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Der Israelit · 1892-07-18 · Heft 57 (18.7.1892) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 57 (18.7.1892)
Date
1892-07-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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muth ertragen, den nun einmal die abstumpfende Gewohnheit auch gegenüber den grauenvollen Erscheinungen des Tages zu erzeugen Pflegt. Aber etwas Neues und Unerhörtes trug sich zu. Ein konservativer Parlamentarier sprach in einer Rede im preußischen Abgeordnetenhause seine Ueberzeugung dahin aus, daß wirklich religiöse Vorschriften den Juden den Mord zu rituellen Zwecken gestatten, empfehlen oder gebieten. Er führte angeblich wissenschaftliche Autoritäten für seine Meinung an und erntete für seine Rede den lauten Beifall seiner ganzen Partei. Der Abgeordnete v. Wackerbarth, welcher diese Rede hielt, war bis dahin ein in der Oeffentlichkeit ganz unbekannter Mann, und seine monströse Leichtgläubigkeit hätte an sich nur ein vorübergebendes Interesse und mehr Verwunderung als Entrüstung erregt und verdient. Aber der Beifall, mit welchem die ganze konservative Partei den Vortrag dieser Ammenmärchen begleitete, hatte politische Ursachen und mußte politische Wirkungen Hervorrufen, welche einer ernsteren Beachtung werth waren. Eine energische Mahnung zur Selbstbesinnung war jetzt am Platze, und nichts kann zu diesem Zwecke wirkungsvoller fein als der Spiegel, welchen die Prozeßgeschichte von Tisza-Eszlär der antisemitischen Bewegung unserer Tage entgegenhält. Man sollte eigentlich meinen, daß eine Widerlegung der sogenannten „wissenschaftlichen" Beweise für das Bestehen eines Blutrituals bei den Juden jetzt nach dem im Angesichte der ganzen Welt erfolgten Freispruch zu Cleve nicht mehr nöthig wäre. Das einzige Arsenal, aus welchem die Waffen zu diesen Angriffen gegen die Juden hergeholt werden, bilden die Schriften des Prager Universitätsprofessors Rohling. Der moralische und wissenschaftliche Charakter dieses Mannes war aber schon lange der ganzen gebildeten Welt bekannt und ist neuerdings in dem niederrheinischen Schwurgerichtssaale mit grellstem Lichte beleuchtet worden. In Oesterreich ist es gerichtsnotorisch, daß die vorgeblich aus dem Talmud geschöpften Verleumdungen des Judenthums, welche Rohling verbreitet hat, „einem Bündniß von Bosheit und Unwissenheit" entstammen. Jede einzelne Stelle aus jedem einzelnen seiner Pamphlete ist von gerichtlichen Sachverständigen, zwei christlich-deutschen Universitätsprofessoren, eingehend und gewissenhaft geprüft und als bewußte Fälschung und boshafte Mißdeutung bezeichnet worden, Und zahlreiche andere christliche Gelehrte, unter ihnen ein naher Freund Rohlings, haben sich mit moralischer und wissenschaftlicher Entrüstung öffentlich und privatim in demselben Sinne geäußert, wie die beiden gerichtlichen Gutachter, die Professoren Nöldecke und Wünsche. Rohling wußte zwar, sich der moralischen Vernichtung, welche ihm durch das Urtheil des Gerichtshofes drohte, dadurch äußerlich zu entziehen, daß er die Beleidigungsklage, um die es sich handelte -- der Abg. Bloch hatte ihn öffentlich einen Meineidigen genannt —, freiwillig zurückzog. Aber die Akten dieses Prozesses sind seit sechs Jahren in Buchform veröffentlicht, von dem (christlichen) Advokaten und Abgeordneten des österreichischen Retchsraths Dr. Joseph Kopp. Dieses Buch von Kopp, „Zur Judenfrage nach den Akten des Prozesses Rohling-Bloch", enthält neben jenen gerichtlichen Gutachten und wissenschaftlichen Aeußerungen alles Röthige zur Charakteristik dieses merkwürdigsten aller Universitätsprofessoren. Die antisemitischen Führer kennen zweifellos dieses Buch und wissen, was sie von ihrem Rohling zu halten haben. Aber wie sie diese Kenntntß nicht daran hindert, Excerpte aus den Schmähschriften Rohlings wider besseres Wissen als „Auszüge aus dem Talmud" in Flugschriften unter die Massen zu schleudern, so werden sie sicherlich auch Herrn v. Wackerbarth nicht davon unterrichtet haben, daß das „Material", welches sie ihm unterbreiteten, der Falschmünzerwerkstatt eines notorischen Betrügers entstammt. Das geht schon daraus hervor, daß sich Herr v. Wackerbarth in seiner Rede ganz naiv so nebenher auch auf Rohling als auf eine wissenschaftliche Autorität, die Alle anerkennen, berufen hat. Aus diesem Grunde, weil sicherlich der Abgeordnete v. Wackerbarth in ehrlichem Glauben gesprochen hat, war es kein unnöthiges, ja ein verdienstvolles Werk, daß Dr. Nathan die Einleitung seiner Schrift dazu benutzt, Herrn v. Wackerbarth vor seinen antisemitischen Freunden und seinen trüben Quellen zu warnen. Auf 37 Seiten der Einleitung ist jeder Punkt in der Rede Wackerbarths einzeln und eingehend geprüft und völlig erschöpfend widerlegt: zum Theil nach dem Buche von Kopp, zum großen Theil aber auch auf Grund sebftständiger und fleißiger Untersuchungen und in scharfsinniger und unbedingt schlagender Darlegung. Es ist schade, daß wir aus Rücksicht auf den uns zugewiesenen Raum diese Widerlegung auch nicht auszugsweise wiedergeben können.*) Nur eine charakteristische Probe wollen wir anführen. Der Abgeordnete v. Wackerbarth hatte als Zeugen seiner Blutbeschuldigung auch den antisemitischen Professor de Lagarde in Göttingcn citirt. Run ist aber in dem Buche von Kopp und auch sonst schon längst und wiederholt ein Brief veröffentlicht, worin auch de Lagarde, dessen Antisemitismus doch wirklich nichts zu wünschen übrig ließ, sich bereit erklärt hat, vor Gericht eid- *) Pergl. auch unseren Leitartikel „Allerlei von der Germania" in voriger Nummer.

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