Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 57 (18.7.1892)
- Date
- 1892-07-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXX1U. Jahrgang. Berlage ju M 57 des „Israelit". Leitender Artikel. Die drei Wochen. Von Rabbiner Dr. S ä n g e r. I. Die drei Wochen der Trauer um das verlorene Land und um die verlorene Selbstständigkeit gelten nicht blos dem Verluste, sondern fast mehr der traurigen Folge dieser Katastrophe, die wir bis in unsere Zeit herein deutlich verspüren und schmerzlich empfinden. Die drei Wochen der Nationaltrauer gehen heute vielfach ganz unbeachtet vorüber, sind vielen unbekannt; Viele kennen sie nur als Kalendernotiz. Das Urtheil der großen Menge geht dahin, daß die „drei Wochen" jedenfalls unzeitgemäß sind, sich überlebt haben. Warum auch nicht?! Lebt ja der Jude heutzutage, wenn auch nicht gerade unter seinem Weinstock und Feigenbäume, so doch unter lauter Freunden und Brüdern geliebt, geehrt und geachtet. Niemand ist ihm Feind; ruhig und ungestört kann er leben, sich seines Besitzes freuen. Geradezu glücklich, beneidenswerth wäre seine Lage zu nennen, wenn nicht ein Umstand da wäre, der ihn möglicherweise peinlich berühren, ihn aus seiner süßen Ruhe aufrütteln, die heitere Sorglosigkeit seiner Sommerfrische und des Badelebens stören dürfte; wenn er nämlich die Zeitungen liest, worin von einem rituellen Mordprozeß, von wüster, antisemitischer Hetze tagtäglich neuer, sensationeller Stoff reichlich besprochen, geschrieben und verhandelt wird. Glücklich, beneidenswerth könnte er sich halten, wenn er nicht im Verkehre mit der Gesellschaft, selbst der guten und besten, den Gifthauch spüren würde, der gleich einer Pest von Land zu Land epidemisch sich ausbreitet und breite Massen und Schichten des Volkes ergreift und ansteckt. In der ersten mücn der ersten drei Wochen frägt Gott den Propheten Jirmijah, der bekanntlich in einer trauriger Zeit gelebt hat, nrrn nnx no. „Was siehst Du?" vjöi hnh ’jx iv.bj td wiLL ’jbd „und er antwortete: Einen siedenden Topf sehe ich, dessen Vorderseite vom Norden her." p-inh tynjnn nnen pdsd 'ba 'tiöni. „Und der Ewige sprach zu mir: Vom Norden aus eröffnet sich das Unheil über alle Bewohner des Landes. Der finstere Norden, dort wo Dunkel und Finsterniß herrscht, wo die Unwissenheit im Verborgenen handelt, wo alle finsteren Mächte ihr verderbliches Wesen treiben, dort ist der Ausgangspunkt der Bosheit des tückischen, hinterlistigen Feindes. Die Bosheit kann nur der dunkle Norden gebären, sie verträgt nicht das Helle Tageslicht. Neid und Haß sind Kinder der Nacht und Feinde der Menschen. .'i oiw rmsx mneffö bzb xnp wi w „Fürwahr, siehe Ich rufe herbei alle Geschlechter der Reichen nach dem Norden, ist der Spruch des Ewigen. . Als Zurechtweisung, als Strafe läßt Gott diese finsteren Mächte bis vor unsere Thore sich vorwagen, yiaiy iw nnm by „wegen all der Schlechtste t, daß sie mich verlaffen" iivp'i onn» „und fremden Göttern geräuchert" dh’t ’ivysb „und sich gebückt haben vor den Werken ihrer Hände." Wenn der klare, leuchtende Gottesgedanke, der Israels Geistcshorizont so rein und lauter gestaltete, durch uns selbst getrübt wird; wenn Dünste aufsteigen, wallende Nebelmassen sich über der Erde lagern und der Sonne goldiges Licht undurchdringlich einhüllen; wenn wir unserer Hände Werke, und wenn sie noch so kunstvoll und unsere Bewunderung Hervorrufen, anstaunen und verherrlichen und durch sie uns selbst vergöttern, so uns scheinbar erhebend und doch nur erniedrigend, uns den alten Völkern gleichstcllend, die bet allem Wissen und aller Bildung, bei aller Wahrheit und Gesetzmäßigkeit ihres künstlerischen Schaffens, das höchste Gesetz der Wahrheit nicht fanden, Gebilde ihrer Hand, Meisterwerke der menschlichen Kunst als Gottheit verehrten: Dann rufen wir selbst den Bodensatz aus seiner dunklen Tiefe herauf, der dann die reine Luft trübt und verpestet. Dem Wahne tritt der Wahn entgegen.'- Und wir fragen dann erstaunt, woher dieser finsteren Mächte Gewalt in dem Jahrhundert der Aufklärung?! Hat man ja redlich versucht, sich der Völker Sitten und Gewohnheiten anzupassen, die trennenden Sondergesetze thetls ganz abgelegt, theils in unauffälliger Weise geübt. In der Schule hat man kein Vorrecht für die Kinder verlangt, ließ man doch durch die Erlaubniß des Schreibens an Sabbat- und Festtagen nicht merken, daß ihr Bekenntniß störend oder gar Aergerniß erregend sei. Ueberhaupt, um jede Auffälligkeit zu vermeidsn, trat man mit seiner Religion ganz bescheiden in den Hintergrund und zeigte der Welt, daß wir als Juden mit jeder Confession in Frieden und Eintracht leben können. Und doch die unangenehme Erfahrung, daß wir bet aller religiösen Bescheidenheit und Nachgiebigkeit als Semiten gehaßt und angefeindet werden!