Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1892)
- Date
- 1892-07-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1010 lebender Bruder des Kaufmanns Jacob Schlimmer aus Obersitzko zur Gründung dieses Vereins einen Betrag von 500 M. geschickt hat. Derselbe ist dortselbs! ein unverheiratheter Kaufmann, gilt allgemein als Millionär und hat auch im vorigen Jahre dem Obersitzkoer Bürgerverein eine Spende von 1000 M. zukommen lassen. Der neu gegründete Frauen-Berein zählt bereits 34 Mitglieder, die allmonatlich einen Beitrag von 40 Pf. in die Kasse zahlen. Den Vorstand bilden die Ehefrau des Kaufmanns I. Manasse, des Bäckermeisters Simon Löwinsohn und Wittwe Lippmann daselbst. Thorn, 1. Juli. Eine Nummer der „Thorner Presse" wurde gerichtlich beschlagnahmt auf Grund einer Briefkastennotiz, nach welcher ein jüdischer Amtsrichter am ersten Pfingftfeiertage mehrstündige Verhöre vorgenommen hätte. Oesterr.-Ungar. Monarchie: Wien, 3. Juli. (Zurückweisung der Antisemiten im österreichischen Abgeordnetenhause.) Am gestrigen Sonnabend ist der Ministerpräsident Graf Taaffe bet seinem Erscheinen im österreichischen Abgeordnetenhause von zahlreichen Abgeordneten zur Wiedergenesung beglückwünscht worden. Im Laufe der Sitzung legte Graf Taaffe, Namens der Regierung Verwahrung ein gegen die Aeußerung des antisemitischen Abgeordneten Lueger in derselben Sitzung, „den Ministern müsse gezeigt werden, daß sie die Diener der Abgeordneten seien und nicht Letztere die Diener der Minister". Die Minister seien sich ihrer verfassungsmäßigen Verantwortlichkeit voll bewußt, sie seien jedoch ausschließlich Diener des Kaisers. Bulgarien. Sofia. Am 10. Dezember 1891 hat das bulgarische Parlament über ein neues Gesetz abgestimmt, welches das Bestehen der israelitischen und aller Privatschulen des Fürstenthums ernstlich bedroht. Bis jetzt wurden die israelitischen Schulen, in denen das offizielle bulgarische Schul-Programm eingehalten wird, außer den Subventionen der Alliance durch Schultaxen erhalten, die von der israelitischen Gemeinden auferlegt und eingezogen wurden, in verschiedenen Ortschaften sogar durch Beisteuer des Staates und der Gemeinde. Das neue Gesetz gestattet die Erhebung der Schultaxen nicht mehr, der Unterricht soll unentgeltlich fein, und die Schule wird nur noch freiwillige Gaben erhalten können; davon abgesehen, werden der Staat und die Gemeinden den nicht staatlichen Schulen keine Unterstützung mehr bewilligen können. So finden sich die israelitischen Schulen ihrer hauptsächlichsten Hilfsquellen beraubt. Andererseits sollte als notwendige Ergänzung zu dem allgemeinen Schulzwang und der Unentgeltlichkeit des Elementarunterricht die Neutralität der Schule auf religiösem Gebiete treten, aber die neue Gesetzgebung hält den confessionellen Charakter der öffentlichen Schule aufrecht, die israelitischen Eltern sehen sich also gezwungen, ihre Kinder in israelitische Schule zu schicken. Da die staatliche Elementarschule confessionell ist, so hätte die Gesetzgebung, unsers Erachtens, den israelitischen Privatschulen, die nach dem Muster der staatlichen Schule organisirt sind, die Vortheile dieser letzteren zubilligeu müssen. In einem Lande, in welchem die Gleichberechtigung aller Bürger vom Gesetz anerkannt und von der Regierung in loyaler Weise gehandhabt wird, läßt sich die Ungleichheit in der Behandlung nur durch ein Versehen des Gesetzgebers erklären, und man darf hoffen, daß die Regierung, wenn sie von den Folgen der neuen Gesetzgebung für die israelitischen Schulen des Fürstentums unterrichtet wird, getreu den Ueberlieserungen des Liberalismus und der Duldsamkeit, für welche sie schon mannigfache Beweise geliefert hat, dem Parlament eine Abänderung zu dem Gesetze vorlegen wird, die das Gewissen der israelitischen Bulgaren beruhigt. Die israelitischen Schulen von Sofia sind besonders bedroht, weil sie bis jetzt bedeutende Unterstützungen von der Stadt und dem Staate empfingen. Daher hat auch die israelitische Gemeinde von Sofia diesbezüglich eine Bittschrift an S. Excellenz den Minister des öffentlichen Unterrichts gerichtet. (Alliancbericht.) Feuilleton. Z>er Hünstking des Kzaren. Eine Erzählung aus Rußland. Von Jon. Lehmann, vr. Ml. (55. Fortsetzung.) Die Knechte hatten sich erzählt, daß das junge Fräulein unterwegs während ihrer Fahrt eine Ohnmacht gehabt habe, und Boleslaw kam, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, da er ihr, die ihn in dieses Haus verbracht, doch so sehr zu Dank verpflichtet war. Rosa freute sich über das Erscheinen des alten Knechtes, der seine Anhänglichkeit so liebevoll bekundete, sie war glücklich, im Schlosse nun doch noch wenigstens eine Seele zu haben, der sie vertrauen konnte. Nachdem sie von derjenigen, die sich als ihre Wohlthäterin aufgespielt hatte, so schmählich verrathen worden war, klammerte sie sich um so fester an diesen Einen. Es rührte sie bis zu Thränen, welches Interesse und welch' liebevolle Theilnahme der dankbare, gute Alte, für ihr Geschick an den Tag legte, und Rosa las ihm den Brief vor, der, wie sie glaubte, von ihrem Pflegevater geschrieben worden war. Boleslaw meinte zwar, daß ein sicherer Unterschlupf, wie ihn Rosa in dem Landschloffe besaß, durchaus nicht zu unterschätzen sei, indessen gab er ihr doch recht,