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Der Israelit · 1892-07-14 · Heft 56 (14.7.1892) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
33 (1892)
Issue
Heft 56 (14.7.1892)
Date
1892-07-14
Page
– (sequence 2)
Language
German
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1030 glaube. Herr Wackerbarth, der protestantische Gesinnungsgenosse jenes Blattes hat seine Verlästerungen ja wenigstens zu beweisen versucht, aber fragt den Herrn Dr. Paul Nathan nur wie? In einer kürzlich von ihm herausgegebenen Schrift „Der Prozeß von Tisza-Eszlar" (Berlin. Fontane u. (5o.) weist er Schritt für Schritt die Nichtigkeit und Unwahrheit dieser Beweise nach, und zeigt, daß er Worte citirt, die er nach dem Citat gar nicht kennt. Aber aus Aberglauben—nun ja, Aberglauben findet sich auf allen Seiten und Blutmord aus Aberglauben ist in Wirklichkeit vorgekommen. Prof. Dr. Strack bringt Einiges hierüber in jener Schrift „Der Blutaberglaube bei Christen und Juden" (München. Beck.) Im Jahre 1874 wurde im Kreise Straßburg eine Frau von ihrer eigenen Nichte und deren Mann so lange mit der Feuerzange traktirt bis Blut floß, mit welchem sie ihr vermeintlich behextes Kind benetzte. In Jaschhütte erlitt ein Bauer einen Schenkelbruch, das hat eine in der Nähe wohnende 26jährige Hexe veranlaßt,- diese wird unter verschiedenen Ceremonien auf die Nase geschlagen, bis Blut floß, welches der Kranke in seinen ausgesperrten Mund auffangen mußte. Die Exorcisten wurden auf Antrag der Staatsanwaltschaft vom Kreisgericht zu Beireut am 16. Oct. 1868 mit drei Monaten Gefängniß bestraft. Bei den Dieben herrscht der Aberglaube durch Fleisch und Fett lebenden Menschen entnommen, sich unsichtbar machen zu können; Morde solche Fleisch- und Fettheile zu erlangen, wurden abgeurtheilt am 23. Juni 1865 an dem Arbeiter Gottfried Dallim und im Frühjahr 1888 vor dem Schwurgericht zu Oldenburg an dem Arbeiter Blieferntcht aus Sage. Dies aber waren Christen. Natürlich nicht, weil es Christen waren, sondern weil sie aus der niedrigsten Stufe der Cultur standen. Was an Blutaberglauben, soweit es sich auf das Blut lebender Menschen bezieht, bei den Juden bekannt ist, ist eine Sitte, die vor mehr als 800 Jahren im Morgenland herrschte, das Auge mit dem bet der Beschneidung jüdischer Kinder heruntergetropften Blut zu benetzen, das man in einer Schale mit Wasser aufgefangen, zur Waschung benutzte. Seit mehr als 400 Jahren ist dieser Brauch außer Uebung gekommen. Nun sei hier eine kleine Bemerkung, die Strack aus dem Werke von Fossel „Volksmedicin und medicinischer Aberglaube in Steiermark" (Graz 1886) mittheilt, zur Verwendung für die edle „Germania", die ja jeden Klatsch für erwiesene Thatsache hält, zum Besten gegeben. „Der Glaube an die Verwerthung der Leiche als Arznei, gelangt in -einem über das ganze Laud verbreiteten Wahne zu befremdlichem Ausdruck: Die barmherzigen Brüder in Graz sollten das Privilegium besitzen, alljährlich ein Menschenleben 1 für Heilzwecke ausbeuten zu dürfen. Hierzu wird ein junger Mensch, der etwa des Zahnziehens oder sonstiger leichter Erkrankung wegen in das Ordens- Spital gelangt, abgefangen, an den Füßen aufgehängt und zu Tod gekitzelt! Die ehrwürdigen Brüder sieden sodann den Leichnam zu Brei und verwenden letztern sowie das Fett und die verbrannten Knochen in ihrer Apotheke. Um Ostern sagen die Leute, verschwindet alljährlich auf diese Weise ein Bursche spurlos im Spitale." Das reden nicht böse Juden, das ist das Gerede von Christen; will die „Germania" auch dies zu ihren Beweisen für den christlichen Blutmord legend Wir glauben natürlich an dieses Geträtsch nicht, wir glauben es nicht, selbst wenn erzählt werden sollte, daß die barmherzigen Brüder einen Juden unter ihre Pharmacie - Artikel ausnähmen; die „Germania" mag soviel verdächtigen, wie sie will, wir werden ihr nicht mit gleicher Münze zahlen. Dagegen haben wir noch ein anderes Wort mit dieser „Zeitung für das deutsche Volk" zu reden. In ihrer Nr. 142 (Drittes Blatt) vom 25. Juni 1892 leitartikelt das edle Organ für Unduldsamkeit und Verläumdung über „Freisinnige Moral- und Freiheitsbegriffe." Die skandalöse Art der Anpreisung der „Judenbordelle" in den Straßen Berlins bietet den Anlaß zu folgender Emanation: „Wir können uns des Zweifels nicht entwehren, daß es nicht allein eine moralische Entrüstung ist, welche in der jüdifch-liberal-freisinnigen Presse jetzt in Flammen heiligen Zornes aufgeht. Oder ist es nicht eine Prüderie, eine elende Heuchelei sogar, wenn liberale Blätter das Wort „Bordelle" angeblich aus sittlichem Zartgefühl nicht vollständig drucken, sondern nur durch Pünktchen andeuten, dieselben Blätter, welche ihren Annoncentheil durch Aufnahme von Anpreisungen unsittlicher Schriften und durch „Heirathsgesuche" thatsächlich zu einem Bordelle machen? Verbirgt sich nicht hinter diesen „Heirathsgesuchen" thatsächlich die reine Kuppelei, der „Handel mit Menschenfleisch?" Selbst der „Vorwärts" hat gelegentlich unter besonderem Hinweis aus solche „Heirathsgesuche" im Berliner Tagebl. und im Israelit diese Inserate als „Skandalosa" bezeichnet und hinzugefügt„Ein anständiges Blatt gibt seine Spalten nicht dazu her, derartige Skandalosa zu veröffentlichen." Und der Vorwärts ist doch gewiß von jeder Prüderie frei." Wir haben diese Meisterleistung an Verläumdung und Niedertracht — unserem Blatte gegenüber verübt, hiermit etwas niedriger gehängt. Wir haben weder Lust noch Veranlassung, uns mit dem Jnserathentheil des „Berliner Tageblattes" oder der andern liberalen Blätter zu beschäftigen, oder dieselben zu

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