Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 33 (1892)
- Issue
- Heft 55 (11.7.1892)
- Date
- 1892-07-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1011 daß sie sich zu ihrem Vater begeben wollte. Er schien zwar in seiner naiven und ungebildeten Weise nicht recht zu begreifen, warum Rosa nicht ein Gefährt des Schlosses zu ihrer Fahrt nach Slobotka benutzen wollte, doch sagte er, die junge, gebildete Dame müsse das Alles freilich viel besser wissen, als er, der frühere Leibeigene, und sie möge ihn daher nicht um Rath fragen, sondern nur das thun, was sie selbst für gut halte; dagegen könne sie gelegentlich der Ausführung über ihn gebieten, wie über einen Sklaven, er wolle Alles thun, was sie nur von ihm verlangen könne, nur keinen Rath geben, denn dazu wäre er zu dumm; aber wie ein treues Hündchen wollte er ihr folgen und nur ihr angehören. Rosa setzte nun dem Knechte auseinander, daß sie mit Einbruch der Dämmerung das Landschloß verlassen wolle, um sich zu Fuß nach Slobotka zu begeben und Boleslaw möge sie dorthin begleiten. Mit Freuden stimmte der gefällige Knecht hiermit überein, doch wollte er für eine Droschki sorgen; er sagte, wenn auch die junge Dame kein Geld besäße, er habe sich bereits im Schlosse so viel erspart, daß es zur Besoldung des Miethkutschers ausreichen würde; indessen Rosa erklärte, sie könne sein Erbieten nicht annehmen, da sie nicht wisse, ob sie in Slobotka im Stande sei, ihm das vorgeschossene Geld zurückzugeben, sie habe schon einmal den Weg von Slobotka nach der Stadt allein und bei kälterer Jahreszeit zurückgelegt, und fürchte sich nicht vor demselben, wenn Boleslaw sie begleiten wolle. So beschlossen denn die Beiden, sich gegen Abend auf die Landstraße zu begeben, um bei tüchtigem Marsche in einigen Stunden das Dorf zu erreichen. Boleslaw hatte eine Laterne im Besitz, die er mitzunehmen versprach, er war dem jungen Mädchen behülflich, die wenigen Habseligkeiten zu einem Bündel zusammenzuschnüren, und als der Tag zur Neige ging, belud er sich mit dem Packen und führte durch eine in der Umfassung des großen Gartens versteckt gelegene Pforte das junge Mädchen in's Freie. Die Thür lag gerade dem Walde zu und sie gelangten auf einen einsamen Pfad, der direct nach dem Dorfe Slobotka führte. Einige tausend Schritte gingen sie schweigend neben einander, ein Jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt; Iwans Herz pochte stürmisch, doch er zwang sich zur Ruhe. „Es ist eine schöne, stille Nacht," ergriff endlich Boleslaw das Wort, „Ihr sagtet mir, Ihr hättet früher schon einmal diesen Weg bei Nacht zurückgelegt, weßhalb geschah das?" „Ich floh vor einem bösen Menschen in Slobotka." „Und weßhalb ward Ihr in Slobotka?" „Weil ein anderer böser Mensch mich in der Stadt verfolgte." „Es gibt viele böse Menschen in der Welt," flüsterte Boleslaw in mitleidvollem Tone. „Ja, bei Gott, das ist wahr!" entgegnete Rosa seufzend. Ein leichtes Lächeln spielte um die Mundwinkel Iwans, als er erwiederte: „Es gibt auch viele gute Menschen, nur hält man sie manchmal für böse" „Es ehrt Euch gutmüthiger, alter Boleslaw, daß Ihr so meint, aber das Trachten des Menschen ist bös von Anbeginn", sagt schon die Bibel. „Seht, Rosa Abrahamowna, wie man sich auch täuschen kann. Kannte ich da einen jungen Menschen, der hatte sich in ein Fräulein verliebt und liebte sie mit der vollen Gluth seines so sehr liebebedürftigen Herzens, er war eine Waise, und niemals war ihm ein Mensch liebevoll begegnet, sein Herz schien bereits abgestorben zu sein gegen jenes himmlische Gefühl, da plötzlich schlugen solche Regungen mit zum Himmel lodernder Flamme wieder machtvoll empor, er liebt, — so süß, so treu, so wahr, sagt Herrin, ist das wohl böse?" „Gewiß nicht," entgegnete Rosa, „im Gegentheil, derjenige, der aller Liebe beraubt ist von Jugend an, und dennoch stets sich darnach sehnt zu lieben, das muß ein guter Mensch sein." „Nicht wahr, Rosa Abrahamowna, das meint Ihr doch auch, gerade wie ich. Denkt aber nur, es ist ein Anderer da, der fröhlich und glücklich bei seinen lieben Eltern erzogen wurde, dem Gott alles Gute gab, und der liebt auch dasselbe Mädchen. Wem würdet Ihr wohl den Vorzug geben?" „Mein Herz würde sich für den früher Unglücklichen entscheiden", entgegnete Rosa, „es kommt indessen ganz darauf an, wen jenes junge Mädchen höher zu schätzen gewillt ist. Die Liebe muß frei sein, auch wenn sie blind ist, guter Boleslaw. Habt Ihr schon einmal über dergleichen nachgedacht?" Boleslaw antwortete nicht auf diese Frage, sondern griff auf die früheren Worte des jungen Mädchens zurück. „Nicht wahr," fuhr er fort. „Euer Herz würde sich für den entscheiden, der sein ganzes Leben lang der Liebe entbehren mußte, aber in der Geschichte, die ich Euch erzählen wollte — sie ist in unserem Heimathsdorf passirt — da war der von Glück mehr begünstigte junge Mann früher da und das junge Mädchen glaubte ihn zu lieben, und wies den Andern von sich." Rosa hörte aufmerskam die Erzählung des Knechtes an, während sie weiter schritten. „Der arme Mensch!" sprach sie nun seufzend.