Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1892)
- Date
- 1892-07-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1034 Mit welchem Raffinement er in Allem zu Werk ging, beweist u. A. die Art, wie er vom Gefängniß aus Briefe an seine inzwischen verstorbene Frau gelangen zu lassen wußte, ohne daß Jemand eine Ahnung davon hatte. Als Curiosum verdient noch erwähnt zu werden, daß Müller wiederholt den Großherzog um ein Darlehen von Mk. 4000 anging, das ihm versagt wurde. Morgen folgen der Schluß der Beweisaufnahme und Plaidoyers. 9. Juli. Bürgermeister Müller, Rheinweiler wurde zu 11 Jahren Zuchthaus und 10 Jahren Ehrenverlust verurtheilt. Die dieser Tage in Posen erschienene Broschüre „Der Jude", eine zeitgemäße Betrachtung, welche einen katholischen Geistlichen der Erzdiöcese Gnesen-Posen zum Verfasser hat, spricht sich in nachstehender Weise gegen den Antisemitismus aus: Wir bezeichnen diese Hetze, denn anders können wir's nicht nennen, als unchristlich, unpolitisch und unklug. Der Antisemitismus ist vor Allem unchristlich: verstößt gegen das erste, fundamentale Gebot, das Gebot der christlichen Liebe. Es ist uns geradezu unbegreiflich, wie sich ein christlicher Geistlicher an die Spitze oder in die Reihe der Antisemiten stellen kann. „Liebet einander," so tönt es von der Kanzel herab, „verfolget die Juden von der Rednerbühne — und das aus einem und demselben Munde. Der Antisemitismus ist unpolitisch. Es ist eine geschichtliche Thatsache, daß die Bildung einer Liga gegen die Mitbürger in einem Staate stets für beide Parteien verderblich gewesen. DerMürgerkrieg, mag er blutig oder unblutig verlaufen, ist stets eine Calamitüt für das Land. Meint ihr Antisemiten, von den Inden in Schatten gestellt zu sein, so besieget sie durch den Glanz eurer Tugenden. Der Antisemitismus ist unklug. Wenn die Juden wirklich solche gewaltige Macht besäßen, über so gewaltige Mittel verfügten, so wäre es klüger, mit ihnen Hand in Hand zu gehen, da sie nun einmal mit uns Zusammenleben, als in unnützem Kampfe die Kräfte zu vergeuden. Was hat Spanien, Portugal, Rußland gewonnen, als es die Juden verbannte? Anstatt zu jammern, daß die höheren Lehranstalten von Juden überfüllt seien, freuet euch darüber, daß die jüdische Jugend in edlem Wettstreit mit unseren Jünglingen zur Bereicherung der vaterländischen Wissenschaft beizutragen sich bemüht. Feuilleton. Aer Hünstking des Gzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Bon Jo«. Lehm«««, Dr. phil. (56. Fortsetzung.) „O theure Herrin," fuhr der Knecht fort, „ich weiß es wohl zu empfinden, was es heißt, so ganz ohne das Glück der Liebe heranzuwachsen und alt zu werden. Meine Eltern habe ich kaum gekannt, und wer hätte für mich ein Körnchen übrig haben sollen von jenem reinen Htmmelsmanna, das wir Liebe nennen? Ihr seid mir so gut und freundlich entgegengekommen, daß mein Herz nur für Euch zu schlagen vermag, würdet Ihr mir ein klein wenig Liebe vergönnend" Erstaunt blickte Rosa auf den alten Mann. „Ich bin Euch zu Dank verpflichtet," sagte sie, „und werde meine Dankbarkeit und Freundschaft Euch für alle Zeiten bewahren." Boleslaw ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und drückte einen heißen, langen, inbrünstigen Kuß auf ihre Hand, verwirrt blickte Rosa in das Antlitz des Knechtes, das fahle Licht des Mondes, der aus den Wolken hervorgetreten war, gab ihm einen geisterhaften, erschreckenden Glanz, seine Augen glühten in wildem, unheimlichem Feuer, sein Athem ging fliegend. „Wäre ich jung, wäre ich schön, wäre ich reich, Ihr müßtet meine Gattin werden, Herrin, Ihr und keine Andere!" Diese Worte waren mit einer solchen Leidenschaft hervorgestoßen, der Klang der Stimme war so eigentümlich gefärbt, daß das junge Mädchen erschrocken aufprang: „Laßt uns weiter eilen!" rief sie, während ein leichter Schauer sie überflog. „Rein, Rosa, bleibt, bleibt hier," schrie der Knecht, „Ihr habt es mir gesagt, Ihr empfindet Dankbarkeit und Freundschaft für mich, und das sind die Vorboten Deines weit schöneren Gefühles. Schaut mich an!" Der Mann riß mit einem hastigen Griffe den langen weisen Bart herunter, streifte die weise Perrücke vom Kopfe und warf den langen Bauernkaftan ab; unter demselben trug er den glänzenden Waffenrock der Petersburger Garde-Offiziere. „Allmächtiger Gott!" schrie Rosa und ihr Pulsschlag stockte schier vor Schreck, „wer seid Ihr, was wollt Ihr? — Ah — Iwan —!" „Ich bin ein armer, unglücklicher Mensch," keuchte Jener hervor, „dem Ihr den Pfeil der Liebe so tief in das Herz hineingebohrt, daß er nicht mehr genesen konnte von seiner Krankheit, ich bin ein armer, unglücklicher Mensch, der niemals geliebt wurde während seines ganzen Lebens, als von seiner Mutter, und diese Mutter wurde ihm schon in früher Jugend entrissen, ich bin ein armer, unglücklicher Mensch, Rosa, der zu Deinen Füßen um Mitleid fleht, der es nicht wagen kann, den vollen Strahl Deiner reinen Liebe zu erstreben, der nur um einen Brosamen Deiner Gunst bettelt, den Du schlagen und niedertreten kannst, wie Deinen Sklaven, den Du aber nicht von Dir weisen sollst, denn die Luft, die allein er zu athmen vermag, weht um Dich. Set gnädig, Du Geliebte, habe Erbarmen mit mir.'"