen dürfe, ohne sich ernstlicher Gefahr auszusetzen! Damals hat unser Volk unter Leitung seines Führers Moscheh durch die unfruchtbare Wüste den Weg zum Choreb und zum gelobten Lande gefunden; heute sucht man nur gut bebautes Land auf, geht bequeme Pfade, ohne ein ernstes Ziel im Auge zu haben, nur immer fort, dorthin, wo immer das Leben bequem, leicht, angenehm ist; wohin der Weg führt, das weiß man nicht, will es auch nicht wissen: man will den Augenblick genießen, nur der Gegenwart leben, will sich nicht stören lassen durch ernste Gedanken. Das Leben ist ja ohnehin ernst genug, wozu sich mit dem Ernst des Lebens, mit dem Blick in die Zukunft befassen wollen! Darum auch fort mit allen Erinnerungen an die Vergangenheit und den sich daraus ergebenden Betrachtungen und Vergleichen! Jede Zeit gehört sich an, lebt für sich, hat ihre besonderen Aufgaben. Ilnd das ist die Lebensweisheit des modernen Geschlechtes. Darin findet es das eingebildete Glück und die innere Zufriedenheit. Ja, wenn nur nicht die Auswüchse des 19. Jahrhunderts eine ernste Mahnung wären und das eingebildete Glück und die große Selbstzufriedenheit nicht so rauh stören würden! Wenn nur nicht auch heutigen Tages unser Auge den „brodelnden Topf" sehen würde voll des finstersten Wahnes, des gährenden Gebräus, das nur Unheil anstiftet! Darauf will Gott unseren Blick wenden; das ruft uns der Prophet in dieser ersten Woche zu. Zu unserem Wilde. Wir sind heute in der Lage, aus dem, für die Geschichte der antisemitischen Bewegung in Deutschland ewig denkwürdigen „Prozesse Buschhoff", eine Szene im Bilde vorzuführen. Der Zeichner versetzt uns in den viereckigen, grau getünchten, nur mäßig umfangreichen Raum des alten Schlosses von Cleve, welcher zu den Sitzungen eingerichtet worden ist. Vor uns befindet sich der grünbehangene Gerichtstisch mit den Richtern, vor demselben steht an der Zeugenschranke einer der ärztlichen Sachverständigen, Dr. Steiner aus kanten, welcher soeben — die Skizze datirt vom sechsten Verhandlungstage, den 10. Juli — seine früher gemachte Aussage, daß er den Fundort der Knabenleiche nicht auch für den Thatort des Mordes erachten könne, zurücknimmt. Der Sachverständige hat sein Gesicht den rechts im Bilde hinter einer Schranke sitzenden Geschworenen zugewendet; nach dieser Seite hin erblicken wir am Gerichtstisch den ersten Staatsanwalt Baumgard und weiter nach dem Hintergründe zu den Oberstaatsanwalt Hamm aus Köln. Dr. Steiner gegenüber, im Bilde links neben dessen Figur, sieht man den Präsidenten des Gerichtshofes, Landgerichtsdirektor Kluth. Adolf B u s ch h o f f, der des Mordes an dem kleinen Johann Hegmann angeklagte Metzger und Viehhändler, sitzt ganz links im Bilde hinter einer von grün angestrichenen Holzstäben gebildeten Schranke. Vor derselben befinden sich die drei Vertheidtger Gammersbach, Fleischhauer und Stapper; ganz im Vordergründe links dagegen ist der Tisch, an welchem die Zeitungsberichterstatter ihres bei der erschöpfenden Länge der Verhandlungeu nicht eben beneidenswerthen Amtes zu walten haben. Das Nebenbild zeigt einen Blick auf das alte Herzogsschloß, in welchem sich der Schwurgerichtssaal und zugleich das Gefängniß befindet. Es war einst eine der größten deutschen Burgen; sein größerer Theil ist indeß gegen Ende des vorigen