Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1892-07-14 · Heft 56 (14.7.1892) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 56 (14.7.1892)
Date
1892-07-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448218-2448271--34480-2482422
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1035 Entsetzt hatte das junge Mädchen aufgeschrien und wollte die Flucht ergreifen, Iwan aber hielt mit eisernem Griffe ihr Handgelenk umfaßt. „Nicht fliehen," flehte er, „nicht mich meiden, Rosa, den Tod nehme ich mit Freuden an aus Deiner Hand, nicht aber die Verbannung, ich habe Alles ertragen, ich habe Alles hingegeben nur um Dich zu erringen: Ehre, Glück, Reichthum, Macht habe ich ausgetauscht für Deinen Besitz, Du darfst mich nicht betrügen um meinen wohlverdienten Lohn, nur ein klein wenig Liebe und Du bereitest mir die Seligkeit hier aus Erden." „Hülfe, Hülfe!" schrie Rosa außer sich vor Furcht und Angst; „Gott erbarme Dich meiner, Hülfe, Hülfe!" „Du willst nicht?" frug Iwan, und sah zu ihr mit unheimlich blitzenden Augen empor, „Alles wäre umsonst gewesen, Du verachtest mich?" „Habt Erbarmen, Iwan Alexandrowitsch," schrie das junge Mädchen, „ich will Euch dankbar sein, so lange ich lebe, nur laßt mich jetzt frei, laßt mich zu meinen Vater eilen, der in Slobotka meiner sehnsüchtig harrt." „Du irrst, Du irrst," entgegnete Iwan, „was hätte ich nicht gethan aus Liebe zu Dir? Jenen Brief habe ich gefälscht, Dein Vater ist in Petersburg, und nicht in Slobotka, nur um Dich hierher zu bringen, habe ich dieses Alles unternommen, denn ich liebe Dich bis zum Wahnsinn, bis zur Raserei!" Während er so sprach, hatte sich Rosa ein wenig erholt von ihrem ersten Schrecken, zugleich aber sah sie auch die Entsetzlichkeit und Hoffnungslosigkeit ihrer Lage ein; mit voller Kraft zerrte sie ihre Hand empor, um sich von der wilden Gewalt des Jünglings zu befreien. „Und wenn Du mich tödtest," schrie sie, „so werde ich zu sterben wissen, doch aber Dich hassen, Haffen bis zum Tode." „Hassen?!" schrie Iwan, und grimmige Wuth stieg in ihm empor. „Ha, ha, ha, ha! Du — hassen!" tönten die wie von einem Wahnsinnigen hervorgestoßenen Laute in dem nächtlich stillen Walde wieder. Er riß einen Dolch aus der Scheide, im ersten Moment mochte er in seinem Zorn die Regung gefühlt haben, diejenige zu vernichten, die ihm so Schmerzliches sagte; doch sofort sank sein Arm wieder zurück. „Nimm das Messer, Mädchen," sprach er tonlos, „und stoße es mir in das Herz, lieber der Tod als Leben in Verzweiflung! Verzweifeln aber müßte ich, wenn ich Dich nicht besitzen dürfte!" Hastig griff Rosa nach dem Dolch; aus der Art aber, wie sie die Waffe emporhob, ersah Iwan, daß sie den tödtltchen Stoß nicht ihm, sondern sich selbst zugedacht; wie rasend sprang er auf und fiel ihr in den Arm, im Augenblick hatte er ihr die gefährliche Waffe wieder entwunden. „So ziehst Du den Tod meiner Liebe vor," sprach er ingrimmig, „Du willst mich nicht lieben, nun wohl, so sollst Du mir gehören, gegen Deinen Willen, denn Dich muß ich haben. Todesqual soll Deine Liebe reizen." Schnell setzte er ein kurzes Pfeifchen an den Mund, ein schriller Laut durchfuhr die Waldesstille, in demselben Augenblicke ward es lebendig in den Bäumen ringsumher, kraftvolle Männergestalten tauchten auf, die Waldesblöße umzingelnd; viele, viele Männer waren ringsumher verborgen, Kolascheff mit seiner ganzen Schaar und außerdem noch Andere, von denen weder Iwan noch Kolascheff wußten. Jene aber hielten sich noch unter den Bäumen verborgen. „Erkennst Du meine Macht?!" schrie Iwan mit wilder Luftigkeit. „Siehst Du nun ein, daß es keinen Widerstand gibt gegen mein Wünschen und Wollen, daß ich bin der Mächtigste und Allgewaltigste auf der ganzen Erde?" Rosa riß wett die Augen auf, als hätte ein Starrkrampf sie überfallen. „Gott, Gott, Gott!" lispelte sie; sie vermochte nicht einen andern Laut hervorzubringen. „Rufst Du Gott an?" schrie Iwan, „weißt Du, wer Gott ist? Der ist Gott, dem Alles gehorchen muß, der ist Gott, der Alles kann, der Alles vermag, gegen den es keinen Widerstand gibt. Ich bin Gott, der ich die Geschicke der Menschen nach meinem Willen leite. Ich bin Gott!" „Im Namen des Kaisers, Iwan Alexandrowitsch, Ihr seid verhaftet!" rief nun eine laute, befehlende Stimme aus der schweigsamen Schaar der düstern Männer heraus. Plötzlich wurde die Waldesstille von wildem, fürchterlichem Geschrei unterbrochen, Uniformen und Waffen blitzten ringsumher, eine Anzahl grün *) gekleideter Männer stürzte über Kolascheff und seine Helfershelfer her, ein kurzer, aber fürchterlicher Kampf erhob sich, der Wald tönte wieder von dem Stampfen und Schreien der Kämpfenden, von den Schüssen der Flinten, von dem Aneinanderschlagen der Schwerter, von dem Aechzen der Verwundeten, von dem Stöhnen der Sterbenden. Nur wenige Sekunden und die Schaar Kolascheff's war vernichtet, tobt oder gefesselt lagen sie ringsumher, Kolascheff selbst hatte eine Kugel mitten in das Herz getroffen. *) Die russische Infanterie trägt grüne Uniformen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.