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Der Israelit · 1892-07-14 · Heft 56 (14.7.1892) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 56 (14.7.1892)
Date
1892-07-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1038 t Und wenn eS dann in der Millionenstadt auch nur ein einziges Minjan gäbe, das treu zur jüdischen Sache steht, die von ihren eigenen Anwälten verrathen und Preis gegeben wird, zehn Männer, die diesen Uebergriffen gegenüber ihre Pflicht thun, unbeirrt um den Erfolg, ohne Rücksicht auf den Beifall oder Tadel, mit dem ein solcher Schritt begleitet werden möge, so ist die Sache des orthodoxen Judenthums für die englische Judenheit gerettet. Jeder aber, der diesem Attentat auf unsere Liturgie und unseren RituS gegenüber schweigt und sich mit der Autorität des Chief-Rabbi gedeckt glaubt, wenn er auch hundertmal das verübte Unrecht fühlt und einfieht, wer schweigt wo er reden, wer müßig ist, wo er handeln sollte, der hat vor Gott und den Menschen mit an der ungeheueren Verantwortlichkeit zu tragen, von der keiner frei ist, der unmittelbar oder mittelbar der Entfremdung unserer Brüder und Schwestern vom jüdischen Heiltgthume in dieser Weise Vorschub leistet. Wenn ein einziger, redlicher, thatkräftiger Mann, der Gott und keinen Menschen fürchtet, sich des der Verkümmerung überantworteten Heiligthums annehmen und mit Gottes Beistand den Kampf dafür aufnehmen wollte, es würden ihm hunderte, tausende von Herzen sympathisch entgegenschlagen, er würde zum Mittelpunkt einer Bewegung werden, deren segensreicher Ausgang für das gesetzestreue Judenthum in England sich jeder Schätzung vollzieht. Wenn aber Niemand sich rührt, wenn Schlendrian und Manchesterthum auch unseren religiösen Anliegen ihre Signatur verleihen sollen, wenn der eine die Schwierigkeiten erst ermißt, die sich entgegenstellen können, wenn der andere erst die Genossen zählt und sie gering an Zahl findet, wenn erst alle Bedenken erwogen und berücksichtigt werden sollen, wenn das Vertrauen auf Gott und die gute Sache nicht alle diese Erwägungen rücksichtslos niederschlägt, dann wird der Hufschlag der Autoritär, die bereits vorhandene Regung zum Besseren niedertreten, und es bleibt alles nicht nur beim Alten, sondern es wird V'n noch schlimmer, und zwar in kurzer absehbarer Zeit. Auch in diesem Sinne dürfte das Wort der Weisen sich als Wahrheit bewähren, daß Gottes Segen nicht ruht auf einer Sache, die gemessen, gezählt und gewogen wird. Wenn aber die Verstümmelung unserer Liturgie, wenn die Degradirung unseres Ritus, wenn die Coquetterie mit der Reform alle von diesem wenig würdigen Vorgehen entrüsteten Geister und Gemüther zu gemeinsamem Handeln zusammenführt, dann wird aus den Ruinen neues Leben erblühen. Gerade der gegen das orthodoxe Judenthum geführte Schlag wird seine Bekenner aus ihrer Lethargie aufrütteln und ihnen die Augen über den Abgrund öffnen, vor dem die englische Judenheit augenblicklich steht. Daß dieser Moment nicht unausgesetzt vorüber gehe, dazu möchten diese Zeilen einen bescheidenen Beitrag liefern. Privattelegramme des „Israelit" und Telegramme des Bureau „Herold" und der „Frankfurter Zeitung." Cleve, 11. Juli. Heute bekundete der Landgerichtsrath BrixiuS: Als Buschhoff, Frau und Tochter am 14. Oktober 1891 verhaftet wurden, theilte man mir mit, daß die Leute wegen ihrer gefährdeten persönlichen Sicherheit verhaftet worden seien. Der angeschuldigte Buschhoff machte von Anfang an auf mich einen vollständig sichern und unbefangenen Eindruck. Seine Antworten waren durchaus bestimmt und ruhig, obwohl die Vernehmung durch die Schwerhörigkeit desselben sehr beeinträchtigt wurde. Als ich dem Buschhoff in die Seele sprach: er solle doch, wenn er es gethan habe, eingestehen, sagte er: Ich weiß, was es heißt, Kinder zu verlieren, und ich sollte im Stande sein, einem unschuldigen Kinde den Hals abzuschneiden? Diese Worte bestärkten mich in der Ueberzeugung von der Unschuld des Buschhoff. Ich wurde nun im Abgeordnetenhause meines Verhaltens wegen, ganz besonders von dem Abgeordneten Hofprediger a. D. Stöcker angegriffen. Dies veranlaßte mich, an Herrn Stöcker eine Berichtigung zu senden und diesen zu bitten, dieselbe im Abgeordnetenhause vorzulesen. Herr Stöcker hat aber nur einen Theil meiner Berichtigung vorgelesen, die Haupttheile unterdrückt und die Bemerkung hinzugefügt: „Es bleibt doch merkwürdig, daß der Schwiegersohn des Untersuchungsrichters der Vertheidiger ist." Der Zeuge bekundet im Weiteren: Ich gewann die Ueberzeugung, daß viele Zeugen bei jeder Vernehmung immer mehr wußten. Sie haben sich ein Bild von zum Theil Erlebtem, zum Theil Gehörtem gemacht und sich so ein Phantasiegebilde geschaffen, das mit jeder Vernehmung ihnen immer klarer vors Auge trat. Die Leute hatten eben von vornherein die Ueberzeugung, daß Buschhoff der Thäter sein müsse, einen anderen Gedanken konnten sie gar nicht mehr fassen. Der Landgerichtsrath machte hierauf den Geschworenen durch Demonstrationen an der Saalthüre klar, daß der von Mölders beobachtete Arm das Kind gar nicht in das Buschhoff'sche Haus gezogen haben könne, da der Eingang durch einen Ladentisch verengt war. Referendar Franoux bestätigt das. Cleve, 12. Juli. Eine Masse nachträglich geladener Zeugen, welche angeblich Wichtiges zu bekunden hatten, wußten gar nichts, so wurden heute 3 Damen Schlösser aus Neuß telegraphisch geladen, von welchen eine gesehen hatte, daß Buschhoff einmal, als er bei ihnen wohnte, die Hände am Kopse gehalten hatte, während er über den Hof ging. Buschhoff hierüber befragt, gibt an, Zahnschmerzen gehabt zu haben; das Gericht reagirt nämlich auf jeden Brief und jedes Telegramm, das irgend eine Unterschrift trägt, das Neußer Telegramm hatte den bekannten Namen Schmitz als Unterschrift, die Zeugenvernehmung ist zu Ende. Die vollständig inhaltslosen Aussagen der Zeugen erregen große Heiterkeit. Man vergißt zeitweise den Ernst der Sitzung. Xanten, 13. Juli. Die Ortsbesichtigung in Xanten hat in Ruhe ftattgefunden. Am Bahnhof Goch waren viele Neugierige, um Buschhoff zu sehen, welcher aber per Wagen Morgens früh nach Xanten geführt worden war. Die Gendarmerie hatte die Kirchstraße vollständig abgesperrt. Mili-

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