Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1892)
- Date
- 1892-07-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1031 vertheidigen. Dagegen weisen wir die gegen den Israelit erhobenen Vorwürfe als gemeinste lügnerische Jnvektiven zurück. Unserem Leserkreise gegenüber haben wir es nicht nöthig, über die Natur der in unserem Blatte erscheinenden Heiratsgesuche ein Wort der Erkärung zu reden. Er weiß, daß sie das Gegentheil dessen sind, was die Germania schreibt. Er weiß, daß die durch Vermittlung des „Israelit" herbeigeführten Ehen in Reinheit und Heiligkeit bfcnp'i rwö ms geschlossen werden und daß die Benutzung eines solchen Weges die nothwendige Folge der Zerstreuung unter alle Völker ist, unter der Israel seit seiner Vertreibung aus dem heiligen Lande schmachtet. Da wohnt eine einzige, jüdische Familie mit erwachsenen Söhnen und Töchtern auf einem weltabgeschiedenen, entlegenen Dorfe; wie könnte eine solche sich anders helfen, als durch Benutzung des heute so hochentwickelten und auch dem gesetzestreuen Judenthume zu gut kommenden Zeitungswesen? Wenn der „Vorwärts" die Ehe als ein Skandalosum betrachtet und nach Bebel'scher Art die „capitalistischen Interessen", die bei der Eheschließung mitreden als stärkstes Argument gegen das heilige Institut der Ehe selbst ansührt, so begreifen wir diesen Standpunkt. Wenn die Germania sich diese Anschauung zu eigen machen will — nun, so mag sie dies thun. Sie mag dann auch gefälligst vor eigener Thüre kehren und katholischen Organen die Aufnahme von Heirathsgesuchen als „Beförderung der Unsittlichkeit" vorwersen. Wir haben in all den Gesuchen, die in unserem Blatte Aufnahme fanden, niemals etwas Anderes gesehen, als — Heiraths gesucht, deren Veröffentlichung in Zeitungen sich speciell in jüdischen Kreisen aus oben angedeuteten Gründen zu einer unumgänglichen Nothwendigkeit herausgebildet hat und da wir die Ehe denn doch nicht als Beförderung der Unsittlichkeit betrachten, vielmehr unsere Weisen die Herbeiführung solcher zu den wenigen Gutthaten zählen, für die der Mensch einen doppelten Lohn — in dieser und in jener Welt — zu erwarten hat — so werden wir diese Inserate vor wie nach — trotz Germania — mit Genugthuung publiciren. Die Kreise, an die sich unser Blatt wendet und in denen es gelesen wird, würden es uns verübeln, wenn wir noch weiter rechten würden, ivp vp^N 'i tonra bny rno apv’s jw Don xb .n nimm Zeitungsnachrichten und Correfpondenzen. Deutschland. Mainz, nana r\ Die in Leipzig erscheinende „Neue Deutsche Zeitung", die meistens ein Abklatsch der „Kreuzzeitung" und der „Deutsch-sozialen Blätter" ist, bringt ihrer Nummer 156 vom 8. d. M., unter der Ueberschrift „Wie sich der Fall Vuschhoff weiter entwickelt", einmal einen eigenen Artikel, der in wenigen Zeilen so viel Schmutz enthält, daß man glaubt ein Fäßchen concentrirter Jauche sei vor Einem ausgegossen worden. Da wird weder an der Clever Bevölkerung, noch an den Rechtsanwälten, weder an dem Vorsitzenden, noch an dem ersten Staatsanwalt, noch an allen in dem Prozesse handelnden Personen ein gutes Haar gelassen. Die ganze Verhandlung wird eine „Juftizkommödie" genannt. Die Clever Bevölkerung ist „zu ruhig, zu liebenswürdig, zu schüchtern", natürlich! Nach Ansicht der Antisemiten müßte der Clever Pöbel das Gericht stürmen und den Buschhoff mitsammt Richtern, Anwälten und Allem was dran und drum hängt in Stücke zerreißen. Das geschähe ihnen recht, warum haben sie nicht „einem längst gefühlten Bedürfniß" der Antisemiten Rechnung getragen und den Buschhoff in der ersten Viertelstunde der Verhandlung wegen Verübung eines Ritualmordes zum Tode verurtheilt? Dann könnte man doch mit dem so lange heiß und vergeblich ersehnten Schlachtruf: „Seht Ihr, es gibt doch einen Ritualmord!" vor das Forum der antisemitischen Wähler treten. Erstaunlich ist nur, daß die Herren Gutachter sich Beleidigungen, Verdächtigungen und Verleumdungen wie sie in dem genannten Artikel enthalten sind, so ruhig gefallen lassen; über dieselben heißt es nämlich u. A. wörtlich: „Prof. Köster wollte wissen, ein so kräftiges Kind brauche nur zwei Pfund Blut zu besitzen, um dadurch die geringen Blutspuren zu erklären; zuletzt wird man sagen, das Kind habe überhaupt kein Blut gehabt, weil das so den Herren in den Kram pafft, Nöldecke endlich, ein waschechtes Rabbinergesicht, begutachtet den Talmud, nachdem er erklärt, er habe ihn jedoch nur zum Theil gelesen!!! Und das geht Alles unbeanstandet durch! Draußen aber auf dem Corridor steht die verzweifelte Mutter und ringt in ohnmächtigem Schmerze die Hände." Wir fragen, hat vielleicht der Kanonikus Rohling oder der Techniker Fritsch den Talmud ganz „gelesen"? Die Seuche des Antisemitismus grassirt nunmehr seit bald 20 Jahren. Liebermann von Sonnenberg ruft in derselben Nummer der „N. D. Z." mit Emphase aus, daß die meisten der führenden Männer der antisemitischen Partei schon ein Dutzend antisemitischer Kampfjahre hinter sich haben. In dieser Zeit hätten doch die Herren Semitenjäger, die vor 12 Jahren genau so auf den Talmud geschimpft haben, wie heute, einen der Ihrigen den ganzen Talmud „lesen" lassen können, wir denken die Zeit hätte gereicht, da es jüdische Jünglinge